[echo] Arbeiten an der Borderline
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Sat Jul 28 11:03:43 CEST 2007
taz, 28.07.2007
Arbeiten an der Borderline
Als Journalisten akkreditiert, hat das Künstlerduo Korpys/Löffler
seine eigenen Bilder von den Protesten gegen G8-Gipfel und in
Gorleben produziert. Der Bremer Markus Löffler erzählt über
Vereinnahmungsversuche von beiden Seiten und die Psychologisierung
des Widerstands. Er weiß: Gorleben ist out
VON ANNEDORE BEELTE
Wer in Heiligendamm mit einer Kamera auftauchte, wurde hemmungslos
umworben - von beiden Seiten. Auf der einen Seite gibt es das
Pressezentrum, in den Augen von Andree Korpys eine Art "Club Robinson
für Journalisten". Sektkühler auf den Tischen, ein überbordendes
Büffet. Mit Bussen oder Hubschraubern geht es zu den Schauplätzen des
Gipfeltreffens, wo die Wartezeit durch das nächste Büffet verkürzt
wird. Auf der anderen Seite die Demonstranten, die die Filmemacher
gerne als Schutzschild der nächtlichen Blockade einspannen würden:
"Könnt ihr nicht noch bleiben? Wenn ihr weg seid, werden wir
geräumt." Oder auch für kleine Handlanger-Dienste: "Nehmt ihr die
Suppe mit durch die Straßensperre?"
Das aus Bremen stammende Künstlerduo Andree Korpys und Markus Löffler
alias Korpys/Löffler akkreditiert sich bei Großereignissen wie dem
Bush-Besuch 2004 in Berlin, den vatikanischen Zeremonien, dem Castor-
Transport nach Gorleben oder eben beim G8-Gipfel als Journalisten.
Für die aktuelle Ausstellung im Edith-Russ-Haus haben sie ihre
Eindrücke von den beiden letzteren Ereignissen zu dem Film "Eure
Kinder werden so wie wir" verschmolzen.
Die Bilder, die sie aus dem Presse-Pulk heraus produzieren,
unterscheiden sich manchmal gar nicht so sehr von den gewohnten
Nachrichtenbildern: Da sind heitere G8-Gegner, unerschütterliche
Sicherheitsleute und Politiker, die man irgendwo vielleicht schon mal
gesehen hat. Dazwischen zoomt die Kamera auf Nahaufnahme. Wie das
Auge des jungen Werthers, der selbstvergessen und ich-entgrenzt auf
der Wiese liegt, bleibt sie an Schmetterlingen, Schnecken und
grünschillernden Fliegen hängen. Mit wertheresker Zärtlichkeit sieht
sie den arglosen Blumenkindern zu, die Ball spielen, singen oder La
Ola machen. Ein Schelm, wer hier eine propagandistische Ästhetik
erblickt. Fasziniert hat das Künstlerduo, wie ungeniert die
Demonstranten ihren Rotznasen-Charme zur psychologischen
Kriegsführung einsetzten: "Eure Kinder werden so wie wir", riefen sie
den Polizisten entgegen. Eine Psychologisierung, in der Andree Korpys
eine neue Strategie des Widerstands erblickt.
Die Castor-Gegner können diesen Charme nicht für sich in Anspruch
nehmen. "Gorleben ist total out", will Markus Löffler festgestellt
haben. Die Widerständler sind eine Generation älter als in
Heiligendamm. Zwischen ihnen und den Polizisten habe sich ein
routiniertes stillschweigendes Einverständnis eingestellt. "Geht es
so? Können wir Sie so wegtragen?", fragen die Einsatzkräfte, bevor
sie sich einen betagten Wendländer vornehmen - um ihn fürsorglich
gleich an der Gulaschkanone abzusetzen. Im Film tauchen die Castor-
Gegner allenfalls als hexenhaft durch den Regen huschende Schatten
auf. Während sich in Heiligendamm, wie Markus Löffler es beobachtete,
die Presse stets an vorderster Front tummelte und als erste Prügel
und Wasserschwaden einsteckte, seien in Gorleben selbst die
Dokumentare der Bewegung ermüdet. "Was soll ich noch filmen?", fragte
einer. "Ich kenne schon jede Perspektive."
Die Arbeiten von Korpys/Löffler sind als Borderline- oder auch
Freejazz-Journalismus apostrophiert worden. Letzteres zumindest
gefällt Markus Löffler: "Wir verfolgen ein Ziel, aber driften immer
wieder ab." Er selbst bezeichnet seine Filme auch schon mal als
"Abfallprodukte" der Erfahrung. Seit ihrer Studienzeit Anfang der
neunziger Jahre in Bielefeld arbeiten Korpys und Löffler zusammen,
auch wenn mittlerweile der eine in Berlin, der andere in Bremen lebt.
Sogar ihrer Aufgaben als Gastprofessoren an der Hochschule für
bildende Künste in Hamburg nehmen sie im Duett wahr. Für Markus
Löffler ist die Teamarbeit auch eine Form der Selbstkontrolle: "Man
muss sich immer rechtfertigen."
Vielleicht seine schönsten Momente hat der Film, wenn er die
Polizisten als verlorene Helden in der Landschaft inszeniert, die
einem Spaghetti-Western entstiegen sein könnten. Ansonsten wollen
Korpys/Löffler der Naturverbundenheit der Demonstranten die technisch
hochgerüstete Staatsmacht gegenüberstellen. Physische Gewalt ist der
blinde Fleck des Films. "Wasserwerfer geben uns nichts", sagt Markus
Löffler. Er interessiert sich für subtilere Gewaltformen, für die
Choreografie der Drohkulisse. Korpys/Löffler machten damit ihre
Erfahrung, als sie den Schauplatz des Geschehens verlassen wollten
und feststellten, dass sie ihre Autoschlüssel im Wagen stecken
gelassen hatten. Bevor der zu Hilfe gerufene Polizist herbeieilte,
musste er noch rasch einen Hubschraubereinsatz dirigieren. Er ließ
ein Geschwader von Hubschraubern wie Geier über dem Camp der
Demonstranten kreisen, zu keinem erkennbaren Zweck außer der
Einschüchterung. Dann stellte er bereitwillig seine Fertigkeiten als
Einbrecher zur Verfügung.
Sonntag, 29. Juli 2007, 18 Uhr, Filmabend und Künstlergespräch mit
Markus Löffler im Rahmen des Oldenburger Tags der Museen; Ausstellung
Korpys / Löffler_Corinna Schnitt bis 23. September im Edith-Ruß-Haus
für Medienkunst, Oldenburg
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