[echo] Michel Chevaliers Laden für "konsequente Kunst"
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Jul 16 13:57:35 CEST 2007
taz, 16.07.2007
30 Euro und keinen mehr
Symbolischer Kampf gegen die Gepflogenheiten der Marktwirtschaft:
Michel Chevalier betreibt im Münzviertel einen Laden für "konsequente
Kunst", in dem Wohlhabende nichts kaufen dürfen
VON KATRIN BONNY
In großen Lettern steht es über dem Ladentisch: "Wenn Sie mehr als
50.000 Euro Vermögen haben, können Sie hier nicht einkaufen. Sie
können sich jedoch gern umschauen." An der Decke wellen sich
einzigartige Tapeten: Ein Wasserschaden im Stockwerk drüber. In einer
Seitenstraße im Münzviertel hat Michel Chevalier seinen temporären
Kunstladen "Unlimited Liability" eingerichtet. Im Untergeschoss einer
leer stehenden Mietwohnung. Es riecht feucht hier, nur wenig Licht
fällt durch die vergitterten Fenster.
Der Laden sei "ein symbolischer Kampf", erklärt Chevalier, "außerhalb
der Konventionen der freien Marktwirtschaft". Sprichts und setzt sich
hinter den Ladentisch für 30 Euro, mit Selbstbauanleitung. Er selbst
bezeichnet sich als "Art-Practioner", momentan als kostenloses
Interface zwischen Künstler und Käufer, sagt der 39-Jährige in
ständig wechselnder Sprache - seine Herkunft französisch, seine
Heimat Washington in den USA. 77 Künstler, Verleger und Musiker aus
acht Ländern seien hier vertreten, sagt er, mit ihren Sachen zum
Hören, Sehen, Lesen und Schmecken. Alles für jeweils weniger als 30
Euro. "Stickers, DVDs, CDs, Dienstleistungen, Fotos, Poster, Zines,
Shirts, Buttons, Essen, Getränke" zählt eine Selbstdarstellung im
Internet auf - "nur Zeichnung und Malerei sind ausgeschlossen".
Das großformatige Foto der "Queen Mary" am Eingang habe die
Preisschwelle bereits überschritten, sagt Chevalier. Für das Bild
werden nur Lose angeboten, 50 Cent das Stück. Ein anderes Alternativ-
Angebot sind "bei der Erwerbsarbeit geklaute Objekte", die nur
getauscht werden.
Unlimited Liability - englisch für "unbegrenzte Haftung" - bedeute
eine "Gegenbewegung zur GmbH", sagt Chevalier, "dem Grundstein der
kapitalistischen Unternehmensform". Zum Erwerb eines Kunstwerks wird
ein Kaufvertrag aufgesetzt. Bei falschen Angaben über die eigenen
Vermögensverhältnisse verpflichtet der den Käufer zu einer
Vertragsstrafe in Höhe von 1.000 Euro - und zur Rückgabe des
Gekauften. "Dieses Verfahren soll vor allem ein Anlass zur
Auseinandersetzung sein", sagt Chevalier. Bisher habe sich nur ein
einziger Käufer nachträglich als vermögender Galerist entpuppt.
Chevalier: "Er wollte mich provozieren."
Gegen die "zunehmende kapitalistische Steuerung des Kunstmarktes"
wolle er sich verwahren, fährt er fort. Seinen Lebensunterhalt
verdient Chevalier mit Übersetzungen. Mit der Kunst beschäftigt er
sich dann anschließend. Inspiriert habe ihn besonders die Idee "einer
angewandten Ästhetik", sagt er: die Situationisten und die Fluxus-
Bewegung - Referenzen, die er im Lehrplan der örtlichen
Kunsthochschule nicht finde.
Statt das "aufgesetzte Comeback der Malerei" und seinen "Geniekult"
zu unterstützen, die derzeit den Kunstmarkt beflügeln, sucht
Chevalier das andere Publikum für seine "konsequente Kunst":
Eingeschweißte Konfetti in Tütchen, hergestellt aus Einladungskarten
für Ausstellungen, ein "Ready-made zur unbeschränkten Haftung",
doppelseitig haftendes Klebeband, ein Roman aus Mustersätzen eines
englischen Wörterbuches sowie "Theoriemarmelade".
Seit zehn Jahren lebt Chevalier selbst in St. Georg, nicht weit vom
Laden entfernt: "Für die Eröffnung habe ich hier 150 Sektglas-
Gutscheine verteilt", erzählt er, "und drei Nachbarn sind gekommen.
Voll ist es trotzdem geworden."
Norderstr. 71, UG, geöffnet Do-Sa 13-20 Uhr, So 13-16 Uhr
mehr Informationen finden sie hier: http://www.targetautonopop.org/
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