[echo] Erste Galerie für chinesische Kunst in Hamburg
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Mar 15 10:17:21 CET 2007
taz, 15.03.2007
Und täglich grüßt der Übervater
Zwischen Mao-Konterfei, altmodischer Landschaft und von Pop-Art
beeinflussten Bildern ist alles drin: Eigentlich ist Ingo Lüthjens
Kaufmann. Mit "ArtChina" hat er die erste Galerie für zeitgenössische
chinesische Kunst in Hamburg eröffnet
Ob die Ausstellung "Mahjong" in der Hamburger Kunsthalle der Auslöser
war? Offiziell zugeben würde Ingo Lüthjens das nicht. Im Januar hat er
"ArtChina" eröffnet, die erste Hamburger Galerie für chinesische
zeitgenössische Kunst. "Vor einem Jahr bin ich in einer Ausstellung auf
chinesische Gegenwartskunst gestoßen", erzählt Lüthjens. "Danach habe
ich bald Shan Fan, einen seit 20 Jahren in Hamburg lebenden
chinesischen Künstler, kennen gelernt, der mir Hilfe anbot. Und so kam
eins zum anderen."
Will heißen: Der Hamburger Kaufmann Lüthjens wollte nach etlichen
Geschäftsreisen erstmals in Sachen Kunst nach Peking und Shanghai
fahren; sein Unternehmen hatte er da bereits verkauft. Rechnen kann er
natürlich immer noch, und ihm war nicht entgangen, dass die Preise für
chinesische Kunst explodieren und sich damit wohl ein Geschäft machen
ließe. Aber darüber spricht er nicht so gern. Natürlich arbeite er in
China nur mit Galerien zusammen, die ihm günstige Konditionen
einräumten. Welche das sind, sagt er im Einzelnen nicht. "Die Preise
müssen fair sein", sagt er nur. "Und es muss schon erlaubt sein, dass
eine Galerie hin und wieder ein Bild verkauft."
Ist es auch, zweifellos. Nur stellt sich die Frage, ob die Präsentation
chinesischer Kunst nicht allzu oft postkoloniale Klischees bedient. Ob
es ein Zufall ist, dass Lüthjens heute eröffnende zweite Schau
Landschaftsbilder zeigt, die direkt den alten Meistern abgeschaut sein
könnten. "Ich bediene kein Klischee und würde das, was ich zeige, auch
nicht als folkloristisch bezeichnen", beteuert Lüthjens. Er wolle
vielmehr ein Idyll vorführen, dessen Verlust die Künstler beklagten.
"Mich selbst haben diese Bilder sehr überrascht. Denn mit dem heutigen
China verbindet man doch eher Industrialisierung und Umweltzerstörung."
Es ist in der Tat erstaunlich, wie wenig Künstler wie Han Lei von der
Tradition abgerückt sind. Doch der fehlende kritische Blick auf die
eigenen künstlerischen Traditionen war ja auch schon Thema der
"Mahjong"-Schau gewesen. "Etliche Künstler stellen einen Zustand eher
dar, als dass sie ihn reflektieren", hatte Sammler Uli Sigg damals zu
Protokoll gegeben.
Ob ausgerechnet Galeristen es besser machen müssen? Wer weiß. Aber
warum widersteht Lüthjens nicht der Versuchung, Werke mit Mao-Konterfei
zu zeigen? "Ich verniedliche und enthistorisiere gar nichts", beteuert
Lüthjens. "Ich will mit solchen Werken nur zeigen, dass Mao im heutigen
China noch allgegenwärtig ist. Auch die jungen Künstler sind mit ihm
aufgewachsen." Eine kritische Betrachtung gewährleistet das aber noch
nicht, und so betont Lüthjens, dass er den älteren, unter Mao
aufgewachsenen Künstlern die ernsthafte Auseinandersetzung glaubt. Beim
1969 geborenen Huang Qing allerdings, "da frage ich mich schon" sagt
er, "warum ein in der Landschaftsmalerei so versierter Künstler auch
dieses geschäftsträchtige Thema malen musste". Warum er als Galerist
das dann auch noch zeigen musste, erklärt er nicht.
Dass er ausdrücklich regierungskritische Kunst zeigt, behauptet der
Galerist andererseits überhaupt nicht. "Man balanciert immer zwischen
inhaltlicher Auseinandersetzung und dem visuellen Geschmack der
Käufer", sagt Lüthjens. "Erschöpfte sich mein Konzept aber hierin,
hätte ich auch in der zweiten Ausstellung jene von der Pop-Art
beeinflussten Künstler gezeigt, mit denen ich meine Galerie eröffnet
habe. Aber ich wollte durch die Landschaften der zweiten Schau bewusst
eine zweite Facette zeigen." PS
Galerie ArtChina, Mühlenkamp 31, Hamburg; www.artchina-gallery.de
taz Nord vom 15.3.2007, S. 27, 99 Z. (Kommentar), PS
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