[echo] An der Talsohle der Ereignisse
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Jun 1 19:50:56 CEST 2007
taz, 30.05.2007
An der Talsohle der Ereignisse
Zeitgenossenschaft (1): Stets und überall aktuell informiert - das
große Versprechen der unumgänglichen internationalen Kunstevents
heißt Teilhabe an der Gegenwart. Zeitgenossenschaft im emphatischen
Sinne bedeutet das allerdings nicht
"Ist die Moderne unsere Antike?", fragt die documenta 12. Eine
melancholische Verlustanzeige. Wo sind die verbindlichen Standards,
wollen wir auf der Höhe der Zeit agieren? Gibt es nur noch Nischen
mit ihrem je eigenen Cutting Edge? Was heißt Zeitgenossenschaft in
den Künsten heute? Der Beginn einer Serie
VON BRIGITTE WERNEBURG
Ist die Winter-Kollektion 2007, die Marc Jacobs für Louis Vuitton
entwarf, eine Hommage an a) Jan Vermeer, b) Adrian Brouwer, oder c)
Jan Steen? Mit solchen Fragen sehen sich LeserInnen von
Modezeitschriften heutzutage konfrontiert. Da sich die Marc-Jacobs-
Kollektion mit ihrem Namen "Girl with a Monogrammed Bag" deutlich auf
Peter Webbers Film "Girl with a Pearl Earring" bezieht, ist die
Antwort leicht. Erst kürzlich verhalf Webbers Film Jan Vermeers 1665
entstandenem Gemälde "Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" zu
neuerlicher Popularität. Was man sonst noch wissen sollte: Scarlett
Johansson, die Hauptdarstellerin des Films, hatte einen Gastauftritt
bei der Präsentation von Marc Jacobs.
Die Frage entstammt dem "großen Elle-Test" im Special "Kunst", das
unter anderem Samuel Keller vorstellt, der sich gerade als Herrscher
der Art Basel und der Art Basel/Miami Beach verabschiedet hat, oder
Tipps fürs "Kunst-Shopping" gibt. Vom großen Kunstsommer 2007 ist
nirgendwo die Rede. So wenig kenntnisreich die 20 Seiten
zusammengestellt wurden, so deutlich belegen sie: Kunst ist das Thema
der Stunde. An ihm kommt keiner vorbei. Auch wenn dabei die Anfang
Juni drohende Ballung von Großereignissen der zeitgenössischen Kunst
wie der Biennale in Venedig, der documenta 12, den Skulptur Projekten
Münster und der Art Basel glatt übersehen wird. Nun ja, der Reigen
wird trotzdem Millionen von Besuchern anziehen. Denn nichts, so
scheint es, berechtigt mehr, Anspruch darauf zu erheben, auf dem
Laufenden zu sein, als das Interesse an zeitgenössischer Kunst.
Das gilt freilich nicht nur für den richtigen Konsum und Lifestyle,
sondern ebenso für gesellschaftliches oder politisches Engagement.
Selbst die Demonstranten beim G-8-Gipfel werden - oder wollen? - der
Kunst nicht entkommen. "Art goes Heiligendamm" oder "BALANCE!" heißen
die Projekte, in denen das Politische ästhetisch und das Ästhetische
politisch wird. Zu welchem Nutzen und Frommen ist zwar auch hier
nicht recht ersichtlich. Doch verdeutlicht dies nur die eigentliche
Rolle der Kunst. Es braucht sie, weil nach herrschendem Konsens nur
der, der die Kunst ins Spiel bringt, auf der Höhe der Zeit agiert.
Wo Kunst ist, ist auch der Weltgeist. Oder, um Hegel mit Marx zu
lesen, in jedem Fall der Weltmarkt. Seine Protagonisten fallen zu
hunderten in ihren Privatjets auf den internationalen Kunstmessen
ein. Sie bieten auf den großen Auktionen in New York und London und
sorgen für immer neue, noch abstrusere Preisrekorde für
zeitgenössische Kunst. Und dann liebt der Weltmarkt auch noch die
Weltgeschichte! Zumindest in Form der Kunstgeschichte und dem "Girl
with a Monogrammed Bag". Leitet sich aus dieser Verbindung von Markt
und Kunst die derzeitige Geltung der Kunst her? Die Gewissheit ihrer
Bedeutung als dem Ausdrucksmittel zeitgenössischer Fragen, Themen
oder Verhaltensweisen schlechthin? Die Sicherheit, jederzeit, bei
jedermann, an jedem Ort mit Aufmerksamkeit und Interesse für die
Kunst rechen zu dürfen? Und falls nicht, sie fraglos einfordern zu
können? Gleichgültig, ob es um den alltäglichen Smalltalk geht, den
Weltwirtschaftsgipfel in Davos, um die Konsumenten von Klatschpresse
und Celebrity-TV oder die sogenannte große Politik, die - aber Hallo
- inzwischen weiß, dass sie die Kunst in die Planung eines G-8-
Gipfels selbstverständlich einzubeziehen hat.
