AW: [echo] review: » target: autonopop « im trottoir
Chrisdian Wittenburg
rampensommer at ute-ev.de
Fri Jan 19 16:34:26 CET 2007
Liebe Conny!
Etwas ins unsaubere geschrieben:
Wenn Du gerade daran arbeitest Kulturpolitik sexy zu machen, kannst Du auch
gleich mal das Thema "Engagement/Thematisierung (für) behinderte® Menschen"
mit bearbeiten? Ich habe das Gefühl, meine Arbeit diesbezüglich an den
äußersten Rand der Sexyness getrieben zu haben. Das nicht so sehr als
Gejammer gemeint, wie schwer alles sei, ungerecht und trotzdem wichtig,
sonder eher als ERKENNTNIS!
chrisdian
Am 19.01.2007 11:32 Uhr schrieb "cornelia sollfrank" unter
<cornelia at snafu.de>:
> lieber benjamin,
>
> ganz bestimmt war die diskussion am freitagabend keine
> informationsverantsaltung, in der fakten über die ksk verbreitet
> wurden, alles eher emontional. danke deshalb für deine
> richtigstellung. die war sicher notwendig.
>
> ich persönlich finde durchaus - und tue es auch, wie du weisst -, dass
> sich die künstlerInnen mit ihren eigenen lebens- und arbeitsbedinungen
> beschäftigen und für deren verbesserung kämpfen sollten, aber das gilt
> bei den meisten weiterhin als UNCOOL, schlichtweg deshalb, weil gerade
> die jungen, die ihre karriere noch vor sich meinen zu haben, sich nicht
> an vorbildern orientiern wollen, die es zu nichts (oder wenig) gebracht
> haben - um es mal etwas überspitzt auszudrücken - sondern lieber so
> sein wollen wie die "meeses", die zwar auch kostenlos studiert und das
> hamburg-stipendium gern mitgenommen haben, nun aber überfliegermäßige
> darwinisten sind. dabei haben sie das dogma verinnerlicht, dass
> künstler, die politisch sind, keine künstler mehr sind, was vermutlich
> der preis des erfolges im bürgerlichen kunstbetrieb ist: die totale
> entmündigung.
>
> und so lange das als cool gilt, haben wir keine chance, uns z.b. gegen
> die abschaffung der ksk zu wehren, was langfrsitig sicher passieren
> wird.
>
> es gibt nur eine lösung: kulturpolitik muss sexy werden! ich arbeite
> daran ;-)
>
> best, c.
>
>
> Am 18.01.2007 um 19:44 schrieb benjamin:
>
>> hallo cornelia!
>>
>> dein bericht von open mic ist sehr interessant geschrieben, ich wäre
>> gerne dabei gewesen. du beschreibst auch sehr vorsichtig den wert von
>> statements die sich auf einen aspekt fokusieren ohne komplexe
>> zusammenhänge berücksichtigen zu wollen....aber hilft das wirklich
>> weiter?
>>
>> manches wird durch diese vereinfachungen schlicht falsch und das dann
>> auch bis zur unerträglichkeit.
>>
>> z.B. ist der BBK die einzige der vielen hamburger gruppierungen der
>> "off szene", die häufig so ungerne etwas mit "realer politik" zu tun
>> haben wollen und deshalb auf die "bodenständigkeit" des verbandes
>> schimpfen, die in Berlin und Bonn sehr intensiv dabei ist die
>> schlimmsten einschnitte bei der ksk zu verhindern...zwischen
>> mangelnder unterstützung durch mitglieder, beschränkter finanzieller
>> ausstattung und aktionsmöglichkeiten in berlin/bonn steht ein direkter
>> zusammenhang...sicherlich sind die ergebniss nicht zufriedenstellend
>> aber immerhin wird nicht nach der steuererklärung abgerechnet
>> sonderndas prinzip der selbsteinschätzung bleibt erhalten....das
>> rettet viele ....mehr war mit den vorhandenen mittel nicht
>> durchzusetzen.....wie kommt es, das diese zusammenhänge so
>> ausgeblendet werden? ....und wer bei 4500 euro gewinn meint er müßte
>> steuern bezahlen ist uninformiert und dann auch zurecht im
>> streichelzoo.
