[echo] Hommage a.d. Underground-Filmemacherin Marie Menken

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sat Mar 3 12:05:34 CET 2007


taz, 03.03.2007

Wer hat Angst vorm Blumengarten?
Das Metropolis widmet sich in einer Hommage der fast vergessenen 
US-amerikanischen Underground-Filmemacherin Marie Menken

Sie schrieben, filmten und tranken. Für Andy Warhol waren Marie Menken 
und ihr Ehemann Willard Maas die letzten Exemplare der großen 
Bohemiens. Aus der New Yorker Kunstwelt der 50er, 60er und 70er waren 
die "gelehrten Trinker", wie sie im Freundeskreis genannt wurden, dabei 
nicht nur ihrer freigiebigen Partys und Salons wegen nicht wegzudenken, 
die die Filmemacher, Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen 
Manhattans zusammenbrachten. So hält sich das Gerücht hartnäckig, 
Edward Albees legendäres Bühnenstück "Wer hat Angst vor Virginia 
Woolf?" speise sich vor allem aus den Anekdoten über das trinkende 
Künstler-Paar.

Einflussreich waren Menken und Maas indes vor allem als experimentelle 
Filmemacher. Die durch sie gegründete "Gryphon Group" war eine der 
ersten Kooperationen zur Förderung der Produktion und Distribution von 
Independent-Filmen. Menkens Einfluss gründet dabei insbesondere in 
ihrem unkonventionellen Umgang mit der Handkamera. Sie habe 
improvisiert und geschnitten, während sie drehte, weiß der "Gottvater 
des amerikanischen Avantgardekinos" Jonas Mekas zu berichten. Sie habe 
mit ihrem gesamten Körper, ihrem gesamten Nervensystem gefilmt. In 
jeder Einstellung spüre man sie, darin, wie sie ihre Filme aus winzigen 
Teilen und durch Bewegung konstruiert. Genau diese Bewegung sei es, was 
andere aufgriffen und später weiterentwickelten.

Filmemachen war dabei für Menken eine natürliche Entwicklung während 
ihrer Beschäftigung mit der Malerei. Ihr ging es vorwiegend darum, 
Licht festzuhalten: dessen Effekt auf strukturierten Oberflächen, das 
Leuchten in der Finsternis, die Beharrlichkeit des Blicks - und die 
Erschöpfung der Augen.

In der Reihe über die US-amerikanische Avantgarde zeigt das Metropolis 
nun am Dienstag das Porträt "Notes on Marie Menken" der Filmemacherin 
Martina Kudlácek, das die fast vergessene Geschichte der 
widersprüchlichen Künstlerin erzählt. Subtil aus individuellen 
Zeugenschaften und vergessenen Archivbeständen zusammengebastelt, gibt 
der Film Einblicke in Menkens sozialen und künstlerischen Kampf und 
ihre radikale Integrität und zeichnet das Bild eines modernen Mythos im 
Stil eines persönlichen Tagebuchs. Zu sehen ist dabei nie gezeigtes 
Material, das Kudlácek in Kellern und Lagerhallen gefunden hat, 
darunter ein Bolex-Kamera-Duell zwischen Menken und Andy Warhol. Den 
Soundtrack zu "Notes on Marie Menken" hat übrigens eine der 
schillerndsten Figuren der zeitgenössischen New Yorker Avantgarde 
beigesteuert: der Ausnahmekomponist und -musiker John Zorn. Erschienen 
ist der auf dessen "Tzadik"-Label, als "Filmworks XVII".

Im Anschluss an "Notes on Marie Menken" zeigt das Metropolis mehrere 
Kurzfilme der legendären Filmemacherin. Zu sehen ist etwa "Visual 
Variations on Noguchi", ein früher Film aus dem Jahr 1945, in dem 
Menken die Skulpturen des Künstlers Isamu Noguchi in dessen Studio mit 
der Handkamera abfilmt - damals eine noch nie gesehene Neuheit. Zehn 
Jahre später bearbeitete sie den Film noch einmal und fügte einen 
eindringlichen Soundtrack der Komponistin Lucia Dlugoszewski hinzu. 
Auch "Glimpse of the Garden" ist zu sehen, einer ihrer bekanntesten 
Kurzfilme. Ein simples visuelles Gedicht von 1957, das Menkens 
Interesse an purer Visualität und einem essenziell weiblichen 
Blickwinkel repräsentiert - von zwitschernden Vögeln begleitet, gefilmt 
durch ein riesiges Vergrößerungsglas. Ein Film, für dessen Einfachheit 
Menken 1963 bei einer Vorführung in der Cinemathéque Française schlicht 
ausgelacht wurde. Avantgarde im besten Sinne. Heute ist der Film auf 
der Video-Internetplattform Youtube zu sehen - als Beispiel für einen 
Film, dessen unheimliche und fast unerträgliche Simplizität auch lange 
nach dem Ende der fünf Minuten seinen Nachhall findet. Allerdings nur 
"within the right kind of viewer".
ROBERT MATTHIES

Di, 6. 3., 19 Uhr, Metropolis, Dammtorstraße 30a

taz Nord vom 3.3.2007, S. 31, 130 Z. (Kommentar),



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