[echo] Wenn die Kunst es richten soll
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Jun 1 19:49:21 CEST 2007
taz, 31.05.2007
Wenn die Kunst es richten soll
In einer abgelegenen Werfthalle in Rostock bereitet die Initiative
"Art goes Heiligendamm" ihre G-8-Intervention vor. Die Kunstwerke
handeln am liebsten von Grenzen und ihrer Überwindung. Ansonsten geht
es um alles, was gut ist: Information, Dokumentation, Ironie, Utopie,
Konsumkritik
Kein Hund zeigt sich vor dem Bahnhof an diesem pfingstmüden Morgen in
Rostock. Schon vor dem großen Ansturm wirkt die Stadt wie erschlagen.
Der erste Mensch taucht nach zehn Minuten auf, hat aber nichts von
einer Kunstausstellung zum Thema G 8 gehört. Weiter zum Marktplatz,
doch auch die Fremdenführerin mit dem Minibus weiß von nichts. In der
Auslage des Europa-Shops liegen die Souvenirs für die Gipfel-
Touristen bereit, Tassen und T-Shirts mit der blutroten Aufschrift "G
8 Heiligendamm 2007". Als wäre das Ereignis schon Geschichte, bevor
es überhaupt begonnen hat.
Am Hafen dreht ein Riesenrad, Kirmesstände mit Fischbrötchen und
Unterwäsche warten auf Passanten. Keiner weiß etwas von der "Art goes
Heiligendamm". Für Nichteingeweihte ist die "künstlerische
Intervention" im Stadtraum von Rostock, angekündigt für den Zeitraum
vom 24. Mai bis zum 9. Juni, nicht leicht zu finden. Der Kern der
Ausstellung liegt auf dem etwas abgelegenen Gelände einer
stillgelegten Werft; hier tut sich eine kleine Parallelwelt auf.
Zwischen zwei Hallen warten Bierbänke, Boxen und eine mobile Küche
auf den Einfall der Besucher. Überall wird gehämmert und gebohrt; bis
zum letzten Moment war unklar, ob die Zwischennutzung des Geländes
überhaupt bewilligt wird. Die Initiatorin Adrienne Goehler, frühere
Berliner Kultursenatorin und ehemalige Kuratorin des
Hauptstadtkulturfonds, schiebt in leuchtend orangener
Bauarbeiterweste eine Sackkarre mit Holzspänen vorbei und rückt für
ein lokales Fernsehteam den roten Teppich zurecht. Auch hier, in der
Gegenwelt zum G-8-Gipfel, dominiert die mediale Präsenz.
Der Läufer führt zur Rückwand der Werfthalle, verkleidet als
klassizistischer Tempel. Eine Parodie auf das Nobelhotel Kempinski,
wo die Achterrunde demnächst logieren wird, erklärt Axel Timm,
Architekt des Raumlabors Berlin. Die geplante Installation, ein
provisorisches "Congresscenter", soll in den Gipfeltagen einem ganz
praktischen Zweck dienen: In einem Bretterverschlag mit vierzig Kojen
können müde Demonstranten mit Meerblick nächtigen. Am Wasser soll
eine Sauna stehen, ein Container dient als Swimmingpool und ein
wucherndes Wiesenstück wird zum Golfplatz erklärt. Nur der Zaun, der
den Park umrunden soll, muss noch aufgerichtet werden. "Hier soll ein
Rückzugsort entstehen, hier soll man sich am Zaun entspannen können
und alles tun, was am echten verboten ist", sagt Axel Timm. Eine
künstlerische Intervention, die ein Refugium zum Entspannen bietet?
Darf Weltverbessern denn Spaß machen? "Es muss sogar", sagt Axel
Timm, "denn sonst erreicht man die Leute nicht."
Natürlich soll auch debattiert werden; abends werden Filme gezeigt,
es gibt Vorträge und Gesprächsrunden. Die Kuratorin Adrienne Goehler
versteht das Projekt als Resonanzraum für Inhalte, die in der
Berichterstattung über G 8 oft verloren gehen: "Mich interessiert die
Schnittstelle von Kunst und sozialer Bewegung." Wie sich das
Happening in der Umsetzung gestaltet, werden die bewegten Tage im
Juni zeigen. Noch besteht erst die Kunstausstellung in einer der
beiden Werfthallen.
