[echo] Documenta 12: "Die Moderne neu bearbeiten"

cornelia at snafu.de cornelia at snafu.de
Mon Mar 5 13:23:53 CET 2007


taz, 05.03.2007

"Die Moderne neu bearbeiten"
Dezentrale Recherchen und Emanzipationsmomente: Um an die Documenta 12
anzuknüpfen, verbanden sich 90 Magazine in einem weltweiten
Redaktionsnetzwerk. Ein Gespräch mit dessen Leiter, Georg Schöllhammer,
über Pläne und Hintergründe

INTERVIEW BRIGITTE WERNEBURG

taz: Herr Schöllhammer, die von Ihnen geleiteten Magazinprojekte der
Documenta 12 werfen Fragen auf. Zunächst: Wie ist es zu verstehen, dass
die Beiträge des ersten Hefts "Modernity?" schon in verschiedenen
Zeitschriften des Documenta-Magazine-Netzwerks veröffentlicht wurden?


Georg Schöllhammer: Das Projekt hat ja schon begonnen. Insofern handelt
es sich um Originalbeiträge, die für die Documenta Magazines publiziert
wurden. Die Documenta hat schon jetzt einen virtuellen Katalog, der aus
90 verschiedenen Zeitschriften oder Bänden und rund 300 Artikeln
besteht. Die Einladung an die Magazine, sich am Projekt zu beteiligen,
bedeutete, dass sie die Documenta-Fragen in ihren Redaktionen an ihre
Autoren weitergeben und diskutieren sollten. Dass sie erste Themen
finden und sie spezifisch auf ihr jeweiliges Publikum hin bearbeiten
sollten. Aus diesem Material machen wir die drei Themenbände, die immer
eine Mischung sind, aus Texten, die schon publiziert wurden, und Texten,
die aus den Diskussionen entstanden. Wie etwa der Brief von Tony Chakar
im Heft "Modernity?", in dem er begründete, warum er Beirut nicht
verlassen kann, um nach Hongkong zu reisen. Zu einem der transregionalen
Treffen, wo wir Redakteure und Redakteurinnen, Autoren und Autorinnen,
Künstler und Künstlerinnen einluden, über Format- und Kontextgrenzen wie
geografische Grenzen hinweg, bestimmte Themen zu diskutieren.

Wie viele dieser transregionalen Treffen gab es? Wo fanden sie statt?

Zuerst hatten wir eine Reihe von regionalen Konferenzen, mit einer
größeren Anzahl von Redaktionen, lokalen Intellektuellen und lokalen
Künstlern, die die Fragen und Leitmotive der Documenta durchdekliniert
und lokal noch einmal gebrochen, gespiegelt, reflektiert, aggregiert
oder vermittelt haben.

Was heißt regional?

Regional heißt zum Beispiel, dass wir in Thailand waren, in Chiang Mai.
Dort haben wir gemeinsam mit der Midnight University, dem Zentrum der
Kritik am Coup d'État, am Militärputsch 2006, einen ganz wesentlichen
Repräsentanten der buddhistischen Intelligenz Thailands eingeladen, den
großen Nidhi Eawseewong, dazu Goenawan Mohamed aus Indonesien, der mit
Tempo die dort wahrscheinlich wichtigste Zeitschrift begründet hat, und
haben zwei Tage lang diskutiert. Solche Treffen gab es noch in Singapur,
Beirut, in São Paulo, in Santiago de Chile oder in Mexiko, um nur einige
zu nennen. Die großen transregionalen Treffen fanden dann in den Hubs
des Goethe-Instituts statt, in Hongkong, Delhi, São Paulo, Kairo,
Johannesburg, eines kommt noch in New York.

Wie funktionierte dann die Vernetzung?

Glücklicherweise war das Commitment der Magazine so groß. Wobei dabei
natürlich auch der Fetisch Documenta antrieb, klarerweise. So fanden
sich in eineinhalb Jahren 95 Zeitschriften zusammen, und es entstand
eine Diskussion, die in Kassel in der großen Documenta-Halle weitergehen
wird. Die "stillen Kolloquia", wie wir das nannten, resultierten aus dem
Wunsch, unsere dezentralen Recherchen nicht als große Events zu fahren.
Man kann sie mit Fug und Recht als kleine Plattformen begreifen, im Sinn
von Okwoi Enwezors Plattformen. Aber sie waren anders formatiert. Es
ging um Diskursarbeit selbst, nicht deren Präsentation.

