[echo] Den Kapitalismus abschalten

cornelia at snafu.de cornelia at snafu.de
Tue Jun 5 16:12:28 CEST 2007


taz, 05.06.2007

Den Kapitalismus abschalten

Schriften zu Zeitschriften: Die "Kommune" betreibt linke Trauerarbeit
und bringt noch einmal einen Schwerpunkt zur RAF, "Kultur & Gespenster"
freut sich über den Geist der Anarchie und arbeitet sich an Wolfgang
Kraushaar ab

Die Gewaltfrage kann urplötzlich beim zweisamen Couchgespräch vor dem
Fernseher auftauchen: Hast du schon mal jemanden töten wollen, mehr oder
weniger in Gedanken, aber dennoch ohne innere Zweifel? Wenn gerade ein
Krimi läuft, wirkt solche bierselige Spekulation meist selbstgefällig.
Doch wer einmal Todesangst oder eine drohende Vergewaltigung erlebt hat,
der hat auch dann eine konkrete Empfindung.

Angesichts von vermummten Steinewerfern auf dem Bildschirm stellt sich
die Frage diesseits der Notwehr: Wer von denen würde abdrücken, wenn er
statt des Steins eine Knarre in der Hand hält? Das dargebotene bizarre
Aufstandspiel mit allerlei einstudierten militanten Taktiken ist ja
nicht nur ein folgenloses theatralisches Ritual. In der
leidenschaftlichen oder coolen Gewalttat offenbart sich eine immanente
Symbiose aus Spiel und Ernst. Alles könnte stets in Sekundenschnelle
kippen; der Grat ist schmal und zudem unsichtbar. Man kann durchaus ins
Sinnieren geraten über die Überlebenschancen von George W. Bush oder des
Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann auf Rostocker Seitenstraßen am
Samstag. Ussama Bin Laden hätte höhere gehabt.

Das psychologische Fantasieren über die Gewalt befeuert auch die
RAF-Debatte, über deren Wiederaufflammen viele seit Monaten nur den Kopf
schütteln können. Alles schien dazu seit Jahren geschrieben und gesagt.
Der RAF-Themenschwerpunkt im aktuellen Heft der Kommune zeigt noch
einmal, warum dies dennoch eine Vergangenheit ist, die nicht vergehen
will: Obwohl der lange Abschied von der Revolution 1968 ff. so eindeutig
und nachhaltig ausfiel, fehlte es angesichts des überstandenen
kollektiven Wahns an "linker Trauerarbeit", so Martin Altmeyer. Am 20.
Mai 1973 hatte Ulrike Meinhof an Horst Mahler über die Möglichkeiten von
Befreiung und Heilung geschrieben: "Gewalt gegen die Schweine: Knarre,
Bewusstsein, Kollektiv." Um "Komplexitätsreduktion mit der Waffe"
(Herfried Münkler) geht es. "Der Feind ist unsre eigne Frage als
Gestalt", wusste bereits Carl Schmitt. Und mit der Auslöschung des
Feindes hofften die Täter daher, sich von allen inneren Fragen und
Widersprüchen zu erlösen.

Moralisch hätte die Grenze zu solcher Inhumanität von vielen Linken Kurt
Edler zufolge leicht überschritten werden können: "Seien wir ehrlich:
dass die RAF in ihrem Werben um Mittäter so erfolglos blieb, … lag nicht
an der Moralität des Widerspruchs, sondern - typisch für die
neomarxistische Linke damals - am strategischen Realismus all jener am
Diskurs Beteiligten, die den RAF-Gründern damals widersprochen haben."
Interessant wird es wieder in der psychologischen Fantasie: Wer von den
heute in ihren Funktionen agierenden Ex-K-Grüpplern und einstigen
Maoisten hätte nach einer erfolgreichen Revolution "im Dienste der
Sache" Hinrichtungslisten unterschrieben, irgendwann Abweichler
"notgedrungen" liquidiert oder solche Taten in Artikeln gerechtfertigt?
Diese existenzielle Unsicherheit über die furchtbaren Möglichkeiten des
eigenen Ichs, über die knapp entronnenen Folgen ideologischer
Verblendung rumort individuell. Sie dürfte heute die von Ewiggestrigen
und ignorant-romantischen Kulturlinken belächelte und befehdete linke
Trauerarbeit von Koenen, Kraushaar & Co. antreiben.

"Und Wolfgang Kraushaar bestimmt, was über die Linke noch zu denken
ist", meint denn auch pseudoprovokativ der unschuldig nachgeborene
Jan-Frederik Bandel, Mitherausgeber von Kultur & Gespenster. Sein
denkwürdiges Interview mit Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg, den
jahrzehntelangen Machern des Verlags Edition Nautilus, ist eine
Performance über linkes Denken, die situationistische Bewegung, über
Politik, Revolution, Kultur, Literatur, Franz Pfemferts Zeitschrift Die
Aktion, kurz: eine mal dämlich-befremdliche, mal anarchisch kreative
Wahnwelt mit antiautoritären Genen. Die Knarre wird von Schulenburg
trotz aller verbaler Sprengsätze zum Glück im Schrank gelassen: "Der
Kapitalismus muss sofort abgeschaltet werden und zwar schnell, weil dann
das, na ja …" Wer fühlte sich dabei nicht an die ähnlich inhaltsschweren
Botschaften des G-8-Protest erinnert? ALEXANDER CAMMANN

Kommune, Heft 3, Juni/Juli 2007, 10 €, www.oeko-net.de/kommune Kultur &
Gespenster, Nr. 3, 12 €, www.kulturgespenster.de

taz vom 5.6.2007, S. 13, 145 Z. (Kommentar), ALEXANDER CAMMANN



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