[echo] Wo der Hund begraben ist

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Fri Jun 8 15:10:48 CEST 2007


taz, 08.06.2007

Wo der Hund begraben ist

"Peripherie" heißt die Reihe, in der sich die Hamburger Galerie für  
Landschaftskunst wenig genutzter Orte annimmt. Till Krause ist auf  
den Tierfriedhof in Norderstedt gestoßen. Dort will er ein eigens  
gepachtetes Grab mit einer geheimnisvollen Emailplatte bestücken

Warum nur will der Künstler nicht so recht sprechen? Er tue eben  
seine Arbeit, sagt Till Krause. Und müsse ja nicht über alles reden.  
Fast klingt er da ein bisschen bockig. Das überrascht - auch deshalb,  
weil die Arbeit, die Krause derzeit verrichtet und die am Sonnabend  
zu einer besonderen Vernissage führen soll, keineswegs Routine ist.  
Im Rahmen der Reihe "Peripherie", organisiert von der Hamburger  
Galerie für Landschaftskunst, wird Krause auf dem "Tierfriedhof Nord"  
in Norderstedt eine für drei Jahre gepachtete Grabstätte gestalten.

Das tut er - natürlich - in Absprache mit Friedhofspächter Jürgen  
Becker. Der macht für den Künstler eine Ausnahme: "Normalerweise  
liefern wir hier die Grabplatten", sagt Becker, "sodass wir immer  
wissen, was draufsteht." Till Krause bastelt sich seine selbst.  
Genaueres weiß auch Becker nicht. Von einer Email-Grabplatte mit Text  
sei die Rede gewesen, die er auf die Grabstelle legen wolle. Und dann  
habe Krause noch gesagt, dass zur Eröffnung wohl ein paar Leute  
kämen. Keine Massen. Denn die eigentliche Eröffnungsfeier soll in  
einem nahe gelegenen Restaurant stattfinden.

Dabei ist dem Pächter die Publicity nur recht. Denn es gibt in  
Hamburg ja auch noch diesen anderen Tierfriedhof, "und ich finde es  
immer wieder bedauerlich, wie wenige Menschen von dieser Möglichkeit  
der Bestattung wissen", sagt Becker.

600 bis 700 Gräber auf 18.000 Quadratmetern beherbergt das Areal, und  
über das Erscheinungsbild braucht er sich keine Sorgen zu machen.  
"Die Gräber hier sind besser gepflegt als die auf manchem  
Menschenfriedhof", sagt Becker. Stimmt es also doch, dass der  
westliche Bürger sein Haustier mehr liebt als seine Nachbarn und  
Verwandten? "Tiere sind ehrlich und machen keinen Ärger", sagt der  
Friedhofspächter stoisch. "Das vergessen die Leute nicht."

Vor allem Katzen und Hunde, aber auch Kaninchen, Wellensittiche,  
sogar einen Papagei hat er schon begraben. Und ein paar jüngere Leute  
seien mit ihren Ratten gekommen. "Für die war das kein Ungeziefer."  
Becker ist es egal. "Die könnten auch einen Skorpion anbringen", sagt  
er nur.

Für mindestens drei Jahre müssen in Norderstedt die Gräber angemietet  
werden. Die meisten Kunden verlängerten dann um weitere drei Jahre.  
Länger meist nicht, "weil die Leute wohl davon ausgehen, dass von dem  
Tier dann nichts mehr übrig ist", sagt Becker. Da sind die Kunden  
trotz allem recht pragmatisch. Auch die Größe des Tieres entscheidet  
darüber, wie lange man das Grab hält: Bei großen Tieren können es  
schon mal neun Jahre werden. Das größte je begrabene Tier dürfte nach  
Beckers Erinnerung "wohl eine Dogge" gewesen sein. "Pferde und  
Ähnliches können wir nicht nehmen", sagt er. "Das überfordert uns."

Für die Romantiker unter den Kunden, die die Verwesung hinauszögern  
wollen, bietet Becker auf seiner Internetseite auch Tiersärge an.  
"Naja, Sarg ist übertrieben", sagt er bescheiden. "Wir haben  
Holzkisten in drei Standardgrößen - für den Fall, dass jemand aus  
Pietät das Tier nicht einfach in eine Decke wickeln möchte."

Der würdige Abschied sei äußerst wichtig für die Tierbesitzer, "und  
das betrifft wirklich alle: den Doktor wie den Hartz-IV-Empfänger".  
Einen Beerdigungszug gebe es meist trotzdem nicht. "Es gibt auch  
keine Grabrede oder so etwas. Man kannte das Tier ja nicht, was soll  
man da groß sagen?" Einmal aber sei bei der Bestattung sogar eine  
Pastorin dabei gewesen. "Aber ich hatte den Eindruck, dass die das  
nicht gern machte", sagt Becker.

Und er selbst? Hat den Job zunächst aus der Not heraus angenommen,  
ihn aber schätzen gelernt. "Erstens habe ich drei Hunde hier liegen,  
fühle mich der Tierwelt also durchaus verbunden. Außerdem gefällt mir  
die Arbeit. Man ist - mit Ausnahmen - mit vielen netten Menschen  
zusammen und führt so manches intensive Gespräch. Und glauben Sie  
mir", sagt er, "der Pastor erfährt bei der Beichte auch nicht mehr  
als ich." Denn er trifft die Menschen in ihrer schwachen Stunde. "Man  
muss natürlich ein Gefühl dafür entwickeln, wann es zu viel wird, und  
eine gewisse Distanz entwickeln." Die hat Becker, der die Anliegen  
seiner Kundschaft keineswegs lächerlich findet. Und er denkt ans  
Geschäft. "Ich würde mich freuen, wenn die Kunstaktion den Friedhof  
zu einem Anziehungspunkt machen würde."

Vielleicht wird er das tatsächlich. Denn nur wer sich auf den Weg  
dorthin macht, wird erfahren, was Till Krause auf seine Emailplatte  
geschrieben hat. Vielleicht ja nur: "Kunst ist schön." Oder: "Dies  
ist kein Grabstein." Jürgen Becker ist es vermutlich gleich. PETRA  
SCHELLEN

Eröffnung: Sa, 19 Uhr, Restaurant "Zur Glashütte", Segeberger  
Chaussee 309, Norderstedt. Das gestaltete Grab ist bis 2012 auf dem  
Tierfriedhof Nord, Wilstedter Weg 133 in Norderstedt zu sehen. Exakte  
Lage unter www.gfk.de

taz Nord vom 8.6.2007, S. 17, 160 Z. (TAZ-Bericht), PETRA SCHELLEN


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