[echo] Einladung - Pressetext - Projekt U.N.I. (e.V.)

raimund kollegger r.kollegger at arcor.de
Thu Mar 15 15:48:53 CET 2007


  
Einladung / Pressetext – Projekt U.N.I. (e.V.)
Koordination: Raimund Kollegger
 
 
Projekt       U.N.I.
Galerie:      Lab of Graviton
Ausstellung   # 001/010
Künstler:     Hélène Concorde
Titel:        Der schwarze See
 
Eröffnung:    Dienstag, 20.3.2007 / 18 Uhr

Dauer:        21.3. bis 31.4.2007
Besichtigung: Jeder Zeit nach Vereinbarung

Ort:          20535 Hamburg
Strasse:      Carl-Petersen-Str. 33
Telefon:      +49-40-44809483
Email:        info at u-n-i.de
Web:          www.u-n-i.de



Der schwarze Mythos

von Armin Digging
 
Der schwarze See soll ja, und man koennte glauben er selbst wuenscht es
sich, das dialektische Objekt schlecht hin sein. Innen und Aussen kippen in
den See. Ist dieser See schwarz aus Tiefe, aus Verschlammung oder von der
Industrie verschmutzt, das mag wohl einen kleinen Unterschied machen, aber
in jedem Fall wird er, der See, zum Spiegel unserer selbst. Hélène Concorde
interessiert die Szene drum rum. Das Ambiente des Sees: Der Staudamm und
sein schmaler Steg. Eine futuristische Villa am Hang. Eine Frau laeuft ueber
den Damm. Wird sie verfolgt? Von wem? Dem schwarzen See ist das schnurz. Die
Szene um ihn hat ihn schon laengst verlassen. Die Bedeutung seiner selbst
hat er verschluckt. Nichts um ihn herum scheint wirken zu wollen. Sein
Rundum hat er verwandelt in ein Rondell landschaftlicher Kulissen. Das Reale
wird angesichts seiner gespiegelten Simulation zum Simulacrum, zum Abklatsch
seiner Simulation. Das Simulierte schickt sich an von seiner Spiegelung
abzufallen und im See zu versinken. Oh Schreck! Das Wahre ganz tief im See
verschollen. Die Luege an der Oberflaeche glaettet die Wellen des
Untergangs, damit der makellose Schein einer endlosen Reflexion in seiner
Erhabenheit zur Ruhe kommt und alle Begierde an ihr abgleitet – bereit zu
sterben. Der Tod als Anfang und Ende der Reflexion hat sich in diesen See
entleert. Der schwarze See von Hélène Concorde hat Tatort-Charakter schon
bevor man glaubhafte Geschichten vernimmt, in denen das Aussen ins Innen
dringt. Das was in den See eindringt, ist draussen im See und ausserhalb der
Landschaft – Im Draussen. Das Innen im Aussen, das Sein im Schein, das
Simulierte im Simulacrum, der Zeuge legt seine Zeugenschaft ab und mit oder
ohne Glaube an das Wahre laesst er seine Geschichte im See langsam
versinken. Texte beschreiben den See als Oberflaeche, nicht bereit auch die
kleinste Andeutung in ihn eindringen zu lassen. Der Subtext aber erhebt sich
in ueberhoehte Geilheit. Bereit, je nach Wetter glaenzend oder matt, die
satte Oberflaeche schon als zuckenden, feuchten Koerper zu verherrlichen. Im
Subdeuten schwitzt der See sein koerperliches da Sein in die Landschaft. Wie
die Toten in ihren Namen auftreten und in den Subtexten schwer am Lebendigen
zerren, so ist der See, der Schwarze als Subobjekt auffaellig unauffaellig,
weil niemand weiss, was er weiss. Wie der Tod gibt auch der See sein
Geheimnis nicht preis. Hier koennte auch die Dialektik zu Ende sein. Obwohl
dem See zu Grunde liegend, hat er selbst kein Interesse an diesem
unanstaendigen Spiel. Lieber den Grund am Grunde lassen. Viel zu anstrengend
ihn zu heben. Viel zu schoen die ungetruebte Oberflaeche. Warum auch,
wofuer? Das Ambiente, sein Drumherum gibt ihm Grund genug da zu sein. Alles
erzaehlt nur ueber ihn. Zwar nur im Sub, dafuer aber ungestoert, auf ewig.
Er weiss ja, dass er gemeint ist, dass er der Gemeinte ist, dass er der
Gemeine ist, dass er das GEMEINE ist – das ganz Gewoehnliche – die Gier*.
 
Zwar bilden die dialektischen Impulse eine Einheit im See, trotzdem
transpiriert er eine Differenz in die Landschaft, die von der vorgestellten,
von ihm vorgedachten Szene und Handlung als quasi substantiell hingenommen
wird. Eben noch nicht im Schwarz des Sees verkommen zu sein. Aufschub ist
das Einzige was Spannung erzeugt, das worauf es ankommt. Das Unabwendbare in
das Undenkbare zu verwandeln, das haelt das Aussen am Leben. Sich lieber
noch unendliche Male wiederholen, als endgueltig im Gleichnis zu versinken.
Muehsam haelt das Simulacrum den Abstand den es braucht, um das Leben, sein
Leben zu simulieren. So lange das Aussen seine unzaehligen Wiederholungen
mit seinem gespiegelten Selbst synchronisiert, begehrt der See auch nicht
auf. Sobald aber das Chronometer sein Spiegelbild verkennt ist die
Geschichte zu Ende.
 
* „...Dieses Wasser ist getraenkt mit sich, das klingt paradox, ist aber
wahr, soweit etwas wahr sein kann. Es ist sozusagen doppelt Wasser und daher
schon wieder fest, kein geringer Erfolg fuer ein Element, das wissbegierig
ist und sich weiterbilden moechte, obwohl ihm nur geringe Moeglichkeiten
dafuer gegeben sind. Man kann immer noch mehr aus sich machen, wenn man sich
bemueht, aber man sollte dabei immer auf dem Teppich bleiben, der fast immer
waagrecht liegt. Die Wasserwaage, die nicht stehen will und nur im Liegen
misst, weiss das auch, o je, das stimmt jetzt nicht, man kann auch die
Senkrechte damit messen. Ich glaube, dieses Wasser ist sauer (kann aber auch
basisch sein),...“ GIER von Elfriede Jelinek
 
+++
 
Armin Digging ist zurzeit Vorsitzender im Aufsichtsrat der Kunsthalle Black
Hole 
in Liverpool. Er legt grossen Wert darauf nur mit "Digg" angesprochen zu
werden 
und stammt aus einem Provinznest in Styria, wohin er niemals zurueckkehren
moechte, aller hoechstens synchron.
 
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