[echo] review: »target: autonopop« im trottoir

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Wed Jan 17 14:51:15 CET 2007


zum dritten mal hatte die gruppe »target: autonopop« am vergangenen 
freitag zu einem "open mic" ins trottoir eingeladen.

das grundprinzip des formats "open mic" ist – wie der name schon sagt – 
dass das mikrofon jedem zugänglich ist. das format stammt aus dem 
literaturbetrieb, wo autorInnen – mit wenig anderen vorgaben als einer 
10minütigen zeitvorgabe – die gelegenheit geboten wird, ihre 
literarischen werke zum besten zu geben. »target: autonopop« hat das 
format in den bereich der bildenden kunst übertragen, nicht um 
künstlerInnen die möglichkeiten zu geben, ihre werke zu zeigen oder 
vorzuführen, sondern um über DAS öffentlich sprechen zu können, was am 
drängensten und wichtisten ist für künstlerInnen: den kunstbetrieb, die 
produktionsbedingungen im betrieb, wichtige entwicklungen in der stadt, 
das worum es geht oder gehen sollte beim "kunst machen", und und und.

öffentlich unzensiert sprechen zu können, das ist gewöhnungsbedürftig, 
nicht nur im kunstbetrieb, aber auch da. ja, hat man sich vielfach doch 
bereits mit der position des konsumenten, der zuschauerin, abgefunden 
bei den zahlreichen "diskussionveranstaltungen". in hierarchischen 
settings, in konfrontativer anordnung, meistens mit einem mikrofon, das 
der hauptredner ungern aus der hand gibt, der dann auch soviel und so 
lange redet, dass kaum zeit bleibt für die angekündigte "diskussion", 
und wenn, dann zu dem vorgegeben thema – in das man gerade nicht so 
eingearbeitet ist und sich mit einem unüberlegten beitrag bestenfalls 
blamieren kann...

wo also ist der platz, an dem man merkt, wie schwer es ist, die eigene 
meinung gut zu begründen, oder wo man feststellen kann, dass die eigene 
meinung noch nicht so gefestigt ist, weil man viele argumente noch gar 
nicht erwogen hatte,  wo man also laut nachdenken kann, gemeinsam mit 
anderen, fragen stellen kann, themen auf den tisch bzw. an die wand 
bringen kann, wo man experimentieren kann mit dem öffentlichen 
sprechen, wo man lernt, sich auszutauschen und sich auszudrücken, wo 
man herausfinden kann, dass die eigenen schwierigkeiten nicht "privat" 
sind, sondern "politisch" und dass es gemeinsamkeiten gibt und 
womöglich sogar gemeinsames handeln beginnt?

der ideale platz für all das und vielmehr ist ein "open mic". das "open 
mic" ist nicht eine feste gruppe oder ein bestimmtes thema, sondern nur 
ein FORMAT, in dem sehr viel – fast alles – möglich ist. die drei 
veranstalter des "open mic" vom vergangenen freitag, michel chevalier, 
rahel puffert und tobias still fungieren dabei als impulsgeber und 
moderatorInnen. auf einer langen liste an der wand hängen stichpunkte, 
die man als anlass für eine diskussion nehmen kann. das prinzip dabei 
ist, sehr verschiedene ebenen zu mischen und sprünge von "Blockierten 
Erfahrungen" über "Die AG Bildende Kunst" bis hin zu "Formalismus: 
moderner Quietismus, heute" zu vollführen.

durch die gesamte veranstaltung zog sich erstaunlicherweise das 
interesse an der AG bildende kunst, die zwar als thema auf der liste 
stand, aber als eines von fast 40 weiteren. wahrscheinlich kann man das 
interesse dadurch erklären, dass die AG eine art schnittpunkt ist 
zwischen offizieller kulturpolitik und der vertretung von interessen 
der bildenden kunst – die gleich sein sollten den künstlerinteressen – 
und zumindest lokal einigen einfluss hat auf die produktionsbedinungen 
von künstlerInnen.
sie eignete sich bestens als anlass, grundsätzlich darüber zu streiten, 
ob eine einmischung in politik und kulturpolitik vonseiten der 
künstlerInnen wünschenswert und sinnvoll ist oder ob nicht durch das 
sich-einbringen in die verhältnisse die "wahre" künstlerische haltung 
automatisch verloren ginge. diese beiden perspektiven standen relativ 
unvereinbar nebeneinander, wobei die durchwegs von jungen, männlichen 
künstlern  heftig vertretene haltung "hinsehen und weitergehen" – also 
nicht politisch aktiv werden – etwas mantra-artig und mehr angelernt 
als reflektiert wirkte und meist bei zwei, drei nachfragen nicht mehr 
zu tage brachte als heillose widersprüche. denn es bekümmerte durchwegs 
alle, dass die ksk gerade dabei ist 10% ihrer mitglieder rauszuwerfen, 
und zwar ausgerechnet diese, die die ksk am meisten benötigen, die die 
"nur" kunst machen und damit einfach nicht genug verdienen. der 
dahinter stehende umbau der ksk weg von den bedürfnissen der 
künstlerInnen hin zu einer kasse der prekären creative industries 
scheint niemanden weiter zu interessieren. künstlerInnen mit weniger 
als 5000 euro netteinkommen im jahr fliegen raus (unabhängig vom 
umsatz). niemand vertritt ihre interessen lautstark. auch hier nur 
hinsehen und weitergehen? der bezug zur AG bildende kunst hier ist die 
simple frage: warum tun die oder der BBK nichts? warum organisieren sie 
keinen protest? warum hat oder nimmt sie keinen einfluss auf die 
wirklich wichtigen dinge?

