AW: [echo] review: »target: autonopop« im trottoir
benjamin
benjamin at corsoderlichtgestalten.de
Sat Jan 20 10:42:52 CET 2007
liebe cornelia!
ja, machen wir es sexy ......denn wie du schon an meese klar stellst:
wir profitieren (noch) von dem was die genartion vor uns erkämpft hat -
welche wüste hinterlassen wir den nachwachsenden?
also machen wir weiter!
einen schönen tag!
benjamin
Chrisdian Wittenburg wrote:
>Liebe Conny!
>Etwas ins unsaubere geschrieben:
>Wenn Du gerade daran arbeitest Kulturpolitik sexy zu machen, kannst Du auch
>gleich mal das Thema "Engagement/Thematisierung (für) behinderte® Menschen"
>mit bearbeiten? Ich habe das Gefühl, meine Arbeit diesbezüglich an den
>äußersten Rand der Sexyness getrieben zu haben. Das nicht so sehr als
>Gejammer gemeint, wie schwer alles sei, ungerecht und trotzdem wichtig,
>sonder eher als ERKENNTNIS!
>chrisdian
>
>
>Am 19.01.2007 11:32 Uhr schrieb "cornelia sollfrank" unter
><cornelia at snafu.de>:
>
>
>
>>lieber benjamin,
>>
>>ganz bestimmt war die diskussion am freitagabend keine
>>informationsverantsaltung, in der fakten über die ksk verbreitet
>>wurden, alles eher emontional. danke deshalb für deine
>>richtigstellung. die war sicher notwendig.
>>
>>ich persönlich finde durchaus - und tue es auch, wie du weisst -, dass
>>sich die künstlerInnen mit ihren eigenen lebens- und arbeitsbedinungen
>>beschäftigen und für deren verbesserung kämpfen sollten, aber das gilt
>>bei den meisten weiterhin als UNCOOL, schlichtweg deshalb, weil gerade
>>die jungen, die ihre karriere noch vor sich meinen zu haben, sich nicht
>>an vorbildern orientiern wollen, die es zu nichts (oder wenig) gebracht
>>haben - um es mal etwas überspitzt auszudrücken - sondern lieber so
>>sein wollen wie die "meeses", die zwar auch kostenlos studiert und das
>>hamburg-stipendium gern mitgenommen haben, nun aber überfliegermäßige
>>darwinisten sind. dabei haben sie das dogma verinnerlicht, dass
>>künstler, die politisch sind, keine künstler mehr sind, was vermutlich
>>der preis des erfolges im bürgerlichen kunstbetrieb ist: die totale
>>entmündigung.
>>
>>und so lange das als cool gilt, haben wir keine chance, uns z.b. gegen
>>die abschaffung der ksk zu wehren, was langfrsitig sicher passieren
>>wird.
>>
>>es gibt nur eine lösung: kulturpolitik muss sexy werden! ich arbeite
>>daran ;-)
>>
>>best, c.
>>
>>
>>Am 18.01.2007 um 19:44 schrieb benjamin:
>>
>>
>>
>>>hallo cornelia!
>>>
>>>dein bericht von open mic ist sehr interessant geschrieben, ich wäre
>>>gerne dabei gewesen. du beschreibst auch sehr vorsichtig den wert von
>>>statements die sich auf einen aspekt fokusieren ohne komplexe
>>>zusammenhänge berücksichtigen zu wollen....aber hilft das wirklich
>>>weiter?
>>>
>>>manches wird durch diese vereinfachungen schlicht falsch und das dann
>>>auch bis zur unerträglichkeit.
>>>
>>>z.B. ist der BBK die einzige der vielen hamburger gruppierungen der
>>>"off szene", die häufig so ungerne etwas mit "realer politik" zu tun
>>>haben wollen und deshalb auf die "bodenständigkeit" des verbandes
>>>schimpfen, die in Berlin und Bonn sehr intensiv dabei ist die
>>>schlimmsten einschnitte bei der ksk zu verhindern...zwischen
>>>mangelnder unterstützung durch mitglieder, beschränkter finanzieller
>>>ausstattung und aktionsmöglichkeiten in berlin/bonn steht ein direkter
>>>zusammenhang...sicherlich sind die ergebniss nicht zufriedenstellend
>>>aber immerhin wird nicht nach der steuererklärung abgerechnet
>>>sonderndas prinzip der selbsteinschätzung bleibt erhalten....das
>>>rettet viele ....mehr war mit den vorhandenen mittel nicht
>>>durchzusetzen.....wie kommt es, das diese zusammenhänge so
>>>ausgeblendet werden? ....und wer bei 4500 euro gewinn meint er müßte
>>>steuern bezahlen ist uninformiert und dann auch zurecht im
>>>streichelzoo.
