[echo] Zur Poetik der documenta 12

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Jun 14 11:03:39 CEST 2007


Zur Poetik der documenta 12

„Wir begreifen die Ausstellung als ein Medium. Damit bewegen wir uns  
weg von der Repräsentation der ‚besten KünstlerInnen der Welt‘ hin  
zur Produktion eines Erfahrungsraums, in dem es möglich wird, die  
Begriffe ‚Kunstwerk‘ und ‚Publikum‘ aneinander zu schärfen. Was ist  
zeitgenössische Kunst, was ist ein zeitgenössisches Publikum, was ist  
die Gegenwart? Die Erfahrung von Kunst ist stets die Erfahrung eines  
Lebenszusammenhangs. Wollen wir dieses Verhältnis neu bestimmen, so  
brauchen wir ein Mittel, das uns unserem unmittelbaren  
Lebenszusammenhang entrückt. Die ästhetische Erfahrung, die dort  
beginnt, wo Bedeutung im herkömmlichen Sinne endet, kann ein solches  
Mittel sein.

Unsere drei Leitmotive, die Frage nach der Moderne, nach dem bloßen  
Leben und nach der Bildung haben uns anfangs ermöglicht, eine  
Ausstellung, die erst im Entstehen begriffen war, zu denken und zu  
diskutieren. Inzwischen haben sich die Fragestellungen überlagert; an  
verschiedenen Stellen blitzen thematische Schwerpunkte hervor, doch  
in der Regel sind Werke und Werkgruppen auf mehr als eines der drei  
Leitmotive zu beziehen.

Hinzugekommen ist das Interesse an der ‚Migration der Form‘, ein  
Motiv, das zweierlei meint. Zum einen geht die Ausstellung auf  
historisch belegbare Formenschicksale ein und unterstützt damit die  
These, dass die Globalisierung keine Erfindung der Neuzeit ist. Zum  
anderen werden einzelne Werke formalästhetisch zueinander in  
spekulative Bezüge gesetzt.

Uns geht es dabei nicht um die korrekte Interpretation, sondern  
darum, das einzelne Werk aus seiner Überdeterminierung durch  
überkommene Zuschreibungen zu befreien und den Blick der  
BetrachterInnen zu öffnen. Oftmals werden der einen oder dem anderen  
Hintergrundinformationen fehlen. Wir privilegieren die direkte  
Erfahrung vor dem Kunstwerk, nicht weil wir meinen, dass sie  
ausreiche, um zu einem Urteil zu kommen, sondern vielmehr wissen wir,  
dass selbst den ExpertInnen unter uns das notwendige Wissen fehlt,  
einem jeden Werk wirklich gerecht zu werden. Und das ist auch nicht  
durch dicke Wälzer oder lange Texttafeln zu kompensieren, die dann in  
der Ausstellung in Konkurrenz zum Kunstwerk treten.

Wir verbinden die Erfahrung der eigenen Lücken mit der Forderung nach  
Bildung, einer Bildung, die zwischen staatlicher Verantwortung und  
Selbstsorge austariert werden will. Als ephemere Institution kann die  
documenta 12 nur ihr Scherflein dazu beitragen, dieses aber dann in  
Form eines dafür umso avancierteren Vermittlungsprogramms. Als Teil  
der Ausstellung versteht die Vermittlung ihre Arbeit mit dem Publikum  
auch jenseits von Serviceleistung und Ökonomie als eine Möglichkeit,  
die Poetik der documenta 12 aufzunehmen und weiterzureichen.“

Ruth Noack und Roger M. Buergel im Juni 2007


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