[echo] 70 minuten widerstand
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Jul 9 11:32:39 CEST 2007
taz, 09.07.2007
70 Minuten Widerstand
Ulf Alberts Dokumentarfilm "im öffentlichen interesse" ist ein
Mahnmal der Spaltung Neuenfeldes durch die Verlängerung der Airbus-
Landebahn für den A 380. Am Samstag, eine Woche vor Eröffnung der
neuen Piste, zeigte er ihn erstmals den Bewohnern des Dorfes am Elbdeich
VON JAN FREITAG
Serpentinen führen gemeinhin durchs Gebirge. Sie durchschneiden Berge
wie Schlangen den Sand und führen kurvenreich über die denkbar
größten Hindernisse. Hier aber, auf dem langen Weg von Finkenwerder
nach Neuenfelde, verlaufen die gewundenen Straßen zu ebener Erde und
enden irgendwo im Nirgendwo, zwischen Obstbäumen, Signalmasten und
einem tief zerrissenen Dorf. "Fürchterlich", sagt die Frau von der
anderen Elbseite, "ich kenne mich hier gar nicht mehr aus."
Vor drei Jahren ist sie fortgezogen aus dem Südwesten Hamburgs, rein
in die Stadt. Nicht gerade wegen der Landebahn, aber doch gerade noch
rechtzeitig vor ihrer Verlängerung. Mit ihr frisst sich Europas
größter Flugzeugbauer Airbus ein Stückchen tiefer hinein in
Deutschlands Apfelgarten, das Alte Land. Sie hat alles umgewälzt,
jenseits des Deiches. Die Baumkuppen ganzer Waldstücke wurden
abrasiert wie reifer Weizen, überall stehen Zäune, Hallen, Flugzeuge,
Landmarken der Industrie. Und jetzt fährt Annett Schuster also zum
ersten Mal seit langem daran entlang, vorbei an ihrem alten Haus
Richtung Neuenfelde, um das bislang beeindruckendste Zeugnis seiner
Veränderung zu sehen: Einen Dokumentarfilm über Neuenfelde, den
ersten in abendfüllender Länge. Er heißt "im öffentlichen interesse"
und dokumentiert den Weg vom Scheitern zum Triumph und wieder zurück
- den aussichtslosen Kampf einfacher Landmenschen mit dem
multinationalen Konzern, der selbst ins Straucheln geriet.
Es herrscht nicht gerade die Atmosphäre großer Filmpremieren, hier
auf dem Obsthof Ecks am Dorfrand, fast in Niedersachsen. Auf kleinen
Partytischen stehen Chips in schlichten Schalen, hausgemachter
Kümmelschnaps kostet einen Euro, das Bier vom Fass die Hälfte mehr
und zwischen Filmcrew, Protagonisten, Förderern lugt manch alte
Bauernmütze aus den 120 Gästen hervor. Alles andere - Prominente,
Honoratioren, zahlende Gäste - wäre auch fehl am Platze, findet
Regisseur Ulf Albert. Die Vorführung in der Scheune sei schließlich
keine offizielle Uraufführung, auch wenn der Film noch nie zu sehen
war. Sie ist eine Art Danksagung an einen Menschenschlag, den der
Hamburger Filmemacher mehr kennt, seit er einst aus Oldenburg
fortging: erdverwurzelt, bodenständig, heimatverbunden.
Sie dürfen den siebzigminütigen Streifzug durch die Geschichte ihres
Widerstands als Erste begutachten. "Das haben wir von Anfang an zur
Grundvoraussetzung gemacht, um bei dem Projekt überhaupt
mitzumachen", wird eine von ihnen, Gabi Quast, im Anschluss sagen.
