[echo] DOCUMENTA 12: ERSTE EINBLICKE

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Fri Jun 8 15:15:53 CEST 2007


spiegel online, 04.06.2007

Straße zum Weltwunder

Von Ulrike Knöfel

Die aktuelle Documenta in Kassel stellt einmalig hohe Ansprüche - an  
das Publikum, aber vor allem an sich selbst. Wird die zwölfte Ausgabe  
seit 1955 dem legendären Ruf dieser Veranstaltung gerecht? Ein erster  
Blick auf die Ausstellung.

Zehn Jahre hat es nach Kriegsende gedauert, bis die Deutschen die  
Kunst der Moderne neu entdeckten. Das Land der Dichter, Denker und  
Maler - durch die Diktatur entwöhnt und verbogen - besann sich wieder  
auf die Kraft der Avantgarde, vor allem der Abstraktion

Es war ein Experiment in Ruinen. In Kassel, im Krieg weitgehend  
zerstört, eröffnete 1955 eine Ausstellung namens Documenta. Aus  
dieser Vision des Museums auf Zeit wurde eine weltbekannte  
Institution. Seit 1972, damals lief bereits die fünfte Documenta,  
breitet sie sich alle fünf Jahre aus. Immer dann ist Kassel  
Machtzentrum der Kunst. Happenings und Konzeptkunst, mystische  
Erneuerung durch Joseph Beuys, Malerei aus der DDR und Videokunst in  
der Endlosschleife - alles, was gerade als provokant oder progressiv  
galt: Hier war es zu sehen. Das Publikum lernte, staunte, härtete  
sich ab und wurde immer größer. Im Jahr 2002 kamen 650.000 Gäste.

Mit jedem neuen Durchgang wachsen die Erwartungen. Die zwölfte, von  
Roger Buergel geleitete Ausgabe, die Mitte Juni beginnt, müsste  
demnach mindestens ein Weltwunder sein. Das Wunder jeder Documenta  
soll ja darin bestehen, die Massen zu begeistern, ohne selbst dem  
Massengeschmack zu verfallen. Die Auflösung dieses Widerspruchs  
fordert im Jahr 2007 mehr denn je heraus.

Buergel, 44, vormals freier Ausstellungsmacher, war bis zur Berufung  
nach Kassel ein weitgehend Unbekannter. Nun, kurz vor dem Start,  
wirkt er ein wenig übernächtigt, aber kampfeslustig. Er muss es mit  
vielen aufnehmen, mit den üblichen Skeptikern und den zahllosen  
Konkurrenzschauen des Sommers. Herausragender Szene-Hotspot neben  
Kassel ist die Biennale von Venedig, dieses stets glamourös  
aufgezogene Treffen der Kunstnationen. Für Deutschland tritt dort Isa  
Genzken an. Im Vorfeld der neuen Documenta wurde - ungewohnt - viel  
über Schönheit und Sinnlichkeit gesprochen, was aber nicht heißt,  
dass Buergel es dem Betrachter leicht macht.

Zusätzlich zu den musealen Quartieren (Museum Fridericianum,  
Documenta-Halle, Schloss Wilhelmshöhe und Neue Galerie) entstand im  
Park der Karlsaue ein Pavillondorf aus umfunktionierten  
Gewächshäusern. Drinnen fällt der eigens geteerte Belag auf, eine  
profane Asphaltstraße zur Kunst. Klingt weniger schön? Genau. Dafür  
wurde das Museum Fridericianum innen zum edlen Schaukasten  
zurücksaniert.

Ganz sicher ist diese Documenta ein Wechselbad der Eindrücke - und  
aufmüpfige Umdeutung der Moderne. Buergel dehnt im Zuge seiner ganz  
eigenen Globalisierung den Radius der Kunstwelt in Raum und Zeit aus,  
er definiert den Begriff des Zeitgenössischen neu. Aktuell ist bei  
ihm auch Uraltes. Relevant kann sein, wofür sich bislang kein  
Kunsthistoriker, kein Galerist interessierte.

