[echo] GAL Ideen-Lounge "Kultur & Kreativität. Hamburgs neue Stärken?"

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Jun 12 23:04:02 CEST 2007


hamburger abendblatt, 13.06.2007

Hamburgs Joker müssen auf den Tisch

Der Ehrgeiz, sich in Sachen "Hochkultur" neu zu orientieren, ist  
riesig - doch die strukturellen Änderungen sind bislang noch  
bescheiden und halbherzig. Die Kulturfinanzierung bei der chronisch  
unterfinanzierten Kulturbehörde zu belassen ist ein fauler Trick von  
gestern.

Von Joachim Mischke

Hamburg - Zu viele Köche verderben den Brei - auf diesen simplen  
Nenner lassen sich auch Hamburgs Bemühungen reduzieren, sich als  
Kulturmetropole europäischen Formats zu präsentieren. Bislang ist  
diese Darstellung eher unstrukturiert, aber das war irgendwie auch  
halb so wild. Musical-Touristen kommen schließlich immer in rauen  
Mengen, Reeperbahn, Jungfernstieg, Alster und Hafen bleiben  
garantiert, wo und was sie sind.

Jenseits dieser Selbstgänger jedoch ist es seit Langem kompliziert:  
Es gibt drei Immer-nur-fast-Verantwortliche für das Riesenthema  
Kultur. Die Hamburg Marketing GmbH (HMG) soll für generell gute  
Stimmung sorgen, sie soll Medien und Multiplikatoren neugierig  
machen. Dafür arbeitet dort nur eine Handvoll Fachkräfte, mit besten  
Vorsätzen, aber einem zu geringen Etat angesichts des komplexen  
Angebots. Für eine bundesweit einzigartige Attraktion wie die  
Autorentheatertage des Thalia-Theaters überregional mit Plakaten zu  
werben, die etwa 30 000 Euro kosteten, ist schön und gut. Dies nur  
einmal tun zu können, weil man danach kein Geld mehr für mehr hat und  
auch andere Schwerpunkte mal dran sein sollen, ist schlicht unklug.

Dann wäre da noch die Hamburg Tourismus GmbH (HHT). Dort werden Nägel  
mit Köpfen gemacht, man vermarktet Pauschalangebote, Hotelzimmer oder  
Eintrittskarten. Doch dort spielt Hochkultur immer noch nur eine  
Nebenrolle, und die so immens wichtigen kreativen Randbereiche sind  
noch nicht mal Statisten. Die HHT macht einiges besser als früher,  
aber nach wie vor nichts umsonst in Sachen Werbung für andere. Wer  
beworben werden will, muss zahlen. Angesichts der klammen Kulturszene  
kommen so vor allem die betuchten und weniger die besonderen Anbieter  
zum Zuge.

Drittes Rad am offensichtlich holpernden Wagen ist die Kulturbehörde.  
Sie hat bekanntlich schon für die auftragsgemäße Pflege des Bestands  
nicht genügend Geld in ihrem Etat und für professionelle  
Kulturvermarktung nicht die nötigen Ressourcen. Es ist ja auch nicht  
ihre Aufgabe. Sie soll kulturelle Vielfalt fördern, nicht verkaufen.  
Und sie kann zudem keine privaten Gönner für dieses Riesen-Thema  
angehen, denn warum sollte ein solventer Elbchaussee-Anwohner, der  
sein Herz an die Alten Meister der Kunsthalle verloren hat und dafür  
gern zum Scheckbuch greift, auch nur einen Euro dafür spenden, dass  
beispielsweise das neue "Ostertöne"-Festival der Laeiszhalle  
angemessen bundesweit vermarktet werden kann? Schließlich können die  
Kultursenatorin oder sogar der Bürgermeister für Derartiges nicht mit  
dem Klingelbeutel herumgehen.
Es rächt sich dramatisch, dass Hamburg 2003 auf eine Bewerbung zur  
Kulturhauptstadt verzichtet hat.

Eine andere Dauerbaustelle: die Museumsmeile. Seit Jahren wird  
darüber diskutiert, die "Perlenkette" der Museen optisch  
aufzupolieren. Doch wer der drei oben Genannten soll es bezahlen? Wer  
soll das durchführen? Wie soll man es konsequent jenseits der  
Stadtgrenzen kommunizieren? Wahrscheinlich geht das berühmte Kamel  
schneller durchs Nadelöhr.

Es ist unübersehbar: Das Dilemma ist da, nicht erst seit gestern, und  
es ist groß. Doch jetzt müsste Schluss sein mit dem Unentschlossenen,  
mit diesem Bermuda-Dreieck, in dem Zuständigkeiten und gute Absichten  
immer wieder - mal notgedrungen, mal unnötig - verstolpert werden.  
Denn mittlerweile gibt es ein ganz konkretes Datum. Eine Wendemarke,  
ab der alles besser und vieles ganz neu sein soll: Im Sommer 2010  
soll die Elbphilharmonie eröffnen. Die Frage ist nun nicht mehr, ob  
das passiert, sondern in welchem kulturellen Umfeld. Und ob dieses  
Umfeld dem Anspruch von innen und den Erwartungen von außen gerecht  
werden kann. Und wie man diese Tatsachen dem Rest der Welt mitteilt  
und so schmackhaft macht, dass möglichst viele vor Ort dabei sein  
wollen.

