[echo] Videokunst auf YouTube
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Jan 15 11:53:04 CET 2007
Süddeutsche Zeitung, 15.01.2007
Videokunst auf YouTube
Schnitt, Pornoszene, Schnitt
Vezzoli, Barney, Aitken: Wie Youtube inzwischen sogar den Museen mit
Videokunst Konkurrenz macht.
Von Holger Liebs
Das geht ja schon mal gut los: ,,Es gibt nur drei wirklich große
Menschheitsgeschichten‘‘, dröhnt unheilschwanger die Stimme aus dem
Off. ,,Die erste ist die Geburt Christi‘‘. Schnitt, Pornoszene,
Schnitt. ,,Die zweite ist der Tod Christi.‘‘ Wieder folgt eine kurze
Sex-Einblende. ,,Und die dritte und bei weitem größte gehört ... diesem
Mann‘‘. Nun sieht man einen blasierten Typ in Toga, umgeben von
Nackten. Er seufzt gelangweilt. Dann, in Großeinstellung, Milla
Jovovich, mit träumerischer Miene hauchend: ,,Caligula‘‘.
Das ist natürlich eine Parodie. Der mit überkandidelten, parodistischen
Sexszenen gespickte ,,Trailer for a Remake of Gore Vidal’s Caligula‘‘
des italienischen Künstlers Francesco Vezzoli, mit Staraufgebot von
Milla Jovovich über Courtney Love bis hin zum politischen Autor Gore
Vidal selbst, nimmt die Skandalisierungslust der Filmbranche, den
Celebrity-Wahn im Kunstbetrieb und die gegenwärtige Pornomode
gleichermaßen auf die Schippe. Und die römische Dekadenz ist unschwer
als Kritik der Machtverhältnisse im gegenwärtigen Amerika zu erkennen.
,,Jeder Augenblick der Geschichte ist düster‘‘, so darf Vidal selbst
den Film einleiten.
Piraten im Netz
Dieser grandiose, fiktive Fünf-Minuten-,,Trailer‘‘, zu dem es natürlich
keinen abendfüllenden Film geben wird, war der Überraschungserfolg der
venezianischen Kunstbiennale 2005. Seit Mitte vergangener Woche ist er
auf der Internet-Videobörse Youtube zu sehen, wenn man sich dort
angemeldet hat - was insofern erstaunt, als das Werk für den
Kunstbetrieb mittlerweile von beträchtlichem Wert ist.
Das Guggenheim-Museum bekam es 2006 von Vezzoli selbst als Schenkung
übereignet, am kommenden Donnerstag wird der Film in Anwesenheit Gore
Vidals und des Künstlers im Kölner Museum Ludwig vorgeführt, und auch
auf der Berlinale wird er im Februar vorgestellt, diesmal vom
Kunstmagazin Monopol. Im Juni schließlich bekommt Vezzoli erneut einen
Auftritt im italienischen Pavillon der Lagunen-Biennale.
Ist die Youtube-Kopie des ,,Trailers‘‘, bereitgestellt von der
Netzexistenz ,,Schismorz‘‘, ein Akt der Piraterie? Normalerweise wird
um das Copyright von Videokunst ein großes Gewese gemacht. Aus durchaus
nachvollziehbaren Gründen: Ähnlich wie bei der Fotografie wird im
Kunstmarkt die potentiell unendliche Reproduktionsmöglichkeit von
Videokunst auf nur wenige Kopien begrenzt, damit Künstler und Galerien
an ihren oft aufwendigen Produktionen auch etwas verdienen. In der
Münchner Privatsammlung von Ingvild Goetz gibt es eine Art begehbaren
Kühlschrank, wo ,,Masterbänder‘‘ und ,,Vorführkopien‘‘ bedeutender
Video-Kunstwerke konserviert und wie Reliquien gehütet werden.
Manche Videokassetten sind sogar signiert. Die junge
Videokunst-Sammlerin Julia Stoschek, die im Juni in Düsseldorf eigene
Räume eröffnet, sieht in den Youtube-Postings allerdings ,,gar kein
Problem‘‘: Die Flut von Kopien verweise auf die Gründungsjahre des
Mediums; damals habe es Videokunst auch unlimitiert gegeben. ,,Es
dürfte aber schon schwierig sein, eine Drei-, Vier- oder
Fünf-Kanal-Projektion zu kopieren.‘‘
Auf Youtube sind sowohl Filmschnipsel des Konzeptkünstlers John
Baldessari, Szenen aus den opulenten ,,Cremaster‘‘-Filmen Matthew
Barneys, der Trailer von Douglas Gordons ,,Zidane‘‘-Porträt wie auch
Handy-Aufnahmen von Olafur Eliassons großartiger Sonnen-Installation in
der Tate Modern 2002, zu der zwei Millionen Menschen pilgerten, zu
sehen.
