[echo] Baudrillard-Nachruf: Denker des wirklichen Scheins

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Thu Mar 8 10:41:00 CET 2007


taz, 08.03.2007

Ein Denker des wirklichen Scheins
Das Simulakrum galt ihm als die natürliche Umgebung des Menschen - der 
Philosoph Jean Baudrillard ist am Dienstag in Paris gestorben

VON INES KAPPERT

Man braucht nur einige Schlagworte zu nennen, "Simulakrum", "Agonie des 
Realen" oder "Aufstand der Zeichen", und sofort tritt sein Name aus dem 
Nebel des Fastvergessenen klar umrissen hervor: Jean Baudrillard. Der 
1929 in Reims geborene Soziologe und Philosoph zählte in den 80er- und 
90er-Jahren zu den heiß umstrittenen Denkern aus Frankreich. Vorgestern 
ist er in Paris gestorben.

Baudrillard und seine Anhänger erklärten die Moderne für beendet, da 
für tendenziell gescheitert, und brachten in der Folge die Postmoderne 
in aller Munde. Jean Baudrillard, Paul Virilio, Jean François Lyotard 
und einige mehr: Sie alle haben die ganz großen Fragen gestellt: Was 
ist Realität? Was Wahrheit? Und wenn der Mensch nicht sicher sein kann, 
was wahr und was real ist, welche Orientierung bieten diese Begriffe 
dann überhaupt noch an? Baudrillards Antwort lautete: Die Wahrheit, das 
Wahre und das Echte - das alles sind Konzepte von gestern. Heute geht 
es um den Schein. Das Simulakrum, wie er es nannte, ist die natürliche 
Umgebung des Menschen, infolgedessen nach seiner Herstellung, also nach 
der Simulation zu fragen ist.

Nun gibt es zwischen den Theoretikern der so genannte Postmoderne 
himmelweite Unterschiede. Man sollte nicht leichtfertig versuchen, die 
von ihnen verfassten Schriften in einer großen Sammel- und 
Aufräumbewegung in einen Topf zu werfen, auf dem das Etikett 
"Postmoderne" klebt. Baudrillard etwa zeichnet aus, dass er in einer 
großen Absatzbewegung vom dialektischen Denken und auch vom Marxismus 
die Welt unhintergehbar als ein Zusammenspiel von künstlich erzeugten 
Zeichen-Welten beschreibt. An die Stelle von Marx tritt bei ihm der 
Linguist Saussure, an die Stelle des Wahren und der Ware treten das 
Zeichen und der Code. Die Natur ist als Lebensraum nicht mehr wichtig, 
was zählt, ist das Urbane. Und auch das hat sich selbstverständlich 
verändert: "Die Stadt ist nicht mehr das politisch-industrielle 
Vieleck, das sie im 19. Jahrhundert gewesen ist - heute ist sie ein 
Vieleck aus Zeichen, Medien und Codes." Diese Feststellung trifft 
Baudrillard in "Kool-Killer - oder der Aufstand der Zeichen" (1975). 
"Infolgedessen", fährt er fort, "liegt ihre Wahrheit nicht mehr in 
einem geographischen Ort wie der Fabrik oder etwa dem traditionellen 
Ghetto. Ihre Wahrheit […] ist überall. Sie ist das Ghetto des 
Fernsehens und der Werbung, das Ghetto der Konsumenten/Konsumierten […] 
der Zerstreuer/Zerstreuten der Freizeit." Viele der hier verwendeten 
Begriffe gehören heute zum Alltagsvokabular: Code, das Virtuelle, der 
Cyberspace. Bei Baudrillard heißt das noch "Hyperrealität".

Das Provozierende an seinen Theorien ist nicht zuletzt die Geste der 
Affirmation. Dass es nichts mehr außerhalb der glitzernden 
Stadtoberflächen, der Scheinwelten des Konsums geben soll, das ist für 
ihn kein moralisches Problem. Und genau darin besteht die moralische 
Provokation für seine LeserInnen. Zumal er weiterhin die Begriffe 
Wahrheit, Realität und Identität verwendet, nur eben jetzt in seinem 
mal ironisierenden, mal zynischen Sinne. Denker wie er fordern heraus, 
weil sie behaupten, dass wahr und falsch letztlich ununterscheidbar 
sind. Die Dinge seien immer beides, real und trügerisch, sie seien 
wirklicher Schein. Damit gelte es sich abzufinden. Denn, so die 
Behauptung: Es gibt nichts hinter den Zeichen, hinter dem Signifikat, 
hinter dem Produkt, hinter dem Schein also. Baudrillard plädierte 
dafür, sich im Simulakrum einzurichten. Sein System expandiert nicht 
mehr, es implodiert. Alle Sicherheiten - Gott, Sinn, Welt, Realität, 
Ich - werden in Frage gestellt und mit einer neuen Bedeutung 
aufgeladen.

So zumindest lautet der Anspruch. Das Problem liegt dabei im 
Apodiktischen, welches entschieden das Durchstreichen der Wahrheit wenn 
schon nicht für wahr, dann für unhintergehbar richtig erklärt. "Hier 
gibt es keinen GOTT mehr, der die Seinen erkennt, kein JÜNGSTES 
GERICHT, das das Wahre vom Falschen und das Reale von seiner 
künstlichen Auferstehung trennt, denn alles ist bereits tot und von 
vornherein wieder auferstanden", heißt es in dem Text "Die Präzision 
der Simulakra". Man könnte diese Passage so verstehen: Die toten 
Medienbilder sind das Lebendigste, das wir haben. Wenn aber die von 
Lukács noch betrauerte transzendentale Obdachlosigkeit das Sein des 
Menschen bestimmt, wenn seine Verankerung im irdischen Schein 
unhintergehbar ist, dann ist die bunte Warenwelt kein Unfall, sondern 
die notwendige Konsequenz.

Dass diese Selbstgenügsamkeit der im theologischen Sinne sinnlosen 
Codes und Moden durchaus gestört werden kann, darauf verweist für 
Baudrillard nicht zuletzt das Graffiti. Bis heute hält sich der Wunsch 
nach einer Stadt, die gesäubert ist von Zeichen, die der normale 
Konsument nicht versteht. Nicht zuletzt wegen seiner "verschmierten" 
Wände ist Berlin für viele eine Irritation. Für Baudrillard, der das 
Phänomen im New York der 70er-Jahre beobachtete, sind die gesprühten 
Zeichen ein Zeichen für die Macht der Zeichen. Und er mag sie. Denn 
Irritationen, zumal die plakativen, fanden immer seine Sympathie.

Sonst lehnte er jedwede Form des politischen Engagements ab. Seinen 
Text "Pavane für eine Göttliche Linke" von 1978 beschließt er 
lakonisch: Er sei kein Aktivist. Die Zeit der Partie Communiste sei 
abgelaufen, auch wenn sie die "die schönste aller beschützenden und 
therapeutischen Institutionen der abendländischen Welt ist".

taz vom 8.3.2007, S. 19, 180 Z. (Portrait), INES KAPPERT



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