>>
>> aber es ging ja im wesentlichen auch um das gefühl...das finde ich
>> richtig und wichtig...es muß aber auch der moment kommen mit klarem
>> kopf die konsequenzen zu ziehen....nicht weiter zu jammern sondern die
>> tatsachen abzuwägen....das gelingt viel zu selten....und damit schaden
>> wir (künstler) uns selber.
>>
>> konsequenzen? wer sich die finger im politischen geschäft nicht
>> schmutzig machen will sollte zumindest andere dafür bezahlen das sie
>> es für ihn machen - durch seinen Mitgliedschaft.
>>
>> Oder?
>>
>> Benjamin
>>
>>
>>
>> sollfrank wrote:
>>
>>> zum dritten mal hatte die gruppe »target: autonopop« am vergangenen
>>> freitag zu einem "open mic" ins trottoir eingeladen.
>>>
>>> das grundprinzip des formats "open mic" ist wie der name schon sagt
>>> dass das mikrofon jedem zugänglich ist. das format stammt aus dem
>>> literaturbetrieb, wo autorInnen mit wenig anderen vorgaben als
>>> einer 10minütigen zeitvorgabe die gelegenheit geboten wird, ihre
>>> literarischen werke zum besten zu geben. »target: autonopop« hat das
>>> format in den bereich der bildenden kunst übertragen, nicht um
>>> künstlerInnen die möglichkeiten zu geben, ihre werke zu zeigen oder
>>> vorzuführen, sondern um über DAS öffentlich sprechen zu können, was
>>> am drängensten und wichtisten ist für künstlerInnen: den
>>> kunstbetrieb, die produktionsbedingungen im betrieb, wichtige
>>> entwicklungen in der stadt, das worum es geht oder gehen sollte beim
>>> "kunst machen", und und und.
>>>
>>> öffentlich unzensiert sprechen zu können, das ist
>>> gewöhnungsbedürftig, nicht nur im kunstbetrieb, aber auch da. ja, hat
>>> man sich vielfach doch bereits mit der position des konsumenten, der
>>> zuschauerin, abgefunden bei den zahlreichen
>>> "diskussionveranstaltungen". in hierarchischen settings, in
>>> konfrontativer anordnung, meistens mit einem mikrofon, das der
>>> hauptredner ungern aus der hand gibt, der dann auch soviel und so
>>> lange redet, dass kaum zeit bleibt für die angekündigte "diskussion",
>>> und wenn, dann zu dem vorgegeben thema in das man gerade nicht so
>>> eingearbeitet ist und sich mit einem unüberlegten beitrag bestenfalls
>>> blamieren kann...
>>>
>>> wo also ist der platz, an dem man merkt, wie schwer es ist, die
>>> eigene meinung gut zu begründen, oder wo man feststellen kann, dass
>>> die eigene meinung noch nicht so gefestigt ist, weil man viele
>>> argumente noch gar nicht erwogen hatte, wo man also laut nachdenken
>>> kann, gemeinsam mit anderen, fragen stellen kann, themen auf den
>>> tisch bzw. an die wand bringen kann, wo man experimentieren kann mit
>>> dem öffentlichen sprechen, wo man lernt, sich auszutauschen und sich
>>> auszudrücken, wo man herausfinden kann, dass die eigenen
>>> schwierigkeiten nicht "privat" sind, sondern "politisch" und dass es
>>> gemeinsamkeiten gibt und womöglich sogar gemeinsames handeln beginnt?
>>>
>>> der ideale platz für all das und vielmehr ist ein "open mic". das
>>> "open mic" ist nicht eine feste gruppe oder ein bestimmtes thema,
>>> sondern nur ein FORMAT, in dem sehr viel fast alles möglich ist.
>>> die drei veranstalter des "open mic" vom vergangenen freitag, michel
>>> chevalier, rahel puffert und tobias still fungieren dabei als
>>> impulsgeber und moderatorInnen. auf einer langen liste an der wand
>>> hängen stichpunkte, die man als anlass für eine diskussion nehmen
>>> kann. das prinzip dabei ist, sehr verschiedene ebenen zu mischen und
>>> sprünge von "Blockierten Erfahrungen" über "Die AG Bildende Kunst"
>>> bis hin zu "Formalismus: moderner Quietismus, heute" zu vollführen.