>>>
>>>aber es ging ja im wesentlichen auch um das gefühl...das finde ich
>>>richtig und wichtig...es muß aber auch der moment kommen mit klarem
>>>kopf die konsequenzen zu ziehen....nicht weiter zu jammern sondern die
>>>tatsachen abzuwägen....das gelingt viel zu selten....und damit schaden
>>>wir (künstler) uns selber.
>>>
>>>konsequenzen? wer sich die finger im politischen geschäft nicht
>>>schmutzig machen will sollte zumindest andere dafür bezahlen das sie
>>>es für ihn machen - durch seinen Mitgliedschaft.
>>>
>>>Oder?
>>>
>>>Benjamin
>>>
>>>
>>>
>>>sollfrank wrote:
>>>
>>>
>>>
>>>>zum dritten mal hatte die gruppe »target: autonopop« am vergangenen
>>>>freitag zu einem "open mic" ins trottoir eingeladen.
>>>>
>>>>das grundprinzip des formats "open mic" ist wie der name schon sagt
>>>> dass das mikrofon jedem zugänglich ist. das format stammt aus dem
>>>>literaturbetrieb, wo autorInnen mit wenig anderen vorgaben als
>>>>einer 10minütigen zeitvorgabe die gelegenheit geboten wird, ihre
>>>>literarischen werke zum besten zu geben. »target: autonopop« hat das
>>>>format in den bereich der bildenden kunst übertragen, nicht um
>>>>künstlerInnen die möglichkeiten zu geben, ihre werke zu zeigen oder
>>>>vorzuführen, sondern um über DAS öffentlich sprechen zu können, was
>>>>am drängensten und wichtisten ist für künstlerInnen: den
>>>>kunstbetrieb, die produktionsbedingungen im betrieb, wichtige
>>>>entwicklungen in der stadt, das worum es geht oder gehen sollte beim
>>>>"kunst machen", und und und.
>>>>
>>>>öffentlich unzensiert sprechen zu können, das ist
>>>>gewöhnungsbedürftig, nicht nur im kunstbetrieb, aber auch da. ja, hat
>>>>man sich vielfach doch bereits mit der position des konsumenten, der
>>>>zuschauerin, abgefunden bei den zahlreichen
>>>>"diskussionveranstaltungen". in hierarchischen settings, in
>>>>konfrontativer anordnung, meistens mit einem mikrofon, das der
>>>>hauptredner ungern aus der hand gibt, der dann auch soviel und so
>>>>lange redet, dass kaum zeit bleibt für die angekündigte "diskussion",
>>>>und wenn, dann zu dem vorgegeben thema in das man gerade nicht so
>>>>eingearbeitet ist und sich mit einem unüberlegten beitrag bestenfalls
>>>>blamieren kann...
>>>>
>>>>wo also ist der platz, an dem man merkt, wie schwer es ist, die
>>>>eigene meinung gut zu begründen, oder wo man feststellen kann, dass
>>>>die eigene meinung noch nicht so gefestigt ist, weil man viele
>>>>argumente noch gar nicht erwogen hatte, wo man also laut nachdenken
>>>>kann, gemeinsam mit anderen, fragen stellen kann, themen auf den
>>>>tisch bzw. an die wand bringen kann, wo man experimentieren kann mit
>>>>dem öffentlichen sprechen, wo man lernt, sich auszutauschen und sich
>>>>auszudrücken, wo man herausfinden kann, dass die eigenen
>>>>schwierigkeiten nicht "privat" sind, sondern "politisch" und dass es
>>>>gemeinsamkeiten gibt und womöglich sogar gemeinsames handeln beginnt?
>>>>
>>>>der ideale platz für all das und vielmehr ist ein "open mic". das
>>>>"open mic" ist nicht eine feste gruppe oder ein bestimmtes thema,
>>>>sondern nur ein FORMAT, in dem sehr viel fast alles möglich ist.
>>>>die drei veranstalter des "open mic" vom vergangenen freitag, michel
>>>>chevalier, rahel puffert und tobias still fungieren dabei als
>>>>impulsgeber und moderatorInnen. auf einer langen liste an der wand
>>>>hängen stichpunkte, die man als anlass für eine diskussion nehmen
>>>>kann. das prinzip dabei ist, sehr verschiedene ebenen zu mischen und
>>>>sprünge von "Blockierten Erfahrungen" über "Die AG Bildende Kunst"
>>>>bis hin zu "Formalismus: moderner Quietismus, heute" zu vollführen.
