[echo] D12 in Zahlen
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Jun 14 11:03:44 CEST 2007
frankfurter rundschau, 14.06.2007
Kunst, die Beine macht
VON ELKE BUHR
Die Nummer 12
Seit gestern erst spurten die Journalisten zur Vorbesichtigung über
die documenta 12, und am Samstagmorgen wird Bundespräsident Horst
Köhler als erster Gast die Ausstellung besichtigen. Doch schon vorher
stehen einige Stars der Kasseler Kunstschau fest. Da ist die
ausgestopfte Giraffe, die der österreichische Künstler Peter Friedl
nach Kassel gebracht hat: Sie lebte im einzigen Zoo im
palästinensischen Westjordanland und starb nach einem Angriff der
Israelis auf Stellungen der Hamas am Schock. Da sind die 1001
Chinesen, die der Konzeptkünstler Ai Wei Wei nach Kassel bringt:
Einfache Leute aus verschiedenen Landesteilen. Die Fotos, die sie auf
ihrem Gang durch Kassel schießen werden, sind später Teil des Werks.
Da ist auch der Thailänder Sakarin Krue-On, der im barocken Bergpark
Wilhelmshöhe Reis-Terrassen angelegt hat. Und da ist der US-Fotograf
Allan Sekula, der auf dem imposanten Aufgang zur Herkulesstatue
großformatige Fotos von Migranten, Industriearbeitern und
Frachtschiffen installiert hat.
Diese vier Werke zeigen, was Roger M. Buergel und Ruth Noack mit
ihrer documenta 12 vorhaben: Die Kunst soll zwischen den Kulturen
ihre Fäden spinnen, man will neue Perspektiven anbieten und nicht nur
das Fremde bestaunen, sondern auch das Eigene anschauen, als wäre es
fremd.
Die "Migration der Form" ist das zentrale Stichwort, das Roger M.
Buergel dafür gefunden hat: Seine Ausstellung sucht nach Formen und
künstlerischen Ausdrucksweisen, die wandern oder sich wiederholen, in
verschiedenen Epochen oder verschiedenen Teilen der Erde. Deshalb
zeigt die documenta 12, anders als die meisten
Vorgängerausstellungen, nicht nur zeitgenössische Kunst, sondern auch
ältere Werke; bis ins 14. Jahrhundert geht es zurück.
D12 in Zahlen
113 Künstler zeigen auf 17 300 Quadratmetern gut 500 Arbeiten. Viele
kommen aus Südamerika, Asien, Afrika und sind in Deutschland kaum
bekannt. Das Restaurant des spanischen Star-Kochs Ferran Adrià
"elBulli" bei Barcelona wurde zu einem documenta-Standort erklärt.
100 Tage lang steht dort ein Tisch für documenta-Besucher bereit.
Der Etat für die documenta 12 beträgt 18,9 Millionen Euro. Hinzu
kommen Sponsoren-Mittel und Privatspenden.
Jeder vierte Besucher der documenta 11 kam aus dem Ausland.
In der Gemäldegalerie im Schloss Wilhelmshöhe beispielsweise, die als
Ausstellungsort das Museum Fridericianum, die documenta-Halle und den
neu gebauten Aue-Pavillon ergänzt, sind Bilder zeitgenössischer
Künstler direkt zwischen Gemälde von Rembrandt oder Franz Hals gehängt.
Bei der Konzeption der Ausstellung haben sich die Macher an drei
Leitfragen orientiert. "Ist die Moderne unsere Antike?" fragt nach
den Überbleibseln der Utopien des 20. Jahrhunderts. "Was ist das
bloße Leben?" will dem Existenziellen nachspüren. Und die dritte,
kokett von Lenin entliehene Frage "Was tun?" bezieht sich auf die
Bildung.
Die documenta 12 will ästhetische Erziehung für ein Massenpublikum
praktizieren und hat dafür ein umfangreiches Vermittlungsprogramm
organisiert. Jeden Mittag gibt es Vorträge von Experten, deren Themen
im Laufe der Ausstellung entwickelt werden sollen. Neben den normalen
Führungen und einem Audio-Guide per I-Pod werden Schüler und
Schülerinnen mit Besuchern durch die Ausstellung gehen. Und
Kasselaner, die im documenta-Beirat organisiert sind, haben
Stadtführungen und andere Nebenveranstaltungen geplant - und zwar
nicht nur für die 1001 Chinesen, sondern auch für die anderen
Besucher aus aller Welt.
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