>>>
>>> durch die gesamte veranstaltung zog sich erstaunlicherweise das
>>> interesse an der AG bildende kunst, die zwar als thema auf der liste
>>> stand, aber als eines von fast 40 weiteren. wahrscheinlich kann man
>>> das interesse dadurch erklären, dass die AG eine art schnittpunkt ist
>>> zwischen offizieller kulturpolitik und der vertretung von interessen
>>> der bildenden kunst die gleich sein sollten den künstlerinteressen
>>> und zumindest lokal einigen einfluss hat auf die
>>> produktionsbedinungen von künstlerInnen.
>>> sie eignete sich bestens als anlass, grundsätzlich darüber zu
>>> streiten, ob eine einmischung in politik und kulturpolitik vonseiten
>>> der künstlerInnen wünschenswert und sinnvoll ist oder ob nicht durch
>>> das sich-einbringen in die verhältnisse die "wahre" künstlerische
>>> haltung automatisch verloren ginge. diese beiden perspektiven standen
>>> relativ unvereinbar nebeneinander, wobei die durchwegs von jungen,
>>> männlichen künstlern heftig vertretene haltung "hinsehen und
>>> weitergehen" also nicht politisch aktiv werden etwas mantra-artig
>>> und mehr angelernt als reflektiert wirkte und meist bei zwei, drei
>>> nachfragen nicht mehr zu tage brachte als heillose widersprüche. denn
>>> es bekümmerte durchwegs alle, dass die ksk gerade dabei ist 10% ihrer
>>> mitglieder rauszuwerfen, und zwar ausgerechnet diese, die die ksk am
>>> meisten benötigen, die die "nur" kunst machen und damit einfach nicht
>>> genug verdienen. der dahinter stehende umbau der ksk weg von den
>>> bedürfnissen der künstlerInnen hin zu einer kasse der prekären
>>> creative industries scheint niemanden weiter zu interessieren.
>>> künstlerInnen mit weniger als 5000 euro netteinkommen im jahr fliegen
>>> raus (unabhängig vom umsatz). niemand vertritt ihre interessen
>>> lautstark. auch hier nur hinsehen und weitergehen? der bezug zur AG
>>> bildende kunst hier ist die simple frage: warum tun die oder der BBK
>>> nichts? warum organisieren sie keinen protest? warum hat oder nimmt
>>> sie keinen einfluss auf die wirklich wichtigen dinge?
>>>
>>> während einerseits die intransparenz der AG angeprangert wurde, ihre
>>> in 30 jahren gewachsene verkrustung, die gegen jegliche reformen
>>> resistent ist, ihre einseitigkeit (überalterung), ihr mangelndes
>>> engagement und ihre handlungsunfähigkeit, beklagte man ihr beharren
>>> auf der wenigen verbliebenen macht, jurys zu besetzen. zwar wurde
>>> einem mehrmals vorgetragenen vorschlag, die AG abzuschaffen und eine
>>> ganz neue art der interessenvertretung im bereich der bildenden kunst
>>> in und für hamburg zu konzipieren, nicht nachgekommen, doch blieb
>>> ihre obsoletheit unbestritten sowie ihr anspruch "die" bildende kusnt
>>> zu vertreten fragwürdig. gleichzeitig stelle sie nur EIN problem dar
>>> unter den vielen problemen der bildenden kunst und der künstlerInnen
>>> in dieser stadt.
>>>
>>> man versuchte auch die diskussion über den artist pension trust
>>> zusammenzufassen, was nicht wirklich gelang. über die korruptheit des
>>> kunstbetriebes kann sich niemand mehr ernstlich aufregen, die kunst
>>> vor der warenförmigkeit und dem regime der marketing-experten zu
>>> retten, sie den klauen der "bourgoisie" entreissen, mag ehrenhaft
>>> sein, doch bei einer genaueren bestimmung des eigenen standorts und
>>> der alternativen vorstellungen und visionen spätestens beginnen die
>>> schwierigkeiten. so kam der vorschlag, den apt als beispiel dafür zu
>>> sehen, dass der betrieb nicht nur korrupt ist, sondern es inzwischen
>>> als so selbstverständlich empfunden wird, dass man es ganz offen
>>> zelebriert. wer sollte warum und was dagegen unternehmen? gibt es
>>> eine alternative zum (ersten, zweiten, dritten) kunstmarkt? erstaunt
>>> stellte man fest, dass allem abgeklärten zynismus zum trotz ein
>>> kritischer text michael lingners, veröffentlicht zuerst in "texte zur
>>> kunst" immerhin soviel wirbel ausslöste, dass ein in hamburg
>>> agierender apt-kurator dazu gezwungen war, aus diesem amt
>>> zurückzutreten...