Ein gefilmtes Tagebuch des litauischen Videopioniers Jonas Mekas gibt
es dort auch. Mehr Videokunst als bei Youtube findet man derzeit kaum
im Netz - wenn auch oft in miserabler Qualität abgefilmt und selten von
den Künstlern selbst eingespeist. Und immer noch sind die Beispiele ins
Netz gestellter Kunstwerke Einzelfälle.
Dennoch: Auf Youtube scheint sich mit digitaler Hilfe zu formieren, was
André Malraux in den Fünfzigern in Bildbänden dank farbiger
Reproduktionstechniken bereits verwirklicht sah: ein ,,imaginäres
Museum‘‘ jenseits der Kunsttempel. ,,Man stelle sich die Reichweite
vor‘‘, schwärmt Laura Cumming im Blog des Guardian - und warnt
gleichzeitig davor, dass die Grandezza der räumlichen Video-Projektion,
der Zwang, sich ihnen im Museum auszusetzen, ihre zeitraubenden
Entschleunigungsmechanismen als ,,fundamentales Etikett des Genres‘‘
auf den Computer-Screens verlorengingen.
Tatsächlich: Welcher Künstler möchte schon gerne, dass bei Betrachtung
seines Werks die Pausentaste gedrückt wird? Und dass man es statt in
Kinogröße nur als digitale Briefmarke wahrnimmt? Wer aber möchte sich,
auf der anderen Seite, Douglas Gordons auf 24 Stunden gestreckte
Version von Hitchcocks ,,Psycho‘‘ schon am Stück ansehen?
Videokunst bei Youtube, das ist auch ein zutiefst demokratisches
Vergnügen - in einem rechtsfreien Raum. Mehr als zehn Minuten Länge pro
Einspielung sind dort aber nicht erlaubt. Klaus Biesenbach,
Medienkurator beim MoMA, sieht die Lage denn auch entspannt: ,,Es ist
eine Form der Dokumentation, der Reproduktion und Vermittlung‘‘, meint
er. ,,Wie bei einem Katalog von Cindy Sherman. Die Bilder sind genauso
echt, aber eben in kleinerer Auflösung. Es sind Appetithäppchen. Ich
sehe da kein Drama.‘‘
Nur mit Zertifikat
Das Museum of Modern Art, hat die Zeichen der Zeit erkannt und kürzlich
einen eigenen Kanal bei Youtube eröffnet, mit einem - in diesem Fall
echten - Werbetrailer für die Videosequenzen, die der Künstler Doug
Aitken vom morgigen Dienstag an immer abends an die Fassaden des New
Yorker Museums werfen wird.
Die aufwändige Mehrfachprojektion ,,Sleepwalkers‘‘, mit der Agentur
Creative Time zusammen produziert - es wirken Donald Sutherland, Tilda
Swinton und die Sängerin Cat Power mit -, wird öffentlich und kostenlos
zu besichtigen sein. Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, bis
,,Sleepwalkers‘‘ seinerseits, von emsigen Digitalfilmern kopiert, bald
im Netz auftaucht.
Klaus Biesenbach findet das alles nicht schlimm: ,,Ich sehe im MoMA
täglich Leute mit irgendeinem Gerät im Anschlag dicht vor einem
Warhol-Video stehen. Bei den Proben zu Doug Aitkens Film ging es schon
am ersten Abend los. Ein Kunstwerk wird doch museal erst durch ein
Zertifikat, welches es auszeichnet.‘‘
Und was halten die, die es am meisten betrifft, also die Künstler, von
der Internet-Streuung ihrer Werke? Francesco Vezzoli hat nichts gegen
die Youtube-Kopie seines ,,Trailers‘‘: ,,Ich bin irgendwie erfreut und
überrascht‘‘, kommentiert er die Zahl von fast 30000 Zuschauern in nur
fünf Tagen. ,,Wenn aber nur einer der Schauspieler sich beschwert, muss
ich natürlich offiziell darauf bestehen, dass der Film bei Youtube
gesperrt wird.‘‘
(SZ vom 15.1.2007)
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