während einerseits die intransparenz der AG angeprangert wurde, ihre in 
30 jahren gewachsene verkrustung, die gegen jegliche reformen resistent 
ist, ihre einseitigkeit (überalterung), ihr mangelndes engagement und 
ihre handlungsunfähigkeit, beklagte man ihr beharren auf der wenigen 
verbliebenen macht, jurys zu besetzen. zwar wurde einem mehrmals 
vorgetragenen vorschlag, die AG abzuschaffen und eine ganz neue art der 
interessenvertretung im bereich der bildenden kunst  in und für hamburg 
zu konzipieren, nicht nachgekommen, doch blieb ihre obsoletheit 
unbestritten sowie ihr anspruch "die" bildende kusnt zu vertreten 
fragwürdig. gleichzeitig stelle sie nur EIN problem dar unter den 
vielen problemen der bildenden kunst und der künstlerInnen in dieser 
stadt.

man versuchte auch die diskussion über den artist pension trust 
zusammenzufassen, was nicht wirklich gelang. über die korruptheit des 
kunstbetriebes kann sich niemand mehr ernstlich aufregen, die kunst vor 
der warenförmigkeit und dem regime der marketing-experten zu retten, 
sie den klauen der "bourgoisie" entreissen, mag ehrenhaft sein, doch 
bei einer genaueren bestimmung des eigenen standorts und der 
alternativen vorstellungen und visionen spätestens beginnen die 
schwierigkeiten. so kam der vorschlag, den apt als beispiel dafür zu 
sehen, dass der betrieb nicht nur korrupt ist, sondern es inzwischen 
als so selbstverständlich empfunden wird, dass man es ganz offen 
zelebriert. wer sollte warum und was dagegen unternehmen? gibt es eine 
alternative zum (ersten, zweiten, dritten) kunstmarkt? erstaunt stellte 
man fest, dass allem abgeklärten zynismus zum trotz ein kritischer text 
michael lingners, veröffentlicht zuerst in "texte zur kunst" immerhin 
soviel wirbel ausslöste, dass ein in hamburg agierender apt-kurator 
dazu gezwungen war, aus diesem amt zurückzutreten...

egal, welches thema aufgegriffen wurde, eigentlich endete jedes mehr 
oder weniger bei der frage, worin die künstlerInnen ihre aufgabe sehen, 
ob ihre arbeit eine gesellschaftliche funktion habe, wie man diese 
beschreiben könne und nicht zuletzt, wer dafür bezahlen solle. gerade 
bei jungen künstlerInnen zeigte sich jedoch ein erschreckender 
zynismus. sie wissen (oder meinen), dass sie verloren haben ohne 
"yilmaz-conncetion" und versuchen sich gleichzeitig krampfhaft zu 
klammern an das "andere" der kunst, den moment der freiheit, den sie 
beim "kunst machen" verspüren. "hinsehen und weitergehen", "nicht 
nachdenken, sondern kunst machen" – tja, wie machen, unter welchen 
bedingungen, und für wen, wenn die schnittstellen zur öffentlichkeit 
fehlen?

dabei hängen einige unverbesserliche immer noch der idee einer 
staatlichen kunstförderung nach. einerseits hoffen sie damit (wie hans 
haacke), auf der moralisch einwandfreien seite bleiben zu können, sich 
also nicht an sponsoren, mäzene und sammler und deren oft zweifelhafte 
interessen verkaufen zu müssen, wobei gleichzeitig von der staatlichen 
förderung oft und vielleicht absurderweise auch genau die unterstützung 
der nicht marktgängigen, schwierigen und kritischen kunst verlangt 
wird.
neben einer sehr naiven vorstellung von "staat"  und öffentlicher hand 
als integeren und selbstlosen geldgeber, die dahinter steht, entpuppt 
sich aber genau dieser staat und seine kulturpolitik gerade als 
gänzlich neoliberaisiert, d.h. er fördert entweder das, was erfolg im 
markt verspricht oder das, was seine (z.b. stadtentwicklungs-)politik 
freundlich illustriert (bsp. hafencity).
was dann? also doch kulturpolitisches engagement?
oder weiter allein und an allen fronten kämpfen bzw. schleimen?

als abschluss einige zitate aus der  diskussion, die nicht nur ernst 
und hoffnungslos, sondern auch teilweise sehr lustig war:

-- definition von kunsthochschules: "die ist für die professoren da. 
damit die künstler, die gute ideen haben, es aber auf dem markt nicht 
geschafft haben (professoren) auch ein einkommen haben".
-- "künstler sollen nicht an ihrer verwaltung teilhaben, weil sie 
können sich nicht selbst verwalten. künstler können gar nichts 
verwalten."
-- der hamburger kunstbetrieb sei ein "streichelzoo", mit 
exemplarischen vertretern ihrer spezies: kunstvereinsdirektor, sammler, 
kritikern, künstlern. -- "künstler erfinden ein einkommen, das sie 
nicht haben (und zahlen sogar steuern dafür), um in der ksk bleiben 
können."

und vieles, vieles mehr. der abend endete gegen 1 uhr morgens!

themen und ebenen so und innerhalb dieses formats zu mischen sieht auf 
den ersten blick aus wie beliebiger nonsense, schafft aber eine 
erstaunliche situation: am freitag produzierte es für eine begrenzte 
zeit, eine gemeinsame, komplexe realität, zu der alle beitragen und die 
alle teilen konnten, die es wollten. dies gelingt nicht automatisch in 
offen angelegten situationen, sondern bedarf einer erfahrenen 
moderation und einer genauen kenntnis der formgebung solcher 
situationen.

www.targetautonopop.org




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