[echo] Videokunst ist in Barcelona

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Jun 4 22:13:02 CEST 2007


spiegel, 04.06.2007

Festival des Flimmern und Rauschens

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas, Barcelona

Videokunst ist in Barcelona überall zu Hause: in Bars und Apotheken,  
in japanischen Nudelrestaurants oder im Hotel. Beim "Loop"-Festival  
präsentieren Künstler den schönen Schein der Projektion - und sorgen  
sich um dessen Zukunft.

Ein junger Typ mit strahlend blauen Augen, dezenter Solariumbräune  
und Dreitagebart blickt herausfordernd in die Kamera. Er trägt eine  
Schirmmütze mit Camouflagemuster, darüber die fellbesetzte Kapuze  
eines Anoraks. Der Hamburger Videokünstler Stefan Panhans, Jahrgang  
1967, führt uns in seiner fünfeinhalb Minuten langen Arbeit "Sieben  
bis zehn Millionen" (2005) einen offenbar arg überforderten  
Konsumenten vor, den das unübersichtliche Sortiment eines  
Elektronikkaufhauses fast in den Wahnsinn treibt. Er hält einen  
stakkatohaften Monolog über Billignachbauten, Mogelpackungen und  
unwillige Verkäufer, die "einen doch nur austricksen wollen".

Der Protagonist dieses ebenso theatralischen wie konsumkritischen  
Kurzfilms entwickelt verzweifelte Gegenstrategien: Konsum ist für ihn  
Arbeit. Fünf bis zehn Mal - das hat er sich fest vorgenommen - will  
er in den Shop gehen, um sich ganz genau zu informieren und sich bloß  
nicht das falsche Produkt andrehen zu lassen. Seine Waffen gegen den  
High-Tech-Konsumterror sind Coolness, Konzentration, "Gegenchecken"  
und sein Bauchgefühl. Doch letztlich bleibt auch er nur ein Spielball  
in der Hand der Marketingstrategen und Produktentwickler.

Zu sehen ist dieses Video zurzeit in einem Hotelzimmer in Barcelona.  
Bereits zum fünften Mal findet dort die "Loop" statt, Europas  
wichtigste Kunstmesse für Videokunst. 44 Galeristen aus aller Welt  
zeigen dort in den teils geräumigen, teils etwas verbauten Zimmern  
eines zentral gelegenen Vier-Sterne-Hotels jeweils das Werk eines  
Videokünstlers. Während draußen die Mittelmeersonne auf den Asphalt  
knallt, herrscht drinnen gerade während der Eröffnung drangvolle  
Enge. Besucher tasten sich durchs Dunkel und schieben sich  
gegenseitig durch überfüllte Korridore, um dann doch irgendwo noch  
einen Sessel oder ein Plätzchen auf einem Hotelbett zu ergattern.  
Meistens wird dann konzentriert und aufmerksam geguckt, egal ob die  
Videos drei oder 30 Minuten lang dauern.

Marketender des digitalen Zeitalters

Loop-Galeristen sind so etwas wie die Marketender des digitalen  
Zeitalters. Ihre Ware bieten sie tagsüber dort feil, wo sie nachts  
schlafen. Über ihren Betten, vor den zugezogenen Vorhängen oder auch  
über dem Hotelschreibtisch haben sie weiße Projektionsflächen  
aufgehängt. Das Gebläse der Beamer und DVD-Projektoren erfüllt die  
Räume mit so viel heißer Luft, dass die Klimaanlage nur schwerlich  
dagegen ankommt. Und weil der Platz nun einmal begrenzt ist, haben  
viele der Teilnehmer den hoteleigenen Flatscreen-Fernseher kurzerhand  
ins elegante, schwarze Marmorbad geschleppt. Auch hier vor dem  
Waschbecken oder gar in der Dusche sind für die Besucher Stühle  
aufgestellt. Manchmal riecht es auch noch ein wenig nach dem  
Rasierwasser des Galeristen.

Jedes Jahr im Mai wird Barcelona zur Welthauptstadt der Videokunst  
und zum Mekka ihrer Künstler, Sammler, Kuratoren und Kritiker. Das  
Loop-Konzept umfasst drei Säulen: Parallel zur dreitägigen Messe wird  
auch ein hochkarätig besetztes Begleitprogramm angeboten. Experten  
vom New Yorker MoMA, dem Pariser Centre Pompidou, der Tate Modern in  
London oder dem Karlsruher ZKM diskutieren etwa über einheitliche  
Standards für das Ausstellen von Videokunst.

Ein wenig versuchen sie auch, sich gegenseitig zu beruhigen. Denn die  
größte Sorge der Museumskuratoren gilt der begrenzten Haltbarkeit  
elektronischer Datenträger. Wird es in 30 Jahren überhaupt noch DVDs  
geben? Wie lässt sich der drohende Datenverlust umgehen? Und wie  
verändern sich die Wiedergabemedien in einer sich stetig  
beschleunigenden High-Tech-Welt mit immer neuen, einander ablösenden  
Produkten? Stefan Panhans' Videofilm ist also ganz symptomatisch auch  
für die Profis der Branche.