"Modernity?" ist keine intellektuelle Starrevue. Stehen die Namen von
Autoren und Magazinen, die man nicht unbedingt kennt, für redaktionellen
Alltag?

So ist es gedacht. Und das Schöne ist, dass auch die großen Namen alle
dabei sind. Von Jacques Rancière über Jean-Luc Nancy, Nidhi Eawseewong
oder Gao Minglu finden sich die großen Namen der jeweiligen Debatten,
aber immer in einen Zusammenhang eingebettet, der ihren Beitrag
spezifisch macht. Hätten wir nur die großen Namen, stünde deren Rhetorik
zu weit vor der Arbeit und dem Inhalt. Um die Redaktionen und ihre
Beiträge zu koordinieren, arbeiten wir in Wien mit sieben
Bereichsredakteuren und -redakteurinnen. Ich habe also einen ganz tollen
chinesischen Mitarbeiter, Hu Fang, der jetzt zum Direktor der nächsten
Triennale in Yokohama ernannt wurde, gemeinsam mit Hans-Ulrich Obrist.
Ich habe mit Maria Berríos eine der vielversprechendsten jungen
Kunstsoziologinnen Südamerikas gewinnen können, mit dem Autor und
Kurator Cosmin Costinas einen Experten aus Südosteuropa und mit Fuad
Asfour einen Sprachwissenschaftler, der sich intensiv mit dem Nahen und
Mittleren Osten auseinandergesetzt hat. In diesem Team merken wir
relativ früh, wo sich interessante Debatten anbahnen, die wir dann
unterstützen können.

Darf Rubén Gallos Text über die Zigarette "Radio" im Zusammenhang mit
dem Siegeszug der modernen Massenmedien als repräsentativ für den Stil
der Documenta Magazines gelten? Also plastisch, lokal verortet und
unakademisch?

Ja, Rubén Gallo ist einer der ganz großen jungen mexikanischen Autoren.
Sein Text ist sehr schön geschrieben und denkt Mediengeschichte auf eine
gute Art ganz anders als üblicherweise. Das war uns auch ganz wichtig,
kein Seminar- oder Proseminarheft zu machen. Wir haben versucht, auf die
Bildhaftigkeit wie das Exemplarische der Texte zu achten; darauf, dass
sie einem nicht zweimal dieselbe Geschichte erzählen, aber trotzdem
untereinander Anknüpfungen erlauben. So haben wir auch die
Künstlerbeiträge ausgewählt. Da sind Künstlerinnen, die werden Sie
teilweise auf der Documenta wiederfinden, die man im internationalen
Kanon bisher so nicht gesehen hat. Wir haben ganz bewusst nach Figuren
gefragt, denen es im Spätmodernismus noch einmal darum ging, die Moderne
durchzuarbeiten, aber auch über sie hinaus zu arbeiten, wie es etwa Lee
Lazano getan hat. Oder Mariá Bartuszová, die in den bleiernen Jahren der
Slowakei über Sozial- und Körpermetaphern auf sehr präzise, sublime
Weise das moderne Paradigma des Sozialismus aufbrach. Es zeigt sich auf
der Documenta auch eine starke Tendenz, sich performativerer Formate
anzunehmen.

Was heißt performativere Formen?

Es heißt durchaus theatrale oder zeitgebundene Formen oder die
Dokumentation zeitgebundener Formen. Eine solche Linie wird durch die
Documenta führen. Ihr werden wir auch im zweiten Heft mit dem Titel
"Life!" folgen. Mit spannenden Beiträgen auch aus Gegenden, die im Licht
der kanonproduzierenden Öffentlichkeit der letzten 20 Jahren weniger
auftauchten.

Welche Länder sind das?

Serbien war zum Beispiel in den Siebzigerjahren wohl das bedeutendste
Land für theatrale Experimente und experimentelle Performancekunst. Mit
dem Theaterfestival Bitef wurden dort die ersten Living-Theatre-Versuche
in Europa durchexerziert. Von einer Gruppe Performer blieb gerade mal
der Name Marina Abramovic übrig, auch durch eine frühe
Migrationsgeschichte, die zuletzt in New York endete. Da wurden
spannende Sachen umgesetzt, auf einer frühen Popebene, es ging um
Pop-Performances, Lebensexperimente und gleichzeitig um ganz stark
theatral-ritualisierte Formen, durchaus um Vorgriffe auf Theaterformen
der Achtzigerjahre. Da werden wir etwas zeigen.

