[echo] REPRODUCTS: Internet-Portal fuer gefundene Postkarten

cornelia at snafu.de cornelia at snafu.de
Tue Mar 6 14:08:17 CET 2007


taz, 06.03.2007

Starke Blubbrigkeit im Knie

Texte, die das Leben schrieb: Die Hamburger Künstlergruppe "Reproducts"
bietet in einem kürzlich eröffneten Internet-Portal auf Flohmärkten
erworbene Postkarten mit vergnüglichen Stilblüten feil. Und hofft, dass
irgendwer irgendwelche davon kauft

Angefangen haben sie 1989 als Performer. Als sechsköpfiges
Künstlerkollektiv namens "Reproducts", das absurde Situationen - etwa
die einer paranoiden Reise - auf die Bühne brachte. Dann wieder haben
sie auf Flohmärkten gekaufte Postkarten per Dia an die Wand projiziert.
Die entstammten dem Nachlass einer bettlägerigen alten Dame, die Karten
gleichfalls bettlägriger alter Menschen bekam. "Postkarten haben uns
seit Beginn unserer Arbeit interessiert", sagt Künstler Stefan Eckel.


Im Januar hat er mit zwei weiteren "Reproducts"-Künstlern das Projekt
"Repropost" gegründet und das Internet-Portal www.repropost.de eröffnet:
Postkarten bieten sie dort zum Verkauf an. Allerdings nicht
irgendwelche: "Wir haben ein Archiv, das mit rund 10.000 Karten bestückt
ist, die wir auf Flohmärkten erworben haben", sagt Eckel. Die wirken
zunächst unspektakulär: Landschaften und Städteansichten sind da
versammelt, teils geschmackvoll, teils nicht. 170 Exemplare haben die
Künstler für ihr Internet-Angebot ausgewählt, unterteilt in
"Repropost-Objekte", "Readymade-Objekte" und unbeschriftete
"Ansichtskarten Classic".

Und auch wenn Ecker große Stücke auf die "Repropost-Objekte" hält -
Karten, die die Künstler selbst beschriftet haben - sind die
authentischen "Readymade-Karten" doch die originellsten: Deren Verfasser
berichten "live" vom "Gerichtsvollzieher der A.O.K." und von einer
starken "Blubbrigkeit im Knie". Auch lernt man, dass die Italiener
"angenehme Menschen sind, wie immer" und dass Düsseldorf "fast wie
Dortmund ist, nur größer".

"Das sind Texte, auf die man selbst gar nicht käme", sagt Ecker
vergnügt. Und genau deshalb hofft er, dass Interessenten zehn bis 20
Euro pro Repropost-Karte bezahlen. Aber warum sollten sie das tun? "Weil
wir hier den Service einer Vorauswahl bieten - für Leute, die ähnlich
Absurdes lieben wie wir." Dass die Karten dabei auch durch Künstlerhände
gehen, findet er nebensächlich. Man habe nicht vor, die Objekte mit
Bedeutung aufzuladen.

Das Ensemble "Reproducts" betrachtet das gewerbliche Feilbieten der
Karten vielmehr als Fortschritt der künstlerischen Arbeit. "Bislang
waren wir einfach unfähig, irgendeines unserer Bilder wegzugeben.
Käufliche Kunst war für uns außerdem keine Kunst mehr. Aber inzwischen
sehen wir das nicht mehr so eng." Man habe nämlich beschlossen,
"erwachsen zu werden, sprich: mit Geld in diesem Bereich umgehen zu
lernen und unsere Kunst loszulassen." Ganz loslassen, wirklich?
"Digitale Kopien der Karten behalten wir natürlich. Auch die Texte
bleiben gespeichert. Wer weiß, in welchen Geschichtenfundus die dereinst
eingehen werden." PS

taz Nord vom 6.3.2007, S. 23, 75 Z. (Kommentar), PS



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