Daneben findet in Barcelona auch das zehntägige Loop-Festival statt.  
Über 800 Videokünstler aus aller Welt zeigen ihre Arbeiten jenseits  
der ausgetretenen Kunstpfade: in Bars und Apotheken ebenso wie im  
japanischen Nudelrestaurant, im Fitnessstudio oder im Goethe- 
Institut. Emilio Álvarez ist so etwas wie der Motor der  
Großveranstaltung. Der dynamische Messechef mit den langsam  
ergrauenden schwarzen Locken ist selbst Galerist in Barcelona und  
einer der drei Erfinder von Loop. Er gibt sich ausgesprochen  
optimistisch, was die Zukunftsaussichten des Mediums Video betrifft:  
"Seit 40 Jahren existiert diese Kunstform jetzt schon. Aber erst mit  
den benutzerfreundlichen technischen Möglichkeiten von heute ist es  
ihr gelungen, wirklich zu wachsen und von einem breiteren Publikum  
wahrgenommen zu werden", sagt er und fügt siegesgewiss hinzu: "Wir in  
Barcelona wollen weltweit zum wichtigsten Treffpunkt für  
Videokunstinteressierte werden."

Selbsterfahrung bis zur Schmerzgrenze

Wer im abgedunkelten Raum der Hamburger Galerie Art Agents angekommen  
ist, taucht ein in den philosophisch-ätherischen Kosmos von Eske  
Schlüters, 37. In experimentellen Bild- und Textfragmenten reihen  
sich lakonische Gedanken über den Tod und das Verschwinden zu einer  
Nouvelle-Vague-inspirierten Videoarbeit voller poetischer  
Andeutungen. Dort ebenfalls im Angebot: ein kurzer Film der Estin Ene  
Liis Semper, 38: Modelling und Posing mit blutigem Überraschungseffekt.

Handfest politisch und sehr konkret wird es dann in dem kurzen Film  
"The Simpson Verdict" des in Köln geborenen Japaners Kota Ezawa, 38,  
bei der Galerie Gandy aus Bratislava. Hier wird die Urteilsverkündung  
im O.J. Simpson-Prozess in computeranimierte Bilder umgesetzt, eine  
eindringliche Charakterstudie mit minimalen Mitteln. MoMA und  
Guggenheim hätten die 26.000 Euro teure Arbeit bereits angekauft,  
erzählt die Galeristin stolz.

Loop bietet ein breites Spektrum an Video-Erzählkunst und  
atmosphärisch dichten Bilderwelten: romantische Nebelwelten à la C.  
D. Friedrich mit atmosphärischem Sound im Stil der naturverbundenen,  
isländischen Post-Rock-Band Sigur-Rós von der Schweizerin Andrea  
Loux, 38, beim Berner Galeristen Bernhard Bischoff. Die Amerikanerin  
Janet Biggs, 46, filmte die nur 13 Jahre alte Weltmeisterin im  
Synchronschwimmen und zeigt so den Verlust der Kindheit zugunsten  
athletischer Disziplin. (Galerie Claire Oliver, New York). Die Kölner  
Galerie Figge von Rosen zeigt den 30-minütigen Videofilm "Oedipus  
Marshal" des Venezuelaners Javier Téllez, 38, eine auch für Cineasten  
sehenswerte Mixtur aus Western, Sophokles-Tragödie und No-Theater -  
die Darsteller sind psychisch Kranke.

Selbsterfahrung bis zur Schmerzgrenze zeigt der 29-jährige Finne  
Hannu Karjalainen, indem er schwarze und weiße Farbe in elegischer  
Langsamkeit über sein Gesicht laufen lässt (Galerie Taik, Helsinki),  
und die Performance-Künstlerin Patty Chang, 35, aus San Francisco  
lässt sich in einem unendlichen Leidens-Loop von Farbtropfen  
bekleckern, die eine Windmaschine auf ihre am Anfang noch weiße Bluse  
spritzt (Galerie Arratia Beer, Berlin).

Konservierungsprobleme, technische Inkompatibilitäten und relativ  
hohe Preise für Arbeiten, deren reiner Materialwert den einer  
handelsüblichen DVD nicht übersteigt - warum sollte man dennoch  
Videokunst sammeln? Der in London lebende französische Sammler und  
externe Berater der Messe Loop, Jean-Conrad Lemaître, fasst es so  
zusammen: "Video, das ist Leben. Es ist ein allumfassendes Medium:  
Bilder, Bewegung, Sound und Unmittelbarkeit - das alles kommt  
zusammen. Videokunst lässt uns ganz direkt an den glücklichen und  
traurigen Momenten anderer Menschen teilnehmen, an ihren Konflikten  
und manchmal auch an ihrer Hoffnungslosigkeit. Sie vermittelt  
Emotionen und - das beste von allem - Videokunstwerke lassen sich  
ganz bequem verstauen und transportieren - unsere ganze Sammlung  
passt in einen einzigen Koffer."





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