Als Ihr Magazinprojekt kürzlich in Wien vorgestellt wurde, kam auch
Documenta-Chef Roger Buergel auf den Zusammenhang von Magazin und
Ausstellung zu sprechen. Es fiel das Stichwort Malaysia, leider blieb es
beim Stichwort. Was hat es mit Malaysia auf sich?

Malaysia ist ja eines der großen islamischen Länder und mit Indonesien
eine ganz wichtige Region für eine Art säkularisierten Islam. Dort
fanden sich künstlerische Positionen, die auf ungeheuer kreative Art mit
den ganzen Symbolsystemen des Islam umgehen. Es kommt dazu, dass
Malaysia eine Projektionsfläche für den ganzen Raum geworden ist. Man
spricht von KL, wie wir von L. A. sprechen. Der Großraum Kuala Lumpur
verheißt liberales Leben, dort wünscht man sich hin, und dort entstehen
auch spannende Dinge, zum Beispiel Tanzperformances, die in etwas
anderes, Neues übergehen, das man noch gar nicht richtig benennen kann,
weil uns der Begriff fehlt.

Im außereuropäischen Raum verbindet sich mit Moderne mit der Erfahrung
des europäischen Kolonialismus.

Ja. Aber interessanterweise sind die heutigen Debatten stark von
Ablösungsbewegungen geprägt, sowohl gegenüber den postkolonialen
Debatten der Sechziger, wo es stark um Identität ging, etwa der
Pan-Afrika-Idee, aber auch gegenüber den späteren, regionalen Modernen
der Befreiungsbewegungen. Die eigene Position wird nicht mehr nur in
Widerspruch, sondern auch in dialektischer Verbindung zum Kolonialismus
gesehen.

Heißt das, dass die Moderne eine Art Re-entry hat?

Ja, das kann man sagen. Ihre emanzipatorischen Momente erregen neues
Interesse und werden wiederentdeckt. Dabei entwickeln sich Debatten
zwischen Magazinen aus Argentinien und Chile und solchen aus Polen,
Rumänien oder Jugoslawien. Südamerika redet mit Osteuropa, und gemeinsam
wird die ganze vernachlässigte Geschichte der Blockfreien erschlossen.
Das reicht bis in persönliche Migrationsgeschichten von Künstlern, die
aus Jugoslawien nach Argentinien auswanderten oder aus Polen nach Mexiko
gingen. Ganz andere Wege als die der großen Handelswege finden plötzlich
Beachtung. Ein Kollege aus Indien hat jetzt mit anderen Kollegen aus
Asien angeregt, über die ungeheure Schizophrenie kultureller
Güterkontrolle in den großen Städten Asien zu arbeiten. Sie stehen unter
autoritären Regimen, die hochzensorisch unterwegs sind. Aber auf den
großen Märkten ist alles zu haben. Sie kriegen in Thailand jeden
europäischen Avantgardefilm der Sechzigerjahre, selbst einen von Friedel
Kubelka. Wir fragen uns gerade, welchen Ökonomien das nutzt.

Das hört sich nach einem besseren Zugang an als bei uns?

Ja, über Piraterie haben sie teilweise einen besseren Zugang als wir. Da
sind ganz eigenartige Verschiebungen im Gange. Diese Güterproduktion und
-distribution hat natürlich auch wieder ihre Schließungen, wenn Sie in
die Migrantenviertel schauen, in denen der nationale Kitsch gepflegt wird.

Wenn es ein Re-entry der Moderne gibt, gibt es auch ein neues Interesse
am Formalismus?

Absolut. Es gibt ein neues Interesse am Formalismus, ein neues Interesse
an der Rücknahme von Erzählrhetoriken, die stark dokumentarisch sind.
Übrigens parallel mit einer wachsenden Produktion dokumentarischer
Formate. Es existiert eine Reformalisierungsdebatte neben einer
politisch-dokumentarischen Debatte. Auffälligerweise gibt es kaum mehr
Medienkunstdebatten. Dazu kommt eine Debatte um den Markt, große Namen,
große Installationen und Objekte. Aber das hat nichts mit der
Formalismusdebatte zu tun, die wir meinen.

Sind diese neuen formalistischen Ansätzen also weniger avantgardistisch
kontextualisiert, sondern, wie Sie vorhin sagten, emanzipatorisch?

Richtig, sie sind in das politische Feld eingebettet. Man könnte von
einem inhaltistischen Formalismus sprechen, der auf der Documenta
präsent sein wird.

taz vom 5.3.2007, S. 15, 368 Z. (Interview), BRIGITTE



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