>>>>
>>>>durch die gesamte veranstaltung zog sich erstaunlicherweise das
>>>>interesse an der AG bildende kunst, die zwar als thema auf der liste
>>>>stand, aber als eines von fast 40 weiteren. wahrscheinlich kann man
>>>>das interesse dadurch erklären, dass die AG eine art schnittpunkt ist
>>>>zwischen offizieller kulturpolitik und der vertretung von interessen
>>>>der bildenden kunst die gleich sein sollten den künstlerinteressen
>>>> und zumindest lokal einigen einfluss hat auf die
>>>>produktionsbedinungen von künstlerInnen.
>>>>sie eignete sich bestens als anlass, grundsätzlich darüber zu
>>>>streiten, ob eine einmischung in politik und kulturpolitik vonseiten
>>>>der künstlerInnen wünschenswert und sinnvoll ist oder ob nicht durch
>>>>das sich-einbringen in die verhältnisse die "wahre" künstlerische
>>>>haltung automatisch verloren ginge. diese beiden perspektiven standen
>>>>relativ unvereinbar nebeneinander, wobei die durchwegs von jungen,
>>>>männlichen künstlern heftig vertretene haltung "hinsehen und
>>>>weitergehen" also nicht politisch aktiv werden etwas mantra-artig
>>>>und mehr angelernt als reflektiert wirkte und meist bei zwei, drei
>>>>nachfragen nicht mehr zu tage brachte als heillose widersprüche. denn
>>>>es bekümmerte durchwegs alle, dass die ksk gerade dabei ist 10% ihrer
>>>>mitglieder rauszuwerfen, und zwar ausgerechnet diese, die die ksk am
>>>>meisten benötigen, die die "nur" kunst machen und damit einfach nicht
>>>>genug verdienen. der dahinter stehende umbau der ksk weg von den
>>>>bedürfnissen der künstlerInnen hin zu einer kasse der prekären
>>>>creative industries scheint niemanden weiter zu interessieren.
>>>>künstlerInnen mit weniger als 5000 euro netteinkommen im jahr fliegen
>>>>raus (unabhängig vom umsatz). niemand vertritt ihre interessen
>>>>lautstark. auch hier nur hinsehen und weitergehen? der bezug zur AG
>>>>bildende kunst hier ist die simple frage: warum tun die oder der BBK
>>>>nichts? warum organisieren sie keinen protest? warum hat oder nimmt
>>>>sie keinen einfluss auf die wirklich wichtigen dinge?
>>>>
>>>>während einerseits die intransparenz der AG angeprangert wurde, ihre
>>>>in 30 jahren gewachsene verkrustung, die gegen jegliche reformen
>>>>resistent ist, ihre einseitigkeit (überalterung), ihr mangelndes
>>>>engagement und ihre handlungsunfähigkeit, beklagte man ihr beharren
>>>>auf der wenigen verbliebenen macht, jurys zu besetzen. zwar wurde
>>>>einem mehrmals vorgetragenen vorschlag, die AG abzuschaffen und eine
>>>>ganz neue art der interessenvertretung im bereich der bildenden kunst
>>>> in und für hamburg zu konzipieren, nicht nachgekommen, doch blieb
>>>>ihre obsoletheit unbestritten sowie ihr anspruch "die" bildende kusnt
>>>>zu vertreten fragwürdig. gleichzeitig stelle sie nur EIN problem dar
>>>>unter den vielen problemen der bildenden kunst und der künstlerInnen
>>>>in dieser stadt.
>>>>
>>>>man versuchte auch die diskussion über den artist pension trust
>>>>zusammenzufassen, was nicht wirklich gelang. über die korruptheit des
>>>>kunstbetriebes kann sich niemand mehr ernstlich aufregen, die kunst
>>>>vor der warenförmigkeit und dem regime der marketing-experten zu
>>>>retten, sie den klauen der "bourgoisie" entreissen, mag ehrenhaft
>>>>sein, doch bei einer genaueren bestimmung des eigenen standorts und
>>>>der alternativen vorstellungen und visionen spätestens beginnen die
>>>>schwierigkeiten. so kam der vorschlag, den apt als beispiel dafür zu
>>>>sehen, dass der betrieb nicht nur korrupt ist, sondern es inzwischen
>>>>als so selbstverständlich empfunden wird, dass man es ganz offen
>>>>zelebriert. wer sollte warum und was dagegen unternehmen? gibt es
>>>>eine alternative zum (ersten, zweiten, dritten) kunstmarkt? erstaunt
>>>>stellte man fest, dass allem abgeklärten zynismus zum trotz ein
>>>>kritischer text michael lingners, veröffentlicht zuerst in "texte zur
>>>>kunst" immerhin soviel wirbel ausslöste, dass ein in hamburg
>>>>agierender apt-kurator dazu gezwungen war, aus diesem amt
>>>>zurückzutreten...