Das heißt erst einmal, es gibt viel zu betrachten: persische  
Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert; chinesische Tempel, 1001 eigens  
eingeflogene Chinesen und dazu 1001 chinesische Stühle;  
minimalistische Skulpturen aus Kalifornien; einen Container mit Kunst  
aus Russland; Reisfelder, eine Giraffe; ein Pop-Parlament aus E- 
Gitarren. Zur neuen Vielfalt gehört es, alle künstlerischen Medien  
vorkommen zu lassen. Die vergangene Documenta galt als videolastig.  
Jetzt sind Filme eine Gattung unter mehreren - wenngleich das Video  
des Iren James Coleman eines der teuersten Werke dieser Documenta  
ist. Zum Ausgleich gibt es dunkle Gemälde mit Gesichtern wie die von  
Monika Baer, sehr groß, sehr poetisch.

Und: Viele Konfliktherde sind vertreten. Dafür sorgt im Pavillon  
schon die kongolesische Malerin und Schriftstellerin Bill Kouélany.  
Sie hat auf eine künstliche Mauerruine Zeitungsberichte geklebt, die  
das Elend der Welt behandeln (Artikel über die Documenta  
lustigerweise eingeschlossen). Die Mauer selbst ist Symbol der  
Teilung. Geteilte Länder, geteilte Orte bilden eines der vielen  
Unterthemen der Schau. Urbanisierung heißt ein weiteres.

Buergel gibt sich wie seine direkten Vorgänger sendungsbewusst auf  
der Frequenz von Welt- und Gesellschaftskritik. Daher Fotos aus dem  
Niger-Delta, wo Großkonzerne die Ölvorkommen ausbeuten, daher ein  
Beet der Wienerin Ines Doujak mit (noch mickrigen) Pflanzen, das auf  
Bio-Piraterie verweist. Der Deutsche Andreas Siekmann hat ein  
Karussell der "Ausgeschlossenen" aufgestellt. Und da ist das Boot,  
das der Künstler Romuald Hazoumé aus Benin gebaut hat. Eine Flucht  
aus der afrikanischen Hölle würde damit scheitern. Die Form wirkt  
traditionell, doch das Boot besteht nicht aus Holz, sondern aus  
Ölkanistern, und es ist löchrig, eben nicht seetauglich.

Dass gute Kunst von Inhalten lebt, von Inhaltsschwere geradezu, ist  
aber nur eine Schlussfolgerung der Schau. Der neue Kunstkanon aus  
Kassel setzt dann doch auf die Magie einer bestechenden Ästhetik. Ob  
sie gefällt oder irritiert, ist eine andere Frage. Die Gemälde von  
Dierk Schmidt etwa sind halbabstrakte Kommentare zur Kongo-Konferenz,  
einprägsam trotz des blassen Orangetons. Die Documenta, die in ihren  
ersten Jahren Kunststile (vor allem abstrakte) und später Inhalte  
(vor allem politische) und selten beides zugleich in den Vordergrund  
stellte, lässt diesmal das eine nicht ohne das andere gelten.

Ambitioniert, wie man als Leiter der Documenta nun mal sein sollte,  
will Buergel gleich die Geschichte der Ästhetik neu schreiben. Von  
einer "Migration der Form" spricht er und versteht darunter eine  
zeit- und länderübergreifende Verwandtschaft der ästhetischen  
Vorlieben. Seine These lautet, dass nicht nur Menschen, sondern "auch  
Formen von einem Kulturbereich in den anderen migrieren".
Das ist nicht zu verwechseln mit der Begeisterung fürs Exotische, der  
einst auch die Expressionisten erlagen, als sie afrikanische Kunst im  
Völkerkundemuseum für sich entdeckten und sich deutlich inspirieren  
ließen. Es geht um die stille, unbewusste Übernahme, auch um  
zufällige Korrespondenzen.

Gibt es diese Verbrüderung im Ästhetischen tatsächlich? Wie nah sind  
sich die Masken aus Benin, die ursprünglich auch mal Ölkanister  
waren, und der Wandbehang der deutschen Künstlerin Cosima von Bonin,  
ein Patchwork aus feinem Textil? In Kassel hängen sie nebeneinander -  
und von da ist es ein kleiner Schritt zur transparenten  
Wandinstallation des Österreichers Gerwald Rockenschaub. Buergel  
sinniert über Verdichtungen, man muss, um ihm zu folgen, Phantasie  
beweisen.Fotos von Frisuren aus Nigeria und asiatische Kalligrafien  
belegen dieselbe Neigung zur hoheitsvoll geschwungenen Linie, die  
Nähe zum Ornament. Die lässt sich aus der europäischen  
Kunstgeschichte erst recht nicht wegdenken.

