[echo] Baudrillard: Die Verführung Gottes

cornelia sollfrank cornelia at snafu.de
Sun Mar 11 20:31:35 CET 2007


taz, 10.03.2007

Die Verführung Gottes
Kurz vor seinem Tod besprach Jean Baudrillard auf Deutsch eine 
Audio-CD. Hier, zum ersten Mal transkribiert, ein zentraler Abschnitt 
daraus

Einführung
Es war eines der wichtigen Themen, auf die der am Dienstag verstorbene 
französische Philosoph Jean Baudrillard immer wieder gern zurückkam. 
Worin liegt die Macht der Verführung? Schon der Begriff ist bei 
Baudrillard eine scharfe Entgegensetzung zur Liebe, die es gewiss gibt, 
aber das ist eben auch schon alles. Man liebt seine Mutter, die Natur, 
eine Frau, kleine Vögel, da bleibt Baudrillard eher skeptisch. In einer 
Welt als Simulation aber, in der es kein Festhalten an der Wirklichkeit 
gibt, vermag der Mensch selbst Zeichen zu produzieren, um mit ihnen zu 
verführen. Mit der Verführung lassen sich die Wahrheit und die Kräfte 
der Produktion unterlaufen, "sie erledigt, parodiert den Sinn und lockt 
uns ins Spiel", wie es in dem 1983 im Merve-Verlag erschienenen Essay 
"Laßt euch nicht verführen!" heißt. Für eine Audio-CD hat Baudrillard 
diese Überlegungen im vergangenen Herbst weiterentwickelt - was frei 
auf Deutsch vorgetragen angenehm samtig klingt. Es ist schön, dem 
Philosophen ein letztes Mal dabei zuzuhören, wie er sich brüchig in der 
ungewohnten Sprache vorwärts tastet. Der folgende Abschnitt ist der 
"Verführung Gottes" gewidmet. hf


Jean Baudrillard
Wenn wir auf die alten Kulturen zurückkommen, dann war das Verhältnis 
zu den Göttern ein Opferverhältnis. Das Opfern ist ja ein 
Verführungsversuch, denn natürlich muss man den Göttern gefallen, sonst 
werden sie sich rächen. Das ist ein Duell - und die Götter antworten 
oder sie antworten nicht. Wenn sie aber nicht antworteten, dann war es 
aus mit ihnen in diesen Kulturen, denn die Götter hatten keine ewige 
Stellung, es war ein fortwährendes Spiel von Opfern und Vergelten.

Dieses Verhältnis zum Opfer hat sich verloren mit der Zeit. Wir kennen 
das Opfer nur noch im grausamen Sinne, es ist kein wechselseitiges 
Spiel mehr. Es fehlt der Potlatsch, das "ich gebe" und das "du gibst 
mir zurück". Diese Gabe, die eine Herausforderung ist, immer mehr zu 
geben.

Tatsächlich ist die Verführung Gottes immer auch mit einer 
Herausforderung verbunden gewesen. Erst mit den großen monotheistischen 
Religionen kommt man nicht mehr auf Opfer, sondern nur noch auf 
Glauben. Das kann am Anfang zwar ein Glaube im tiefsten Sinne sein, der 
dann aber allmählich schwächer und schwächer wird. Glaube ist sowieso 
ein "schwacher Wert", das hat Nietzsche schon gesagt. Also wenn man an 
Gott glaubt, dann ist das ein Zeichen, dass man an dessen Existenz 
glaubt. Aber es ist eben eine schwache Stellung, eine Reduzierung, auch 
eine Herabstellung von Gott und den Göttern, die zuvor erhabene Macht 
hatten, während der Glaube nur danach strebt, sich von der Existenz 
Gottes zu überzeugen. Das ist nicht sublim, das ist menschlich, 
allzumenschlich, würde Nietzsche wieder sagen. Wenn Gott wirklich da 
ist, wenn die Götter wirklich da sind, mitten im Leben, dann braucht 
man nicht mehr an sie zu glauben. Dann ist der Glaube überflüssig. Das 
gilt nicht nur für Gott allein, sondern auch für die Ideen usw., das 
sind überhaupt moderne, aber schwache Themen.

"La croyence", auf Französisch, ist eine abgeschwächte Form von 
Glauben, nicht mehr dieser lutherische Glaube, sondern fast schon 
Superstition, ein Aberglaube. Vom Opfer an schwächt sich das Verhältnis 
zu Gott und den Göttern ab, und dann bleibt nur das Motto: Gott ist 
tot. Wobei der Tod Gottes nicht bedeutet, dass die Idee von Gott 
verschwunden ist. Vielleicht haben wir es nur mit den Überbleibseln, 
dem Kadaver, also mit der Leiche Gottes zu tun. Das ist noch schlimmer, 
da gibt es keine Verführung, nur eine Faszination, aber es ist die 
Faszination der Leiche. JEAN BAUDRILLARD

Der Text ist die leicht gekürzte und überarbeitete Transkription aus 
einem Vortrag, der unter dem Titel "Jean Baudrillard: Die Macht der 
Verführung" als Audio-CD bei supposé erschienen ist. Abdruck mit 
freundlicher Genehmigung des Verlags.

taz vom 10.3.2007, S. 20, 127 Z. (Dokumentation), JEAN BAUDRILLARD



More information about the echo mailing list