>>>>
>>>>egal, welches thema aufgegriffen wurde, eigentlich endete jedes mehr
>>>>oder weniger bei der frage, worin die künstlerInnen ihre aufgabe
>>>>sehen, ob ihre arbeit eine gesellschaftliche funktion habe, wie man
>>>>diese beschreiben könne und nicht zuletzt, wer dafür bezahlen solle.
>>>>gerade bei jungen künstlerInnen zeigte sich jedoch ein erschreckender
>>>>zynismus. sie wissen (oder meinen), dass sie verloren haben ohne
>>>>"yilmaz-conncetion" und versuchen sich gleichzeitig krampfhaft zu
>>>>klammern an das "andere" der kunst, den moment der freiheit, den sie
>>>>beim "kunst machen" verspüren. "hinsehen und weitergehen", "nicht
>>>>nachdenken, sondern kunst machen" tja, wie machen, unter welchen
>>>>bedingungen, und für wen, wenn die schnittstellen zur öffentlichkeit
>>>>fehlen?
>>>>
>>>>dabei hängen einige unverbesserliche immer noch der idee einer
>>>>staatlichen kunstförderung nach. einerseits hoffen sie damit (wie
>>>>hans haacke), auf der moralisch einwandfreien seite bleiben zu
>>>>können, sich also nicht an sponsoren, mäzene und sammler und deren
>>>>oft zweifelhafte interessen verkaufen zu müssen, wobei gleichzeitig
>>>>von der staatlichen förderung oft und vielleicht absurderweise auch
>>>>genau die unterstützung der nicht marktgängigen, schwierigen und
>>>>kritischen kunst verlangt wird.
>>>>neben einer sehr naiven vorstellung von "staat" und öffentlicher
>>>>hand als integeren und selbstlosen geldgeber, die dahinter steht,
>>>>entpuppt sich aber genau dieser staat und seine kulturpolitik gerade
>>>>als gänzlich neoliberaisiert, d.h. er fördert entweder das, was
>>>>erfolg im markt verspricht oder das, was seine (z.b.
>>>>stadtentwicklungs-)politik freundlich illustriert (bsp. hafencity).
>>>>was dann? also doch kulturpolitisches engagement?
>>>>oder weiter allein und an allen fronten kämpfen bzw. schleimen?
>>>>
>>>>als abschluss einige zitate aus der diskussion, die nicht nur ernst
>>>>und hoffnungslos, sondern auch teilweise sehr lustig war:
>>>>
>>>>-- definition von kunsthochschules: "die ist für die professoren da.
>>>>damit die künstler, die gute ideen haben, es aber auf dem markt nicht
>>>>geschafft haben (professoren) auch ein einkommen haben".
>>>>-- "künstler sollen nicht an ihrer verwaltung teilhaben, weil sie
>>>>können sich nicht selbst verwalten. künstler können gar nichts
>>>>verwalten."
>>>>-- der hamburger kunstbetrieb sei ein "streichelzoo", mit
>>>>exemplarischen vertretern ihrer spezies: kunstvereinsdirektor,
>>>>sammler, kritikern, künstlern. -- "künstler erfinden ein einkommen,
>>>>das sie nicht haben (und zahlen sogar steuern dafür), um in der ksk
>>>>bleiben können."
>>>>
>>>>und vieles, vieles mehr. der abend endete gegen 1 uhr morgens!
>>>>
>>>>themen und ebenen so und innerhalb dieses formats zu mischen sieht
>>>>auf den ersten blick aus wie beliebiger nonsense, schafft aber eine
>>>>erstaunliche situation: am freitag produzierte es für eine begrenzte
>>>>zeit, eine gemeinsame, komplexe realität, zu der alle beitragen und
>>>>die alle teilen konnten, die es wollten. dies gelingt nicht
>>>>automatisch in offen angelegten situationen, sondern bedarf einer
>>>>erfahrenen moderation und einer genauen kenntnis der formgebung
>>>>solcher situationen.
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