Gelegentlich wird der Bogen gnadenlos überspannt. Warum auch nicht?  
Alles soll neu betrachtet, neu bewertet werden. Weil Buergel schon  
einmal dabei ist, stellt er gleich noch die diversen  
Darbietungsformen zur Diskussion. Wie es die Werke präsentiert,  
daraus hat das Kasseler Team ein regelrechtes Spiel gemacht. Es hat,  
als hintersinnigen Verweis auf die Globalisierung des Marktes, eine  
Art Kunstmesse eingerichtet - mit Kojen aus Stellwänden. Auch für  
einen "White Cube" wurde Platz reserviert: Immerhin folgt der  
Kunstbetrieb in Museen und Galerien - genauso weltweit - dem Zwang  
zum puristischen Raum. Dass es altmodischer geht, beweist Buergel im  
Museum Fridericianum. Die Wände sind so farbig gestaltet, wie man es  
im 19. Jahrhundert liebte. Der elegante Anachronismus lässt manches  
Werk wie einen Klassiker erscheinen.

Das trifft auf die riesigen Girlanden von Iole de Freitas zu, die  
sich durch einen Saal schlängeln und an der Fassade fortsetzen. Es  
gilt auch für Dokumente eines früheren argentinischen  
Künstlerkollektivs, die vor zartes Grün drapiert sind: Die Mitglieder  
der Gruppe Tucumán Arde bekämpften in den Sechzigern die Diktatur,  
manche gaben die Kunst auf, schlossen sich der Guerilla an. Passt das  
zu Buergels schickem Neoklassizismus? Es ist zumindest ein  
interessanter Versuch der Musealisierung.

Das beliebte Ritual jeder Vernissage, das Namedropping, dürfte  
schwerfallen auf einer Documenta, die zwar auch mit Stars auftrumpft,  
aber ansonsten eine Bühne der Entdeckungen sein will. Der Chinese  
Zheng Guogo ist eine; er bringt einen frittierten Spielzeugpanzer als  
Kritik an der Massenproduktion des Superbilligen mit.

Und wer kennt die Chilenin Lotty Rosenfeld oder erinnert sich an die  
verstorbene britische Fotografin Jo Spence und ihre ungeschönten  
Aufnahmen der Gegenwart, darunter Aktbilder, die kaum den Geschmack  
der Masse treffen?

Jede Documenta hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Diese hier  
will viel, wahrscheinlich zu viel. Man hat an alles gedacht und jeden  
berücksichtigt, alle Quoten erfüllt. Buergels Leute haben einen  
Starkoch nominiert, von dem aber unsicher ist, ob er sich blicken  
lässt. Für die VIPs richteten sie ein "Hospitality"-Programm ein, für  
die Benachteiligten der Hartz-IV-Gesellschaft gründeten sie einen  
"Salon des Refusés", für die MP-3-Generation bereiten sie ein  
Download vor.

Eigentlich lässt sich sagen: Auf dieser Documenta ist alles möglich,  
solange es nur den amtierenden Kunstschicksalsgott Buergel (sowie  
seine Ehefrau und Mitkuratorin Ruth Noack) fasziniert - oder  
amüsiert. Und doch: Spannungsreicher und widerspenstiger, also auch  
anregender, lässt sich eine Documenta kaum machen. Man verlangt keine  
übertriebene Ehrfurcht vor der Kunst, lässt Humor zu. Zugleich ist  
eine geistige Überanstrengung Absicht.

Eine der Buergelschen Leitfragen, mit denen er in die Vorbereitung  
der Ausstellung gegangen ist, lautet: "Was tun?" Sie bezieht sich auf  
das Problem der Bildung.

Wer über eine intellektuelle Herausforderung lieber spotte, statt  
sich ihr zu stellen, wer da aufgebe, der verliere den evolutionären  
Wettbewerb, mahnt Buergel: "So einfach ist das."

Schon verstanden: Über seine anspruchsvolle Schau - diese Übung für  
Konzentration und Phantasie - soll sich niemand lustig machen.  
Selbstironisch hat er, der große Dozent, von einem Künstler ein  
"Klassenzimmer" zimmern lassen.

Seit der ersten Documenta 1955 wünscht sich ausnahmslos jeder Leiter,  
für Aufruhr zu sorgen. Buergel wird das 2007 mit seiner Schau -  
Gesamtkunstwerk, Globalisierungsgipfel und Kunstunterricht auf  
Weltniveau zugleich - sicher gelingen.


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