[echo] Das Mantra der Documenta-Sekte

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Mon Jun 25 20:38:04 CEST 2007


taz, 25.06.2007

Das Mantra der Documenta-Sekte

KOLUMNE VON CHRISTIANE RÖSINGER

In der zweiten Woche kommen weit weniger Kunst-VIPs. Das wohlig  
seufzende "Oh, we are doing the whole tour, Venice, Kassel, Monster  
(dt.: Münster) and Basel" hört man seltener. Aber der Besucherschwung  
bringt noch genug Leben in den Buchcontainer. Aufgeregte Französinnen  
der Generation 60 plus stürzen sich auf queere Kunstkataloge und  
blutjunge koreanische Platincreditkartenträgerinnen kaufen Louis- 
Jacobs-Fotobände - er selbst ist übrigens ein vorbildlich  
freundlicher Kunde und ein durch und durch feiner Mensch!

Die amerikanischen Documentabesucher überraschen durch ein akut  
auftretendes Umweltbewusstsein: "No Plastic bags!", weisen sie mit  
erschrockenen Handbewegungen die Tüten zurück und erklären dann :  
"Its better for the environment!" "Mein Gott", denkt da die  
freundliche Buchändlerin, "unsereins wurde schon seit den 80ern mit  
'Jute statt Plastik' terrorisiert und jetzt kommen die Amis hinterher  
wie die alte Fastnacht!" Aber der Kunde ist König und so packt man  
die Künstlermonografien wieder aus und schickt ein freundliches "too  
late, it doesnt matter anymore" hinterher, was bei den Gästen aus der  
neuen Welt Eindruck und freundliche Verunsicherung hinterlässt.

Nach einer Woche Kassel lebt man im Zeitloch. Es ist, als habe man  
immer schon hier gewohnt. Die Stimmung ist noch gut, vor allem das  
Kuratorenpaar erfreut sich großer Beliebtheit : "Roger und Ruth waren  
da!", schwärmen die Mitarbeiter quer durch alle Abeilungen, überall  
tönt das Mantra dieser neuen Sekte: Roger und Ruth, Ruth und Roger,  
Roger und Ruth.

Die größte Rolle auf der documenta 12 spielt immer noch das Wetter:  
Täglich geht ein Werk den Bach runter und damit als  
Katastrophenmeldung auf der Titelseite des Lokalblatts Hessische  
Allgemeine groß auf. Grund genug für uns, an dieser Stelle eine  
kleine Mängelliste aufzustellen: 1. Dienstag: Eine einzige Mohnblüte  
ist vor dem Fridericianum aufgegangen. Das reicht bei weitem nicht.  
2. Mittwoch: Sakarin Krue-Ons Reisterrassen auf der Wilhelmshöhe  
rutschen wegen zu starker Bewässerung ab. Pessimisten befürchten, das  
ganze Schloss Wilhelmshöhe könnte unterspült werden. Kassler Geologen  
erstellen nun eine Studie. 3. Am Donnerstag stürzt der Holztürenbau  
"Templates" des Künstlers Wei Wei in sich zusammen, Kassler Statiker  
hatten zuvor gewarnt. 4. Freitag: Notwenigerweise dreht sich auch das  
Kunstkarussell auf dem Friedrichsplatz nicht mehr und das E-plus-Netz  
fällt aus. Allgemeine Weltuntergangsstimmung kommt auf.

Wie schön, dass die Künstler selbst, trotz aller Widrigkeiten, heiter  
und gelassen bleiben. Wei Wei soll bei der Nachricht über sein  
einstürzendes Kunstwerk vor Freude laut aufgelacht haben: Habe sich  
das Werk doch durch den Zusammenbruch verdoppelt und die Natur selbst  
zu dessen Vollendung beigetragen. Trotzdem unser Rat an dieser  
Stelle: Ab nach Kassel, solange überhaupt noch irgendwas steht.

Christiane Rösinger, Musikjournalistin und Sängerin der Band  
"Britta", arbeitet in Kassel im Container des documenta-Buchladens.  
Anlass für die ein oder andere Kolumne. 


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