[echo] Die neue "Spex" ist da!
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Fri Mar 2 12:04:44 CET 2007
taz, 02.03.2007
An der Denkschranke
Abrechnen mit den poplinken Kulturpessimisten der 90er-Jahre? Oder die
weitere Zersplitterung der Musikindustrie beschreiben? Die neue "Spex"
ist da - und schon geht der Streit um das Erbe weiter
VON TOBIAS RAPP
Es hätte so einfach sein können. Wir machen jetzt ein Musikmagazin,
hätte die neue Spex-Redaktion sagen können, das vor allem ein
Musikmagazin ist. Das nur noch zweimonatlich erscheint, das nicht jeder
neuen Band aus England hinterherrennt, sondern seinen Autoren Platz
gibt, um lange und ausführlich über andere Musiker und Szenen zu
schreiben (ohne dabei die Bands aus England zu vergessen). Ein Magazin,
das seinen Fotografen viel Platz einräumt. Das etwas weniger Diskurs
macht als früher und dafür eher auf die dichte Beschreibung setzt.
Denn ungefähr so kann man sich die neue Spex vorstellen - die erste
Ausgabe der neuen Redaktion um Max Dax, die unter großer emotionaler
Begleitung der popkulturellen Öffentlichkeit Anfang des Jahres ihren
Dienst antrat - und nicht nur den Umzug des Redaktionssitzes von Köln
nach Berlin vollzog, sondern auch für einen personellen Bruch stand.
Alle vorherigen Redaktionen der langen Spex-Geschichte hatten sich
immer aus dem Umfeld ihrer Vorgänger rekrutiert.
Allein: Es hat nicht sollen sein. Schon der erbitterte Streit, der die
neue Redaktion in ihr Amt begleitet hatte, war von kaum
nachvollziehbarer Giftigkeit geprägt gewesen, alle möglichen
Beteiligten oder Unbeteiligten vergangener Debatten hatten noch einmal
auf der Unverzichtbarkeit ihres emotionalen Investments beharrt. Doch
anstatt den klaren Bruch zu suchen und die alten Streits
beiseitezulassen, in denen Persönliches von Inhaltlichem kaum zu
trennen war, macht die neue Redaktion in ihrem Editorial das genaue
Gegenteil: "The Kids Are Alright" ist der zweiseitige Text
überschrieben und versucht nichts weniger, als den berühmten
Diederichsen-Essay "The Kids Are Not Alright" zurückzunehmen, in dem
jener Ende 1992 in Anbetracht der brennenden Asylbewerberheime in
Ostdeutschland das Ende der Jugendkulturen als emanzipatorische
Bewegungen verkündet hatte.
Wenn Nazis sich im Zeichenreservoir des Hiphop bedienen können, so
Diederichsen damals, nachdem er Nazis mit Malcolm-X-Mützen gesehen
hatte, lässt sich Jugendkultur nicht mehr ohne weiteres als links lesen
oder beschreiben. Dieser Essay (und einige andere Texte aus jener Zeit
vor ungefähr 15 Jahren) so das Editorial, habe die Spex in eine
Sackgasse manövriert, aus der sie sich nie wieder habe befreien können,
von da an habe sie Pop nur noch als etwas Sterbendes denken können, mit
sich selbst in der Rolle des Totengräbers - das zu ändern sei nun der
Job der neuen Redaktion.
Nun dürften die frühen Neunziger in Deutschland wahrscheinlich als eine
Epoche des Irrtums in die Geschichte der Linken eingehen - aber einem
Cluster von Texten, die damals versuchten, in einer politisch
unübersichtlichen Situation alte Weltbilder neuen Umständen anzupassen
und dabei irgendwie politisch handlungsfähig zu bleiben, nachträglich
vorzuwerfen, sie hätten verhindert, dass man fünfzehn Jahre später
sinnvoll über MySpace sprechen könne, ist so unredlich wie absurd. Es
scheint ein so bizarres wie endloses ödipales Bedürfnis zu geben, mit
dem Magazin jener Tage abzurechnen: Die einen lassen sich dafür
Millionen aus München kommen, die anderen kapern das alte Magazin
gleich selbst.
Dabei ist die neue Spex selbst so weit gar nicht weg von einigen
Strängen der alten. Die Reportage über Hiphop aus Houston hätte auch
dem alten Heft zur Ehre gereicht, Martin Kippenberger war nicht nur
Teil des Spex-Universums, er wird auch im posthumen Gespräch mit Jutta
Koether, einer der alten Herausgeberinnen, präsentiert. Die Liste ließe
sich verlängern.
Wie gesagt, man hätte es leichter haben und einfach ein neues
Musikmagazin machen können. Bei dem hohen Anspruch, den das Editorial
formuliert, sucht man die Antwort auf die drängenden Fragen des
musikalischen Zeitgeschehens allerdings vergeblich: Die Fragmentierung
der Popkultur ist gegenwärtig so groß wie wohl seit 1979 nicht mehr -
dem Jahr, in dem Spex gegründet wurde. Die Musikindustrie ist nur noch
ein Schatten ihrer selbst, das Internet bietet so gut wie alles, was
einmal aufgenommen worden ist, zum Download. Was folgt daraus - außer
dass diese eine neue Platte herausgekommen ist und jene auch? Das will
nicht nur analysiert, sondern erst einmal erzählt werden. Wer Diskurs
haben will, soll ihn machen und aufhören, alte Thesen zu
dekontextualisieren. Das wäre ein Projekt, auf das man sich einigen
kann.
Der Autor hat für die aktuelle Spex über LCD-Soundsystem geschrieben
taz vom 2.3.2007, S. 16, 151 Z. (TAZ-Bericht), TOBIAS RAPP
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