[echo] Call for Contributions - Prototyp thealit Bremen
Ulrike Bergermann
ubergermann at gmx.de
Thu Mar 8 18:17:59 CET 2007
Eine Einladung an Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen, ihre
PROTOTYPEN vorzustellen!:
Ausschreibung (Einsendeschluss 20.6.2007, thealit Frauen.Kultur.Labor
Bremen, www.thealit.de)
Prototypisieren. Eine Messe für Theorie und Kunst
Eine erste Ausführung, der Inbegriff von etwas, das man sich vorstellt,
ein Normalmaß, ein Testverfahren: das alles können Prototypen sein. Der
Wortgeschichte folgend (gr. proto: vor), versteht man unter Prototypen
oft "Vor-Bilder" oder "Vorlagen", auch die so genannten besten
Beispiele. Prototypisieren kann als das Verfahren, das vor der
Serienfertigung, also "vor dem Produkt", aber auch – und das ist
thealits Anliegen – "vor der Theorie", "vor dem (Kunst)Werk" liegt,
bezeichnet werden. In diesem "Vor-Gängigen" wird dabei ein Typ
gebildet, eine Typisierung vorgenommen. Nun sind die Prototypen, das
ist spätestens seit der Konzeptkunst bekannt, möglicherweise auch
Objekte, die niemals in Serienfertigung gehen würden. Und nicht nur
das. Es können Konzepte sein, die nur gedanklich realisiert, oder
Impulse, die erst weiter entwickelt und ausgearbeitet werden sollen...
Prototypen sind eben auch Kunstwerk, Produkt und Theorie. Diese
Möglichkeiten sollen in einer Messe ausgestellt und gehandelt werden.
Der Industrie gelten Prototypen fast schon als unrentable
Grundlagenforschung, wo sie doch wie die Verkörperung von
"Produktwillen" erscheinen. Der Wille verspricht einen wirtschaftlichen
Effekt: ein Produkt oder auch einen Testlauf, den der Prototyp
bewerkstelligt, möglicherweise auch nur um ihn anschließend zu
verwerfen und die gewonnen Daten anderweitig zu verwerten. Für
unternehmerisches Handeln — zu dem sehr wohl auch das künstlerische,
wissenschaftliche und kuratorische zählen können — gilt: Mit
innovativen Produkten früher als die Wettbewerber am Markt sein.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Rapidprototyping seit den
neunziger Jahren einerseits als Möglichkeit für schnelle
Fertigungsverfahren propagiert — die Herstellung von Werkstücken ohne
Umwege direkt aus CAD-Daten —, andererseits aber auch in der
Vermittlungsarbeit genutzt wird, um schnell das Verstehen abstrakter
Datenrepräsentationen durch dreidimensionale Objekte zu erhöhen, z. B.
die Darstellung eines komplexen Moleküls. Prototypen dienen also auch
als Instrumente: zum Eruieren der Anforderungen an das Produkt sowie
zum besseren Verständnis von Prozessen und zur Veranschaulichung
komplexer Zusammenhänge.
Virtual- und Rapidprototyping versprechen so manche kostenintensive
Vorstufe zu überspringen — der für einen Testlauf immer wieder neu zu
entwickelnde Prototyp erscheint hier eher wie ein Umweg — und setzen
somit eben ganz auf das (End)Produkt, von dem so viele generiert
werden, bis das "Passendste" oder "Schönste" vorliegt. Nicht nur das
Rapidprototyping scheint dabei von allerlei Gefahren umgeben, denen es
durch effektives 'Risikomanagement' entgegenzutreten gilt.
Zusammengefasst: Dem Prototypisieren eigen sind das Testen und
Entwickeln sowie das Erproben und Verwerfen. "Evolutionäres" und
"revolutionäres Prototyping" nennt es die Fachliteratur für
Unternehmerisches. Insofern wird unterschieden zwischen den
Testverfahren, die langsame Entwicklungen vor Augen haben, und denen,
welche eruptiv Testprodukte verwerfen: Das Revolutionäre entwickelt
möglichst früh Prototypen, evaluiert sie und verwirft sie danach. Ein
schnelles Verfahren mit viel Abfall. Das evolutionäre Verfahren
unterscheidet nicht zwischen Prototyp und Endprodukt, denn das
"Produkt" wird langsam entwickelt und verbessert. Eruptiv und
nachhaltig können diese Verfahren auch Theorien und Kunstwerke
entwickeln, die Unmögliches möglich machen. Mal für ein Publikum, mal
auch ohne Publikum. Mal mit einer Zukunft oder auch ohne Zukunft. Für
manchen Prototypen mag es reichen, dass er als Prototyp existiert. Denn
egal, für welches Publikum und welche Zeit sie produziert werden, die
Prototypen greifen nicht nur in ökonomische Prozesse ein und gestalten
sie zugleich, sondern machen Unmögliches möglich, explorieren
Gedankenexperimente, provozieren Testläufe: in der Theoriebildung, der
Kunstproduktion, der Wissenschaft, der technischen Entwicklung.