Tatsächlich werden die Kreise größer, die die Beschäftigung mit Kunst
nicht mehr nur tolerieren, sondern im Gegenteil hofieren. Zwar
desillusioniert die Art, in der sie ihr neu erwachtes Interesse
artikulieren. Verfolgen sie doch meist ganz andere Interessen und
Ziele und nehmen auf die Kunst nur Bezug, um dabei von ihr zu
profitieren. Doch was hieße, Bannerträger des zeitgenössischen
Lebensgefühls zu sein, schon anders? Anderes, als die "Umarmung des
Erfolgs" herauszufordern, wie es Kaspar König, Direktor des Museum
Ludwig in Köln und Ko-Kurator der Skulptur Projekte Münster,
konstatiert? Die Abfolge von Ausstellungen, Messen samt
Messesatelliten, von Galeriewochenenden, Biennalen, Projekten an
immer extravaganteren Orten, am liebsten am Zaun in Heiligendamm, ist
mittlerweile selbst mit Hilfe des raffiniertesten Terminplaners nicht
mehr auf die Reihe zu bekommen.
Sobald am 10. Juni die Biennale in Venedig eröffnet, jagt ein
Großereignis das andere. Die documenta 12 mit 480 Kunstwerken von
rund 100 Künstlern und die Skulptur Projekte in Münster, mit nur 37,
allerdings über den ganzen Stadtraum verstreuten Arbeiten, eröffnen
eine Woche später, am 16. Juni. Praktischerweise liegt die Art Basel
vom 13. bis zum 17. Juni terminlich dazwischen. Doch vielleicht haben
die Schwergewichte unter den internationalen Sammlern, die sie nach
Europa locken soll, schon in Venedig zugeschlagen? Nein, nicht auf
der Biennale, die noch keine Verkaufsausstellung ist, jedenfalls
offiziell. Sondern auf der erstmals stattfindenden "Corniche Art
Fair". Die Parallelaktion wurde von Jean Jacques Aillagon ins Leben
gerufen, dem Direktor des Palazzo Grassi in Venedig, der dem Mega-
Sammler und Eigentümer von Christie's, Francois Pinault, gehört, und
von Daniella Louxembourg, die als Art Consultant unter anderen Ronald
S. Lauder berät und mit Simon de Pury, Chef des Auktionshauses
Phillips, eine Galerie in Zürich besitzt.
Aber nicht nur der Markt, auch die Museen docken an. Am 31. Mai
eröffnet die Einzelausstellung von Anselm Kiefer im Grand Palais in
Paris, am 3. Juni die von Richard Serra im MoMA in New York. Zuvor
startete in Hannover die Ausstellung "Made in Germany", zu deren
Ausrichtung sich das Sprengel Museum, die Kestnergesellschaft und der
Kunstverein zusammengeschlossen haben. Das MoMA in Berlin wird nun
durch das Metropolitan Museum of Art und eine Ausstellung
französischer Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus seinen Beständen
ersetzt. Wie zuletzt preist die Neue Nationalgalerie in Berlin ihre
Schau flott und flächendeckend an: "Die schönsten Franzosen kommen
aus New York". Überhaupt emigriert oder immigriert die Kunst aus
allen Teilen der Welt in alle Teile der Welt. Vornehmlich an
Finanzhandelsplätze wie Dubai, Schanghai oder Singapur.
Ob dieses Art-Trafficking ein Kollateralschaden jener "Migration der
Form" ist, der Roger M. Buergel, Leiter der documenta 12, und seine
Ehefrau und Ko-Kuratorin Ruth Noack in Kassel nachspüren möchten,
oder ob es sich umgekehrt verhält, ist so einfach nicht zu sagen. Das
älteste Exponat der documenta 12 stellt dazu den kunsthistorischen
Schlüssel dar, eine persische Zeichnung aus dem 14. Jahrhundert, in
der allerdings ein Fluss im chinesischen Stil fließt, weil der
anonyme Künstler die dortige Kunst studiert und assimiliert hatte.
Das Schlüsselwerk, das heute das Tor für eine Migration der Form und
des Lifestyles in aller Herren Länder sowie alle Bildungs- und
Finanzschichten hinein weit, weit öffnet, heißt jedenfalls "Girl with
a Monogrammed Bag". Da dieses Heute kein Off kennt, arbeitet ihm auch
Roger M. Buergel fleißig zu - als "Kunstbetriebsverweigerer", wie er
meint.
Nein, es braucht auch heute keinen Wettermann, um zu wissen, woher
der Wind weht. Vielleicht braucht es noch ein bisschen mehr Marx, um
den Weltgeist wirklich im Weltmarkt aufgehoben zu sehen. Denn ein
Rest Unglauben bleibt. Skepsis erregt es, zu sehen, wie diejenigen,
die ihren Platz an der Speerspitze sehen, sich dennoch chronisch an
der Talsohle der Ereignisse fühlen. Die Umschlagsgeschwindigkeit, mit
der heute Kunst erworben und abgestoßen wird, spricht eine deutliche
Sprache. Hat der, der schon heute dem misstraut, was er erst gestern
erworben hat, sich je auf dem Quivive gewähnt? Skeptisch stimmt auch,
dass sich die Sensationen ja keineswegs ereignen. Sie werden,
gleichgültig ob es um Ausstellungs-, Messe- oder Auktionsrekorde
geht, generalstabsmäßig geplant und abgesprochen, also eigens
herbeigeführt und inszeniert. Nicht das Ereignis Kunst setzt sich
durch, sondern Marketingstrategien und Insidergeschäfte.
