[echo] "Hamburg braucht Orte für Off-Kultur"

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Fri Jun 1 19:58:26 CEST 2007


taz, 01.06.2007

"Hamburg braucht Orte für Off-Kultur"

Die Frage, welche Rolle die Kultur bei der Entwicklung von  
Großstädten spielt, beschäftigt heute Experten bei der  
internationalen Konferenz "Creative Europe" in Hamburg. Referieren  
wird dort auch Torsten Oltmanns von der Unternehmensberatung Roland  
Berger

taz: Herr Oltmanns, Sie haben untersucht, wie sich europäische  
Metropolen im Wettstreit um kluge, innovative Köpfe aufstellen. Wie  
sind Sie vorgegangen?

Torsten Oltmanns: Die Grundidee ist der Creative-Class-Ansatz von  
Richard Florida. Das ist ein amerikanischer Soziologe, der sich mit  
der Frage beschäftigt hat, wie sich Städte entwickeln und was für  
ihre Zukunftsfähigkeit entscheidend ist. Als wesentliche  
Determinanten beschreibt er die drei Ts: "Talente", "Toleranz" und  
"Technologie".

Wir haben untersucht, ob es wirklich eine Korrelation gibt zwischen  
wirtschaftlicher Stärke und den drei Ts. Dazu haben wir uns die  
stärksten Wirtschaftsregionen Europas angeguckt und konnten  
feststellen: Es gibt einen Leistungsunterschied zwischen Regionen,  
die in einem oder mehreren der Ts besonders stark sind und denen, die  
kein Profil in diesen drei Ts haben.

Einen Leistungsunterschied inwiefern?

Wir haben uns den Zeitraum 2004 bis 1997 angeguckt und das  
Wirtschaftswachstum absolut und das Pro-Kopf-Einkommen verglichen.  
Kopenhagen hatte in diesem Zeitraum ein BIP-Wachstum von 14,5  
Prozent, Barcelona hatte 31,3 Prozent, Amsterdam und Wien um die 18  
Prozent und Hamburg 7,8 Prozent. Da sieht man, dass Hamburg noch was  
tun muss. Das relativiert sich ein bisschen beim Pro-Kopf-Wachstum,  
da liegt Hamburg ziemlich gut.

Und wie unterscheiden sich die Städte in Bezug auf Floridas drei Ts?

Es haben sich drei Typen ergeben: Kopenhagen und Dublin sind Städte,  
die sich sehr stark über "Technologie" und "Talente" definieren und  
relativ wenig über "Toleranz". Diese Städte folgen der Strategie:  
"People follow jobs".

Barcelona macht das fast umgekehrt: Dort ist das Prinzip "Jobs follow  
people". Barcelona setzt dramatisch auf "Talent" und "Toleranz" und  
ist in dem Bereich so attraktiv geworden, dass die Leute da hinziehen  
- und die Firmen hinterher. Das sind die beiden Extrem-Strategien.  
Aber die meisten Städte liegen in einem dritten Bereich, mit einer  
Mischung in unterschiedlicher Ausprägung. Die Frage ist dann, ob es  
klug ist, sich auf eines der beiden Extreme zuzubewegen.

Wo verorten Sie da Hamburg?

Hamburg ist in dieser dritten Kategorie. Mit sehr traditionellen  
Clustern wie Luftfahrt, Hafen, Logistik, Medien. Damit ist es im  
Bereich der Technologie und auf eine bestimmte Art auch im Bereich  
der Talente gut positioniert: Es gibt sehr viele gut ausgebildete  
Leute in Hamburg im "technologisch-traditionellen" Milieu. Es gibt  
aber auch eine relativ starke Bohème - viele Theater, viel  
Kreativität. Hamburgs Problem besteht darin, dass sich das  
künstlerisch-kreative Element nicht auf den Rest der Eliten  
überträgt. Die Herausforderung ist, diese Milieus besser  
zusammenzubringen.

Das klingt, als wollten Sie die Kunst fortan in den Dienst der  
wirtschaftlich relevanten Technologie stellen.

Nein, der Austausch geht in beide Richtungen. Egal, ob Sie mit einem  
Ingenieur reden oder mit einem Kunststudenten: In einer auf Wissen  
basierten Gesellschaft werden die beide eine hohe Anregungsdichte  
wollen. Und zwar beide voneinander. Sie brauchen also einerseits die  
Künstler um ihrer selbst willen und sie brauchen die Technologie- 
Elite um ihrer selbst willen. Und dann brauchen sie Brücken zwischen  
den beiden, damit Anregungsdichte entsteht. Nun geht es darum, beide  
Eliten nach Hamburg zu kriegen.

Wie könnte das funktionieren?

Das ist auch eine Frage von Marketing. Was den Leuten zu Hamburg  
einfällt ist: Wasser, viele Grünflächen, Hafen und viel traditionelle  
Industrie. In einem ersten Schritt müsste man klarmachen, dass  
Hamburg eine Menge anderer Sachen zu bieten hat. Allerdings ist die  
künstlerische Auseinandersetzung in der Stadt sehr gediegen. Sie  
spricht eine bestimmte Zielgruppe exakt an, aber die jungen kreativen  
Eliten fühlen sich zunehmend weniger angesprochen.

Wie ließen sich die ansprechen?

Barcelona beispielsweise ist den Weg gegangen, Festivals zu  
organisieren. Veranstaltungen, die Leute anziehen, um zu zeigen, dass  
schon Leute wie sie vor Ort sind. Was einige Städte auch sehr gut  
machen ist, Freiflächen für eine bestimmte Zeit den kreativen Gruppen  
zur Verfügung zu stellen. Man könnte zum Beispiel sagen: Wenn man in  
Hamburg die Hafen-City baut, stellt man dort für drei Jahre  
innovativen Versuchsraum zur Verfügung.

Ist Hamburgs vorhandene Künstlerszene denn überhaupt interessant  
genug, um international attraktiv zu sein?

Das lässt sich schlecht messbar machen. Klar könnte man Galerien  
zählen. Aber wonach wir suchen, sind Vorstufen, in denen die Künstler  
noch nicht in Galerien verkaufen. In Berlin zum Beispiel gibt es 111  
öffentliche Theater, die keine öffentliche Förderung kriegen. Das  
sind die, in denen vielleicht etwas entsteht, das dann in fünf Jahren  
auf einer großen Bühne eine Rolle spielt.

Meine persönliche Meinung ist: Es gibt viel Kunst in Hamburg, aber es  
gibt keine Foren, wo sich die Szene treffen könnte. Stattdessen gibt  
es eine Vereinzelungstendenz. Kunst wird noch nicht als gemeinsames,  
wichtiges Element in der Stadt wahrgenommen. Am Ende ist es aber auch  
einfach eine praktische Frage: In Hamburg ist Wohnraum im Gegensatz  
zu Berlin unheimlich teuer. Off-Kulturen brauchen einfach irgendwo  
ein Off. Da ist die praktische Frage: Wo wäre das denn in Hamburg?

Herr Oltmanns, wieviel lassen Sie sich dafür bezahlen, das zu  
referieren, was die Hamburger Künstlerschaft schon lange und viel  
besser weiß?

INTERVIEW: KLAUS IRLER


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