[echo] Alice Schwarzers neues Buch

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Tue Jun 12 23:04:11 CEST 2007


taz, 13.06.2007

Die Wege des Drama-Feminismus
Alice Schwarzers neues Buch gibt "Die Antwort" auf Diätenterror und  
Arschficksongs. Es trifft einen Nerv. Trotz viel alter Polemik

VON HEIDE OESTREICH

Alice Schwarzer ist mit ihrem markigen Basis-Feminismus immer zur  
Stelle, wenn in der Öffentlichkeit eine kräftige weibliche Stimme  
gefragt ist - einfache Feindbilder inklusive. "Die Antwort", ihre  
aktuelle Zeitdiagnose, ist wieder eine merkwürdige Mischung aus  
dringend gebrauchter Schlagkraft und alten, etwas kruden Thesen.

Haben sehr viele Feministinnen sich produktiv verunsichern lassen,  
von neuen Männern, die das alte Feindbild bröckeln lassen, von der  
Entmündigung, die vom Opferdiskurs ausgehen kann, von der  
Imagekritik, die jüngere Frauen üben - Alice Schwarzer hat all dies  
nie angefochten. Das ist eine Stärke, wenn es heißt, einfach mal  
wieder kräftig dazwischenzuhauen. Und die Zeit dazu ist gekommen.  
Zugleich aber verursacht eine solche Brachialstrategie  
Kollateralschäden bei allen Themen, denen man nur mit  
Differenzierungen wirklich gerecht werden kann.

Die Stärken von Schwarzers Buch: Einige der von ihr selbst zu Tode  
gerittenen Themen sind durch neue Fakten wieder aktuell. So gibt es  
mittlerweile eine Inflation von Gewaltpornografie. Schwarzer hat  
diese früher extrem dramatisiert - jetzt hat sich die Lage wirklich  
zugespitzt und verlangt Erörterung. Schwarzers Dauerthema  
Diätenterror steht ebenfalls wieder auf der Agenda, nachdem die  
Modeindustrie mittlerweile bei der Kleidergröße "Zero" angelangt ist.  
Nun also sehen wir etwas verlorene Töchter zwischen Girlie-Ego und  
Mädchenzeitschriften, denen mit einer guten Portion Feminismus  
wirklich zu helfen wäre. Schwarzer liefert ihn, unerschrocken wie  
immer, und das ist gut so.

Aber das Kraftpaket Schwarzer bekommt man nie ohne seine Kehrseite.  
Sie ist Drama-Feministin - und das hat seinen Preis. In ihren  
Holzschnitten vom Islam hat Chomeini allen Musliminnen auf der Welt  
ein für alle Mal das Kopftuch an die Schläfen gehämmert - muslimische  
Feministinnen mit Tuch werden nur noch die Augen verdrehen. Das  
Kopftuch ist für Schwarzer noch schlimmer als "die westliche  
Nuttenmode" - man ahnt, warum die FAZ ihr Buch mit Freuden vorab  
druckte.

Auch beim Thema Sexualität wird die Dramatisierung unseriös:  
Pornografie setzt sie mit Gewaltpornografie gleich, Prostitution  
vermischt sie mit Zwangsprostitution und Menschenhandel. Freier sind  
"Nekrophile, die sich an sozial toten Frauen vergehen".  
Beziehungsgewalt gegen Frauen ist etwas, dem nur wenige "entkommen".  
Mit anderen Worten, die Sexualität ist ein Geschlechterschlachtfeld.

Zugleich muss aber auch Schwarzer zur Kenntnis nehmen:  
"SexualforscherInnen konstatieren eine herrschaftsfreiere Sexualität,  
auch zwischen den Geschlechtern." Hm. Sicher kann man diese  
Diskrepanz damit erklären, dass Fortschritt immer auch Backlash  
erzeugt. Doch die Pauschalität von Schwarzers Anklagen wirkt, wenn  
die Realität eben so unterschiedlich ist, zu grob.

Ihre Verzerrungen reichen bis zu glatten Fehlinformationen: So ist  
etwa für eine Abtreibung in der Tat eine Beratung obligatorisch. Doch  
keineswegs muss die Beraterin der Abtreibung zustimmen, wie Schwarzer  
behauptet. Ganz so arg wie in Alices Horrorland ist es eben doch  
nicht immer.

Diese Ungenauigkeiten sind bedauerlich, weil Schwarzer auf so viele  
Punkte hinweist, die eine Skandalisierung tatsächlich nötig haben. Da  
gelingt ihr auch der Brückenschlag zu jüngeren Frauen - nicht  
zuletzt, weil Schwarzer sich menschlich macht: Ja, auch sie hat  
diverse Diäten hinter sich.

Mit ihren klassischen Übertreibungen dürfte sie allerdings die  
intelligenten jungen Damen verprellen, die sich doch gerade heute  
einen neuen Feminismus wünschen. Ja, leider liegt der Verdacht nahe,  
diese Frauen wünschten sich wegen Alice Schwarzer einen neuen  
Feminismus. Das ist schade. Alice Schwarzer nämlich kann auch der  
neue Feminismus gut gebrauchen.

Alice Schwarzer: "Die Antwort", Kiepenheuer und Witsch, Köln 2007,  
180 Seiten, 17,80 Euro

taz vom 13.6.2007, S. 15, 133 Z. (Kommentar), HEIDE OESTREICH


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