Trotz aller Legitimationsmacht und Dominanz der
Aufmerksamkeitsökonomie - der Kunst fehlt der Drive, wie man in den
60er- und 70er-Jahren sagte, als Zeitgenossenschaft noch ein Moment
der Notwendigkeit definierte. Wer sich auf ihre Seite schlug, wusste:
Das wird dein Leben (und sei es nur deinen Drogenkonsum) verändern.
Aus dem aktuellen Anspruch der Kunst, kulturelles Leitmedium zu sein,
folgt dagegen, auch alternativlos zu sein. Die Beschäftigung mit
Kunst ist Ausweis wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs -
kein Gegenvorschlag. Regelmäßig trifft man hier auf regelkonformes
Verhalten. Gerade Eigensinn und Abweichung müssen - wollen sie von
Erfolg gekrönt sein - ganz und gar angepasst vertreten werden. Ob
Galeristen, Künstler, Kuratoren, Kunstvermittler oder -kritiker, die
Leute sind smart, flexibel und entgegenkommend; und in diesem Rahmen
durchsetzungsfähig und extrem diszipliniert. Ein kindliches Genie zu
sein, kann nicht schaden, sofern man so nett und höflich ist wie
Jonathan Meese, und enigmatische Arroganz als Warenzeichen des
Ausnahmefalls Kunst braucht es geradezu, wenn man ein so
unauffälliges und braves Leben führt wie Roger M. Buergel.
Gleichzeitig schwelgt die Kunst, die keine Alternative mehr ist, in
der Vielfalt ihrer Möglichkeiten. Fast alles hat seine Berechtigung,
Figuration, Abstraktion, New German Painting und (John) Bock(ige)
Performances, Videokunst, Kitsch genauso wie die soziologische
Vermessung der Welt; jedes Genre, jeder Stil, jeder ästhetische
Ansatz und jeder gesellschaftliche oder politische Einfluss und
Bezugspunkt, jedes Netzwerk und jede Nische gilt. Wahrscheinlich
rührt das Gefühl chronisch an der Talsohle der Ereignisse zu sein,
auch aus dieser Auffächerung der Kunstproduktion und -distribution
her, die zwangsläufig private Idiosynkrasien stützt, darüber, was als
State of the Art gelten darf. Der herrschende Geschmack im
Kunstbetrieb ist tatsächlich der Geschmack der Herrschenden, und dass
sie ihre Vorlieben weitgehend teilen, heißt nicht, dass sie wissen,
was Cutting Edge ist; vielmehr versuchen sie das im wechselseitigen
Austausch zu finden oder erfinden. Doch welche Kunst ist darüber
hinaus noch interessant und von Belang? Darüber fehlt das
Übereinkommen. Denn auch die anderen Teilnehmer des Kunstbetriebs
agieren wie Pinault, Flick und Co.; auch sie konstruieren und
kommunizieren ihre je eigenen Standards in ihrem je eigenen Netzwerk.
Stets und in all ihren Facetten auf der Höhe der Zeit, ist für die
Kunst die Frage nicht mehr zu beantworten, wessen Setzung die größere
Überzeugungskraft und in the long run vielleicht sogar Gültigkeit
hat. Niemand weiß von einen öffentlichen Streit um einen Künstler
oder eine künstlerische Position. Der Streit geht um Personalien oder
Besitzansprüche, wie zuletzt in Berlin zu beobachten, im Fall von
Peter Klaus Schuster, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen,
oder der Restituierung eines Kirchner-Gemäldes.
"Was tun?" fragt da nun die documenta 12. Und führt ausgerechnet
Lenins berühmt-berüchtigte Schrift von 1902 ins Feld, in der er für
ein professionell gemanagtes Herbeiführen der Revolution
argumentiert, statt wie Marx auf ihre Unumgänglichkeit zu setzen, den
ihr eigenen Drive. Buergel und Noack stellen den Status quo nicht in
Frage. An der Spitze der documenta 12 schlagen sie sich auf die Seite
der Institution und des Managements. So dürfen sich diejenigen
weiterhin an der Speerspitze der Ereignisse wähnen, die sie - dank
riesiger Stäbe - wohl kalkuliert definieren, erfinden und promoten.
Gegen Zweifel am Sinn solcher Eigenkreationen und am
Produktivitätszwang der Apparate helfen nur noch mehr Großereignisse.
Sie halten einen so schön in Atem und tatsächlich immer aktuellstens
informiert.
30.5.2007 taz Kultur 394 Zeilen, BRIGITTE WERNEBURG S. 15
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