[echo] Friendraising oder Fundraising
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Jan 22 15:13:12 CET 2007
taz vom 22.1.2007
Friendraising oder Fundraising
Von den Gewinnen und den Risiken bürgerschaftlichen Engagements: Auf
einem Symposium in Berlin tauschten sich am Freitag verschiedene
kulturelle Freundes- und Fördervereine über ihre Arbeit und über ihre
Ziele aus
Früher, so eröffnete Peter Raue launig seinen Vortrag, seien
Freundeskreise von den Institutionen, um die sie sich scharten, nur als
lästig empfunden worden. Heute seien sie zwar immer noch lästig, fügte
Raue, Vorstand der Freunde der Nationalgalerie in Berlin, hinzu.
Allerdings seien sie inzwischen für die Institutionen
existenznotwendig. Tatsächlich besagt eine ganz aktuelle Untersuchung
des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, dass die Freunde und
Förderer durchschnittlich 14 Prozent zum Gesamtbudget der von ihnen
geförderten Institution beitragen. Dabei ist noch gar nicht von der
Zeit die Rede, die sie ehrenamtlich für ihr Museum, ihre Bibliothek,
ihr Theater, ihre Oper oder ihre Hochschule aufwenden.
Anlass der Studie war die Auskunft der Bundesregierung auf eine kleine
Anfrage der FDP im Parlament, sie habe keine Ahnung, welche Rolle den
Freundes- und Förderkreisen im kulturellen Leben in der Republik
zukomme. Trotzdem wollte sie genau vor einem Jahr, wegen der geldwerten
Vorteile wie etwa des freien Eintritts, die manche Förderkreise ihren
Mitgliedern gewähren, die steuerliche Abzugsfähigkeit der Beiträge
streichen. Sämtlich in der Studie befragten Freundeskreise befürchten
nun für diesen Fall eine Stagnation, wenn nicht einen Rückgang ihrer
Mitgliederzahlen; kurz, eine kaum wieder gut zu machende Entmutigung
bürgerschaftlichen Engagements. Nachdem sich auch Kulturstaatsminister
Bernd Neumann davon überzeugen hat, dass ohne die Freundes- und
Fördervereine nichts geht, liegt die Verordnung inzwischen auf Eis.
Dass Freunde verdammt lästig sein können, demonstrierte schon der
Eröffnungsredner Eberhard von Knoerer aufs Schönste. "Kultur braucht
Führung" war sein erstes Statement. Und Führung, so legten es die
weiteren Ausführungen des Züricher Investment- und Vermögensberaters
nahe, der auch Stellvertretender Vorsitzendender der Orchester-Akademie
der Berliner Philharmoniker ist, Führung gibt es nur in der Wirtschaft.
Entsprechend sah er abgehalfterte Vorstände und Manager als leuchtende
Beispiele für jene "zugkräftigen Freunde", "Leitfiguren" und
"Spitzenkräfte", die es unbedingt für die Freundes- und Förderkreise zu
gewinnen gelte - damit die mal richtig auf Vordermann gebracht würden.
"Friendraising kommt vor Fundraising", erklärte von Knoerer. Es war
klar, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
Vielleicht hielt die Androhung solcher Führung die Institutionen davon
ab, zahlreicher zu erscheinen, als sie es anlässlich des Symposiums zu
Förder- und Freundeskreisen in der Kultur tatsächlich taten. In der
Euphorie des Zusammentreffens am Freitag in Berlin brauchte es schon
Klaus-Dieter Lehmann, den Präsident der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz, damit das Fehlen seiner Kollegen auch bemerkt wurde.
Lehmanns Vortrag war zweifellos der Höhepunkt der Veranstaltung. Klug,
schnörkellos, ohne Trivialitäten wie "Menschen geben Menschen" - hat
Eberhard von Knoerer auch nur irgendeine Ahnung, wie peinlich solche
Managementphilosophie ist und wie unfehlbar sie die Arroganz der
Kulturleute provozieren muss? - benannte Lehmann beispielhaft und
präzise, wo für die Institutionen und damit für die Gesellschaft der
Gewinn bürgerschaftlichen Engagements liegt und wo das Risiko.
Führungskompetenz vermutet man jedenfalls bei ihm mehr als bei Eberhard
von Knoerer.
Dessen Ausführungen verdrießten auch aus einem anderen Grund. Da der
Freund bei ihm erst mit dem Vorstandsvorsitzenden beginnt, wird er nur
selten jünger als 35 Jahre und noch seltener eine Frau sein. Junge
Mitglieder aber fehlen den Freundeskreisen. Die Hausfrauen dagegen,
vermutet man, tragen einen ganz gewichtigen Teil des ehrenamtlichen
Engagements. Da Gendering nun ein so avantgardistischer Begriff ist,
dass ihn die deutsche Wirtschaft einfach nicht kennen kann, ist in
ihrer Studie zu diesem Punkt auch nichts zu erfahren. Immerhin erfuhr
man zum Schluss, dass die deutsche Wirtschaft auch Charme entwickeln
kann. Tessen von Heydebreck, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank,
nannte das Engagement der Fördervereine nicht einfach Lobbyarbeit,
sondern sah sie für ihre Institution "durch dick und dünn gehen".
BRIGITTE WERNEBURG
taz vom 22.1.2007, S. 16, 148 Z. (TAZ-Bericht), BRIGITTE WERNEBURG
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