Bunte, schlauchartige Stoffsäcke hängen vom Dachgebälk und liegen als
Sitzkissen auf dem Boden. Sie formieren einen Schriftzug, der "Allah"
bedeutet, wie der Katalog informiert. "Stitching the Wound - Die
Wunde nähen" heißt die Arbeit der indonesischen Künstlerin
Arahmaiani, doch schmerzhaft wirkt sie in diesem Kontext nicht, eher
fröhlich verspielt. Mehr als 50 Künstler haben Werke zur Verfügung
gestellt, die sich mit Globalisierungsthemen beschäftigen; viele
handeln von Grenzen und ihrer Überwindung. In "Love Sum Game", einem
Video von Eytan Heller, spielen sich ein Israeli und ein
Palästinenser einen Tennisball über eine hohe Mauer hinweg zu, ohne
sich je zu sehen. Im Hof hat Francis Zeischegg ein Stück Wildgatter
aufgestellt, eine Holzleiter lädt zum Übersteigen ein. Daneben
rascheln unzählige bunte Plastiktüten im Wind, die Dodi Reifenberg
mauerartig in einen Maschendrahtzaun verknotet hat.
Auffallend viele Arbeiten wählen einen dokumentarischen Zugriff. In
Hörmuscheln gekuschelt kann sich der Zuhörer die Lebenswege von
Migranten anhören; in der nahe gelegenen Petrikirche werden
Globalisierungsgegner aus aller Welt porträtiert. Litfaßsäulen in der
Stadt sind mit Fotografien plakatiert, die Kinderarbeit in Indien
zeigen, mexikanische Flüchtlinge an der Grenze zur USA, Slums in
Bangladesch. Information, Dokumentation, Ironie, Utopie, Konsumkritik
- obwohl die Ausstellung mit ernsthaften Inhalten und Absichten
antritt, lässt das Sammelsurium ein leichtes Unbehagen zurück. Dass
sie nicht polarisierend wirkt, liegt zum Teil an konventionellen
künstlerischen Zugriffen, zum Teil am Overkill, vor allem aber an der
aufklärerischen Absicht, mit der das Projekt antritt. Der Kunst komme
zunehmend die Funktion des Dokumentierens zu, sagt Adrienne Goehler.
Doch greift das nicht zu kurz in einer Gesellschaft, die nicht an
Informationsmangel, sondern an Handlungsschwäche leidet? "Art goes
Heiligendamm" kommt einem vor, als ob der Kunst ein politischer
Auftrag übergeben wird, an dem die Gesellschaft scheitert. Was die
Ausstellung nicht thematisiert, sind die Ohnmachtsgefühle nach
Diskussionen, die zum Alibi für Handeln werden.
Stichwort Heiligendamm. In die nächste Parallelwelt führt Molli, die
schnuckelige Dampflok. An den Kontrollpunkten vorbei tuckert sie ins
Idyll der Sperrzone, spuckt die Passagiere an einem kleinen Bahnhof
aus, renoviert im Zuckerbäckerstil. Auf einem lichten Waldstück
geht's zum Strand, dahinter öffnet sich der Blick auf die
nebelverschleierte Küste des Kurorts. Ein Hubschrauber kreist über
verfallenen Villen, nur eine Ecke des Ortes ist neu saniert. Eine
Aura des Hermetischen umgibt das Nobelhotel mit der
pseudogriechischen Säulenfront, die in fast parodistischer Weise an
das weiße Haus erinnert. Einige Meter davor stehen zwei Strandkörbe,
malerisch ans Wasser gerückt, darin prosten sich Menschen in Anzügen
mit Cocktails zu. "Ihr habt ganz viel Spaß", brüllt die
Kameraassistentin im Hubschrauberlärm den Akteuren zu. Die versuchen
krampfhaft lächelnd, sich aufrecht zu halten in den Körben, die
meerwärts langsam ins Wasser sinken.
Die Zaungäste lachen, doch als der Dreh zu lange dauert, verlieren
sie das Interesse, spazieren auf die Seebrücke hinaus. Dort hat es
jemand geschafft, eine kleine Botschaft anzubringen. "No G 8" steht
auf den Rettungsringen. In wasserlöslicher Kreideschrift.
IRENE GRÜTER
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