>>>
>>> egal, welches thema aufgegriffen wurde, eigentlich endete jedes mehr
>>> oder weniger bei der frage, worin die künstlerInnen ihre aufgabe
>>> sehen, ob ihre arbeit eine gesellschaftliche funktion habe, wie man
>>> diese beschreiben könne und nicht zuletzt, wer dafür bezahlen solle.
>>> gerade bei jungen künstlerInnen zeigte sich jedoch ein erschreckender
>>> zynismus. sie wissen (oder meinen), dass sie verloren haben ohne
>>> "yilmaz-conncetion" und versuchen sich gleichzeitig krampfhaft zu
>>> klammern an das "andere" der kunst, den moment der freiheit, den sie
>>> beim "kunst machen" verspüren. "hinsehen und weitergehen", "nicht
>>> nachdenken, sondern kunst machen" tja, wie machen, unter welchen
>>> bedingungen, und für wen, wenn die schnittstellen zur öffentlichkeit
>>> fehlen?
>>>
>>> dabei hängen einige unverbesserliche immer noch der idee einer
>>> staatlichen kunstförderung nach. einerseits hoffen sie damit (wie
>>> hans haacke), auf der moralisch einwandfreien seite bleiben zu
>>> können, sich also nicht an sponsoren, mäzene und sammler und deren
>>> oft zweifelhafte interessen verkaufen zu müssen, wobei gleichzeitig
>>> von der staatlichen förderung oft und vielleicht absurderweise auch
>>> genau die unterstützung der nicht marktgängigen, schwierigen und
>>> kritischen kunst verlangt wird.
>>> neben einer sehr naiven vorstellung von "staat" und öffentlicher
>>> hand als integeren und selbstlosen geldgeber, die dahinter steht,
>>> entpuppt sich aber genau dieser staat und seine kulturpolitik gerade
>>> als gänzlich neoliberaisiert, d.h. er fördert entweder das, was
>>> erfolg im markt verspricht oder das, was seine (z.b.
>>> stadtentwicklungs-)politik freundlich illustriert (bsp. hafencity).
>>> was dann? also doch kulturpolitisches engagement?
>>> oder weiter allein und an allen fronten kämpfen bzw. schleimen?
>>>
>>> als abschluss einige zitate aus der diskussion, die nicht nur ernst
>>> und hoffnungslos, sondern auch teilweise sehr lustig war:
>>>
>>> -- definition von kunsthochschules: "die ist für die professoren da.
>>> damit die künstler, die gute ideen haben, es aber auf dem markt nicht
>>> geschafft haben (professoren) auch ein einkommen haben".
>>> -- "künstler sollen nicht an ihrer verwaltung teilhaben, weil sie
>>> können sich nicht selbst verwalten. künstler können gar nichts
>>> verwalten."
>>> -- der hamburger kunstbetrieb sei ein "streichelzoo", mit
>>> exemplarischen vertretern ihrer spezies: kunstvereinsdirektor,
>>> sammler, kritikern, künstlern. -- "künstler erfinden ein einkommen,
>>> das sie nicht haben (und zahlen sogar steuern dafür), um in der ksk
>>> bleiben können."
>>>
>>> und vieles, vieles mehr. der abend endete gegen 1 uhr morgens!
>>>
>>> themen und ebenen so und innerhalb dieses formats zu mischen sieht
>>> auf den ersten blick aus wie beliebiger nonsense, schafft aber eine
>>> erstaunliche situation: am freitag produzierte es für eine begrenzte
>>> zeit, eine gemeinsame, komplexe realität, zu der alle beitragen und
>>> die alle teilen konnten, die es wollten. dies gelingt nicht
>>> automatisch in offen angelegten situationen, sondern bedarf einer
>>> erfahrenen moderation und einer genauen kenntnis der formgebung
>>> solcher situationen.
>>>
>>> www.targetautonopop.org
>>>
>>> _______________________________________________
>>> echo mailing list
>>> echo at soundwarez.org
>>> http://soundwarez.org/mailman/listinfo/echo
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>>> __________ NOD32 1984 (20070117) Information __________
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>>> Diese E-Mail wurde vom NOD32 antivirus system geprüft
>>> http://www.nod32.com
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>> --
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