Jetzt, angesichts des immer wieder demonstrativ verkündeten  
Ehrgeizes, rächt es sich dramatisch, dass Hamburg 2003 auf eine  
Bewerbung zur Kulturhauptstadt verzichtet hatte und sich mit  
Daumendrücken für Lübeck begnügte. Man hatte gerade eine Olympia- 
Bewerbung unglücklich verloren, da wollte man sich nicht gleich  
wieder in Kosten stürzen. Ole von Beust, damals wie heute  
Bürgermeister, begründete den Verzicht mit: "Der Spaß würde 40  
Millionen kosten." Eine Summe fast aus der Portokasse, verglichen mit  
anderen Großinvestitionen zur Mehrung des wirtschaftlichen  
Wohlergehens der Stadt - bei denen mit keiner Wimper gezuckt wurde.

Damals suchte man Trost bei intellektuell überschaubaren Events wie  
Jugend- und Motorradfahrertreffen. Was Kultur auf hohem Niveau  
bringen würde, wurde erst bemerkt und betont, nachdem Großmäzene die  
Elbphilharmonie anschubfinanziert hatten. Mittlerweile ist man auch  
an höchster Stelle Feuer und Flamme für Hamburger Kultur - solange  
sie nicht elitär zu wirken droht und erst recht nicht mit  
Investitionen verbunden ist. Obwohl man längst genau weiß, dass sie  
auf einem auch nur halbwegs soliden Fundament ruhend ungleich mehr  
einspielen würde.
Jede Regierung könnte für diese Stadt auf Image-Feldern punkten, die  
bislang noch völlig brachliegen.

Mit der Kulturhauptstadt-Bewerbung als Motivationsanschieber wäre das  
Projekt Elbphilharmonie noch rasanter in Richtung Realität getrieben  
worden, mit ihrer Eröffnung als Krönung eines Kulturhauptstadt-Jahres  
hätte Hamburg als global player der Kultur punkten können wie nie  
zuvor. Das Ruhrgebiet als Sieger des Rennens dankt, investiert und  
verdient.

Doch es gibt noch eine Chance. Denn mit dem "Ja" zur Elbphilharmonie  
hat die Hamburger Politik einen historischen Paradigmenwechsel bei  
der Bewusstseinsbildung und Eigenwahrnehmung dieser Stadt in die Spur  
gestellt. Kultur-Staatsrat Gottschalk betonte kürzlich bei einer  
Podiumsdiskussion, Hamburg brauche einen Imagewechsel. Welchen, ließ  
er offen.

Mit einer demonstrativen substanziellen und brauchbar  
durchfinanzierten Vermarktung der Hamburger Kultur - nach innen wie  
nach außen - könnte jede Regierung für diese Stadt auf Image-Feldern  
punkten, die bislang noch völlig brachliegen. Berlin, um nur einen  
Lieblings-Konkurrenten zu nennen, müsste sich dann wirklich mal warm  
anziehen. Der Ehrgeiz, Neuorientierung zu wollen, ist hier riesig,  
doch die strukturellen Änderungen sind bislang noch bescheiden und  
halbherzig. Profan ausgedrückt: Ein bisschen schwanger geht nicht.  
Den Schwarzen Peter Kulturfinanzierung immer noch nur bei der  
unterfinanzierten Kulturbehörde zu belassen ist ein Trick von  
gestern. Ihn in einen Joker zu verwandeln, in einen Trumpf, den auch  
andere Behörden ausspielen sollten - das wäre zukunftsweisend.

Die Regierung, welcher Couleur auch immer, muss schnell die  
verstreuten Kompetenzen bündeln und entsprechend in Hamburgs Kultur  
und ihre Vermarktung investieren. Nicht wenig. Nicht nur einmal.  
Nicht nur in den Kultur-Etat. Nicht nur aus dem Kultur-Etat. Alles  
andere würde sehr teuer werden und dann sehr peinlich enden. Beides  
kann hier niemand wollen. So einfach ist das und doch so ungeheuer  
kompliziert.

# Diskussion: 13. Juni, 19 Uhr, Rathaus Bürgersaal: GAL Ideen-Lounge  
"Kultur & Kreativität. Hamburgs neue Stärken?" mit der designierten  
Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard und Norbert Kettner, dem Chef  
der Wiener Förderungsagentur für Kreativwirtschaft. Eintritt frei.

erschienen am 12. Juni 2007 


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