[echo] d12: Viele Rätsel, wenig Stars und ein Restaurant in Barcelona

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Jun 14 11:04:14 CEST 2007


spiegel online, 14.06.2007

Viele Rätsel, wenig Stars und ein Restaurant in Barcelona

Mit Spannung wurde die Pressekonferenz erwartet, jetzt ist das große  
Geheimnis gelüftet: In Kassel stellte Kurator Roger M. Buergel die  
lange geheim gehaltene Liste mit den Namen der ausstellenden Künstler  
vor - und offenbarte ein kulinarisches Geheimnis.

Kassel - Der künstlerische Leiter der diesjährigen Documenta, Roger  
M. Buergel, hat drei Tage vor der offiziellen Eröffnung der Schau das  
Geheimnis um "die Liste" gelüftet. Jetzt sind die Namen der 113  
teilnehmenden Künstler offiziell. Viele von ihnen stammen aus Asien,  
Afrika und Südamerika und sind in Deutschland wenig bekannt -  
Buergels Wahl wird als mutig empfunden. Mehr als 500 Werke, 100 mehr  
als ursprünglich geplant, zeigen sie auf der Documenta. Unter den  
deutschsprachigen Künstlern sind der Maler Gerhard Richter, die  
Konzeptkünstlerin Cosima von Bonin und der Essayfilmemacher Harun  
Farocki. Retrospektiv werden Werke der Malerin und Bildhauerin  
Charlotte Posenenske ausgestellt. Die Documenta rechnet in diesem  
Jahr mit 650.000 Besuchern.

Documenta-Künstler posieren vor dem Fridericianum in Kassel: "Ich  
bekam einen Anfall"
Auch das Geheimnis um den prominentesten Teilnehmer der documenta 12,  
dem spanischen Star-Koch Ferran Adrià, wurde gelüftet. Da es nicht  
möglich gewesen sei, dessen Küche nach Kassel zu verlegen, erklärte  
Buergel, habe man kurzerhand sein Restaurant bei Barcelona zu einem  
documenta-Standort erklärt. 100 Tage lang stünde im "elBulli" ein  
Tisch für documenta-Besucher bereit. Die Auswahl erfolge jedoch "nach  
dem bewährten Modell der kuratorischen Willkür", so Buergel: Die  
Gäste werden von der künstlerischen Leitung der documenta ausgewählt.  
"Wer mich darauf anspricht und darum bittet, hat schon verloren",  
sagte Buergel.

Erstmals gab es am Donnerstag den 415 Seiten umfassenden Katalog zu  
kaufen sowie ein reines Bilderbuch ohne Text, in dem Künstler die  
Arbeiten ihrer Kollegen dokumentieren. Die Ausstellung werde sich im  
Laufe der 100 Tage kontinuierlich verändern, betonte Kuratorin Ruth  
Noack, "es lohnt sich also, mehrmals zu kommen".

DIE DOCUMENTA
Die Documenta ist eine der bedeutendsten Ausstellungen von  
Gegenwartskunst. Ihr Gründer Arnold Bode wollte eine Dokumentation  
der Modernen Kunst schaffen: Im Rahmen der Gartenschau 1955 zeigte  
die Documenta wieder uneingeschränkt zeitgenössische Kunstwerke, auch  
solche, die die Nationalsozialisten als "entartet" verurteilt hatten.  
Deshalb wird die Ausstellung als eine Wiege der Demokratie  
bezeichnet. Sie findet heute alle 5 Jahre und für eine Dauer von 100  
Tagen statt. Der künstlerische Leiter der Documenta XII im Jahr 2007  
ist der Dozent Roger- Martin Buergel: Die Berufung des in der  
Kunstwelt weitgehend unbekannten Kurators galt als Sensation.
Buergel forderte die versammelte Presse auf, "das Moment der  
Unentscheidbarkeit, das für viele so schwer auszuhalten ist" als  
zentrales Gestaltungsmerkmal der documenta 12 zu akzeptieren. Fragen  
nach den Kriterien seiner Auswahl der Künstler beantworte er nicht:  
"Das ist schwer auf einen Begriff zu bringen." Er habe schlichtweg  
eine gute Ausstellung machen wollen. Leitmotive seien die Themen  
Moderne, Leben, Bildung und Migration gewesen.

Fünf Künstler aus verschiedenen Kontinenten präsentierten sich auf  
der Pressekonferenz vor weit über 2700 Journalisten. Die  
amerikanische Konzeptkünstlerin Mary Kelly berichtete von ihrem  
"Schock", als sie den ihr zugewiesenen Ausstellungsraum sah, der  
komplett pink gestrichen war. "Ich bekam einen Anfall." Doch dann  
habe sie begonnen, mit dieser Vorgabe zu arbeiten und sich unter  
anderem dafür entschieden, Bilder von Babys zu zeigen.

Der palästinensischen Künstlerin Ahlam Shibli, deren Arbeiten in  
einem jordanischen Flüchtlingslager entstanden sind, geht es um das  
Thema Heimat, ebenso wie Romuald Hazoumé aus Afrika, der Masken aus  
Benzinkanistern und Gießkannen bastelt. Der in Chile geborene, aber  
in Australien lebende Juan Davila unterstrich die Bedeutung der  
lateinamerikanischen Kultur für die Kulturgeschichte. Die in  
Frankreich lebende Argentinierin Alejandra Riera hofft, dass die  
documenta "neue Wahrnehmungen ermöglicht".

bos/dpa 


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