[echo] Förderkarrieren und seriöses Mittelmaß

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sat Jul 21 12:32:01 CEST 2007


taz, 21.07.2007

"Das ist ein kleines Wunder"

Nicht wenige TrägerInnen des Bremer Förderpreises für Bildende Kunst  
haben überregionale Bedeutung erlangt. Ein Gespräch mit Kurator  
Stephan Berg über Förderkarrieren, seriöses Mittelmaß und die Frage,  
ob man Ausgelobtes immer vergeben muss

Interview von Jan Zier

taz: Herr Berg, warum ist gerade der Bremer Förderpreis für Bildende  
Kunst etwas Besonderes?

Stephan Berg, Kurator und Direktor des Kunstvereins Hannover: Der  
Überblick über die letzten 30 Jahre hat gezeigt, dass es eine ganze  
Reihe von künstlerischen Positionen gibt, die den Weg in die  
überregionale, zum Teil auch in die international wahrgenommene  
Kunstszene geschafft haben.

Wer fällt Ihnen da beispielsweise ein?

Astrid Nippoldt etwa, die jetzt ein Stipendium der Villa Massimo  
hatte und in verschiedenen internationalen Ausstellungen vertreten  
ist. Oder Norbert Schwontkowski, der 1985 Preisträger war und heute  
zu den hoch gehandelten Künstlern gehört, mit großen  
Sammlungsbeständen in Florida und Miami. Gleichzeitig, und das ist  
ganz typisch für jeden Preis, gibt es natürlich auch viele  
Positionen, die still und eifrig ihren Weg weitergegangen sind, ohne  
dass der Kunstbetrieb das belohnt hätte. Aber wenn man bei 30  
Preisträgern fünf oder sechs hat, die reüssieren, dann ist das schon  
eine sehr gute Erfolgsquote. Im Normalfall haben nur zwei oder drei  
Prozent der Kunstakademieabgänger die Chance, es überregional zu  
schaffen.

Und der Rest versinkt im Mittelmaß?

Nicht alles, was überregional kaum Beachtung findet, ist deswegen  
schon Mittelmaß. In vielen Fällen sind das seriöse Positionen,  
Arbeiten, die interessant sind, denen aber eine bestimmte Zuspitzung  
fehlt, die sie einmalig macht.

"Interessant" zu sein, ist meist ein zweifelhaftes Lob.

Das Interessante ist sozusagen der Humus. Erst durch dieses Fundament  
hat das Außer-Ordentliche eine Chance zu wachsen, wahrgenommen zu  
werden.

Finden sich denn tatsächlich in jedem Jahr außerordentliche  
KünstlerInnen?

Ich finde, es muss auch mal die Möglichkeit geben, einen Preis nicht  
zu verleihen. Das kann auch ein Zeichen der Seriosität und  
Unbestechlichkeit einer Jury sein. Doch die Angst ist groß, dass der  
Preis dann beschädigt wird oder der Geldgeber sich zurückzieht. Das  
ist ein sensibles Geflecht. Wenn die Preise verstetigt sind, müssen  
sie auch laufen, sonst werden sie sofort in Frage gestellt.

Norbert Schwontkoswki war, im Nachhinein betrachtet, ja eine gute  
Wahl. Aber wäre er ohne diesen Preis auch so weit gekommen?

Das ist schwierig zu sagen. Jeder Preis bildet einen kleinen Sockel  
für eine künstlerische Position, hebt sie für einen Moment heraus.  
Dadurch entsteht ein Multiplikatoreffekt: Wie der funktioniert, ist  
aber schwer zu überprüfen. Ein Preis ist wie ein Fenster, das  
aufgemacht wird, um frische Luft hereinzulassen. Gerade Norbert  
Schwontkowski ist fast über Jahrzehnte hinweg ein norddeutscher  
Kleinmeister gewesen, dessen Bilder als melancholisch, als poetisch  
versponnene Seelenwelten galten, aber so gar nicht in die Zeit zu  
passen schienen. Die Tatsache, dass er mit über 50 und einem ganz  
ungebrochenen Malstil plötzlich weltmartktfähig wurde, ist ein  
kleines Wunder.

Aber gibt es irgendetwas spezifisch Norddeutsches an dieser Kunst?

Ich habe nichts Bremisches in dieser Kunst entdecken können. Manchmal  
wird ja argumentiert, die Bremer seien etwas geistkühl,  
calvinistisch, analytisch. Aber auch dazu gibt es Gegenbeispiele:  
Norbert Schwontkowski etwa oder Zoppe Voskuhl.

Gut zwei Handvoll der PreisträgerInnen haben es auch in die Villa  
Massimo geschafft. Entspricht das der klassischen Förderkarriere?

Ein Stück weit schon. Gerade in Norddeutschland besteht die Gefahr,  
dass Positionen, die einen guten Beginn hatten, zu Tode gefördert  
werden. Die Förderkarriere beginnt dann mit Anfang 30 und endet mit  
40 relativ abrupt. Der Markt reguliert das sehr brutal, hilft aber  
auf Dauer, Missverständnisse zu verhindern. Mancher verlässt sich auf  
die fortwährende Pamperung mit Stipendien und bekommt dann jenseits  
der 40 ein riesiges Problem. Und es gibt auch Künstler, die sich  
fantastisch gut auf Stipendien bewerben können, weil sie genau die  
richtige Terminologie finden, um Juroren zu überzeugen. Da muss man  
aufpassen, nicht eine Hängematten-Haltung zu befördern.

Aber es muss einem nicht verdächtig vorkommen, wenn KünstlerInnen  
stark gefördert werden?

Nein. Da muss man jeden Einzelfall prüfen.


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