Sie hat die Hauptrolle, im Film wie in der Realität. Sie war die
Sprecherin des Schutzbundes Neuenfelde, sie stand jahrelang in
vorderster Front gegen die Expansionspläne des Flugzeugbauers, sie
federte die vom Schutzbund immer wieder kritisierten "Lügen" der Bild-
Zeitung ebenso ab wie die Sorgen vor Ort, die Kritik verkaufswilliger
Nachbarn wie die Klagen ihrer eigenen vernachlässigten Familie. Sie
war so etwas wie der dörfliche David im Ringen mit einem
industriellen Goliath. Sie hat es verloren, nicht aber ihre
Kampfkraft. In einer Woche wird das neue Ende der nunmehr fast
dreieinhalb Kilometer langen Werkslandebahn fürs größte
Verkehrsflugzeug der Welt - den A 380 - eröffnet, doch nur weil sie
nun unwiderruflich 589 weitere Meter in ihr Dorf hineinragt, ist Gabi
Quast längst noch nicht fertig mit Airbus, dem Gegner, nicht dem
Feind, wie sie stets beteuert. "Es sind ja noch viele Klagen dagegen
anhängig", beteuert die energische Frau vor einer Wand aus
Obstkisten, als wäre sie nicht Bäuerin, sondern Rechtsgelehrte. "Wir
gehen zur Not bis vors Verfassungsgericht." Denn die
Landebahnverlängerung, das zeigt "im öffentlichen interesse" einzig
durch die Stimmen der Betroffenen oder Verantwortlichen, war stets
ein dubioses Projekt. Politisch gewollt, juristisch umstritten,
medial flankiert, deichrechtlich verboten, betriebswirtschaftlich
vage und ökologisch desaströs. "Ich hab gehört, 93 Hektar werden
jeden Tag versiegelt, nur in Deutschland", sagt ein Obstbauer zu
Beginn des Films beim Umgraben des fruchtbaren Urstromtals der Elbe
und rechnet vor: "Das heißt, im Jahr viertausendirgendwas wächst hier
kein Grashalm mehr". Er lächelt traurig und gräbt weiter. Es ist
totenstill in der Obsthalle, als Szenen wie diese laufen. Leises
Schniefen, als eine Neuenfelderin beim Gedanken an den Verkauf ihres
Landes in Tränen ausbricht. Höhnisches Gelächter, als der
ortsansässige Bauernverbandsvize sagt, in Neuenfelde sei die Welt
doch noch in Ordnung. Es gibt herzlichen, aber nicht donnernden
Applaus, als der Film beendet ist. Airbus hat das Dorf gespalten. Das
Werk machte jene, die ihr Land für Millionensummen verkauft haben, zu
Verrätern, und jene, die sich weigerten, zu Dissidenten. Im Film
bittet der Dorfpastor darum, doch lieber insgesamt von Opfern
zusprechen. Nach der Vorführung blinzelt Gabi Quast scharf durch ihre
Brille: "Das sehe ich ein bisschen anders", sagt sie und meint damit
Leute, "die sehr bewusst aufs Geld aus waren".
Von den einen wie den anderen seien viel zu wenige zur Vorführung
gekommen, klagt Ulf Albert am Ende. Die Dorfbewohner haben sich rar
gemacht - trotz des schönen Wetters, obwohl überall plakatiert war
und die Filmvorführung ins sonntägliche Kulturfest von Neuenfelde
eingebunden war. Aber er kann es auch verstehen. Zu frisch sind die
Wunden, zu offen die Fragen, zu ungewiss die Zukunft.
Wenn der Film im Herbst über die internationalen Festivals tourt,
wird der A 380 in Hamburg weiter nur eine Option sein, eine hoch
subventionierte Hoffnung auf Jobs und Steuern und Renommee und
eingehaltene Versprechungen. Noch während der Bauarbeiten zur
Startbahn-Verlängerung platzte die Nachrichtenbombe von
Lieferproblemen bei Airbus. Plötzlich war der Standort Hamburg
bedroht und statt von 4.000 neuen Arbeitsplätzen war vom Abbau
bestehender die Rede.
Die Schadenfreude hält sich auf dem Obsthof in Grenzen. Niemand,
versichern die Gegner im Film und nach seiner Vorführung immer
wieder, habe was gegen Airbus selbst. Seit 1932 werden an gleicher
Stelle Flugzeuge gebaut. Ihre Landebahnen ist man hier gewohnt und
auch den Lärm ertrugen die Anrainer stets klaglos. Zumindest, solange
er von berechenbarem Nutzen war und nicht bloß Signal der Politik zum
industriefreundlichen Strukturwandel.
Der Film könnte sein Mahnmal sein. Das sehen viele Anwesende ähnlich
und stecken den einen oder anderen Geldschein in die aufgestellten
Spendenboxen. Über drei Jahre Arbeit stecken im Film. Brotlose Jahre,
selbst wenn er am Ende Preise ernten und im Fernsehen laufen sollte.
Sachfilmen ist eine Frage von Leidenschaft, Selbstausbeutung und
Anteilnahme. "Am Anfang hab ich nur eine spannende Geschichte
gesucht", erinnert sich Ulf Albert an 2004, vier Jahre nach dem
Planungsbeginn für die Landebahnverlängerung. Mit der Zeit wurde er
mehr und mehr zum Betroffenen, auch deshalb nimmt "im öffentlichen
interesse" eine konsequent parteiische Haltung ein. Die Leute hier,
fügt er hinzu, "sind mir wirklich ans Herz gewachsen".
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