Es ist nicht nur interessant, dass selbst Künstler und Künstlerinnen
mit ihrem Künstlerleben als Prototypen für neue Arbeitskonzepte, wie
Flexibilität, Identifikation, Kreativität gelten, und dass
künstlerische Arbeiten — folgt man den expliziten Anliegen einer
Creative Industrie — als Prototypen für gestalterische Produkte oder
Marketingkonzepte eingesetzt werden sollen, um zum Beispiel Ausgaben zu
rechtfertigen. Interessant ist auch, was diese Tendenz für die
Kunstproduktion, insbesondere die kostenaufwendige
Medienkunstproduktion bedeutet. Auch in der Wissenslandschaft — selbst
den Geisteswissenschaften — werden prototypische Projekte unternommen:
sei es als evolutionäre im Sinne eines stetigen Sich-Abarbeitens an
bereits existierenden Theorien und Methoden, sei es als Drang, neue
Theorie-Prototypen zu entwickeln, im immer schneller aufeinander
folgenden Ausrufen umwälzender Paradigmen und neuer Theorie-Bildungen
mit großen Gesten. Zur Positionierung auf dem Markt der Wissenschaften
scheint gerade angesichts auseinander driftender Forschungslandschaften
(Stichwort: Exzellenz-Universitäten) eine weitere Prototypisierung
zunehmend unerlässlich.
Kunst und Theorie auf einer Messe vorzustellen, das heißt auch, Genres
und Formen selbst zu prototypisieren, misslungene und überflüssige
Prototypen den erfolgreichen gegenüberzustellen, Testläufe zu
entwickeln und durchzuspielen, Benutzerschnittstellen zu modellieren,
Theorie- und Kunstprodukte zu verkaufen sowie Patente für diese zu
erobern. Kunst und Theorie präsentieren sich am Umschlagplatz zum
Produkt, vor dem Produkt, selbst als "Abfall" oder auch selbst als
Produkt. Es geht um ein Durchspielen von Möglichkeiten, um Experimente,
deren Wiederholbarkeit und Erweiterbarkeit getestet werden, und um
gedankliche Schemata, die auch verworfen werden können. All das wird
sich auf der Messe für Theorie und Kunst in einen Tauschprozess
einfügen, der nicht glatt ablaufen kann.
Eine Messe stellt Angebote aus, Prototypen aus Theorie und Kunst. Das
heißt aber auch: sie stellt Theorie dar, sie stellt Kunst dar, indem
sie sie im Testverfahren praktiziert. Die Messe selbst funktioniert als
Testverfahren und Produktionsstätte. Die Messe geht Risiken ein.
Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen sind eingeladen, sich am
Prototypisieren zu beteiligen. Vorträge und alle anderen Präsentationen
betrachten wir als Produkte. Reichen Sie kurze Skizzen Ihrer
künstlerischen und wissenschaftlichen Produkte ein. Wir freuen uns auf
Ihre Ideen zur Präsentation. Mögliche Formate sind: Messestände,
Vorträge, Posterpräsentationen etc. Ihre Skizze sollte eine kurze
Beschreibung Ihrer Idee beinhalten, optional eine
Konstruktionszeichnung oder eine Abbildung sowie Überlegungen zur
Präsentationsform, dazu eine kurze Biografie (evtl. mit Webadressen
etc.).
Einsendeschluss: 20.06.2007
Adresse: castro at thealit.de oder thealit // Im Krummen Arm 1 // 28203
Bremen
Für Nachfragen: castro at thealit.de oder 0421-701632
Die Messe wird Ende Februar/Anfang März 2008 in Bremen stattfinden.
Mehr Infos unter:
http://www.thealit.de/?KAT_ID=1&NAV_ID=5
Und auch
http://www.thealit.de/?NEWS_ID=17
Arbeits- und Kuratorinnengruppe: Susanne Bauer
(Wissenschaftsforscherin), Ulrike Bergermann (Medienwissenschaftlerin),
Christine Hanke (Medienwissenschaftlerin), Helene von Oldenburg
(Künstlerin), Claudia Reiche (Medienwissenschaftlerin, Künstlerin),
Andrea Sick (Kultur- und Medienwissenschaftlerin)
More information about the echo
mailing list