[echo] Keine Angst vorm schwarzen Würfel
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Thu Mar 22 11:54:31 CET 2007
DIE WELT, 22.03.2007
Keine Angst vorm schwarzen Würfel
Von Belinda Grace Gardner
Venedig und Berlin wollten ihn nicht, Hamburg hat sich getraut: Der
umstrittene Kubus des international renommierten Künstlers Gregor
Schneider wirbt vor der Kunsthalle für die Ausstellung "Das schwarze
Quadrat – Hommage an Malewitsch".
Seit kurzem erhebt sich ein mächtiger schwarzer Koloss zwischen dem
Altbau und der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle. Viele
Bürger der Hansestadt haben den Aufbau des Kubus, den der
international renommierte Künstler Gregor Schneider schuf, mit
gemischten Gefühlen verfolgt. Das Kunstwerk, das Bezug nimmt auf die
Kaaba in Mekka, das zentrale Heiligtum des Islam, könnte die
religiösen Gefühle der Muslime verletzen und Hamburg zum Ziel
islamistischer Empörung machen, hieß es im Vorfeld.
Schon jetzt haben viele Hanseaten die Möglichkeit genutzt, sich ein
Bild von dem rundum mit schwarzem Stoff bespannten „Hamburg Cube
2007“ zu machen, der 14 mal 13 mal 14 Meter misst. Bei der Umrundung
ergeben sich für den Betrachter immer wieder neue Seherlebnisse:
Hinter einer Ecke des Kubus leuchtet plötzlich die goldgelbe
Abendsonne hervor, die langsam über der Binnenalster versinkt.
Betrachtet man wiederum die schwarzsamtenen Flächen, wird der Blick
förmlich aufgesogen, als tauche er in ein endlos tiefes, dunkles
Gewässer ein.
Kubus sorgte in den vergangenen Jahren für viel Aufregung
So felsartig und schlicht, wie er auf dem steinernen Plateau vor der
Galerie der Gegenwart thront, ist kaum noch vorstellbar, dass der
Würfel in den vergangenen Jahren für so viel Aufregung sorgte.
Mehrere Male wurde die Realisierung des Kunstwerks verhindert: zum
ersten Mal 2005, als Schneider ihn zur Biennale auf dem Markusplatz
in Venedig errichten wollte. Anfang 2006 platzte dann der Plan, die
Skulptur vor den Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwartskunst in
Berlin, zu platzieren.
Stets war es eine Mischung aus Unkenntnis und Medienerregung, die
angesichts befürchteter muslimischer Proteste zu dem vorauseilenden
Kubus-Baustopp führte. Mit ein wenig Recherche hätte sich aber rasch
klären lassen, dass es kein Abbildungsverbot der Kaaba gibt. Das im
Inneren weitgehend leere Heiligtum, das die Anwesenheit Gottes
symbolisiert, wird jährlich von rund zwei Millionen Pilgern aufgesucht.
Der in der Kaaba eingelassene „Schwarze Stein“, den die Pilger küssen
oder berühren sollen, steht für Gottes Bündnis mit seiner Schöpfung.
Vertreter der islamischen Gemeinden, die in Hamburg vor dem Bau des
Kubus konsultiert wurden, hatten keinerlei Bedenken gegen ein
Kunstwerk, das an die Kaaba erinnert: im Gegenteil.
Skulptur soll für mehr interkulturelles Verständnis werben
Schneider selbst sieht seine Skulptur durchaus auch als eine
Huldigung an das islamische Heiligtum und will damit für mehr
interkulturelles Verständnis werben. Zugleich verweist der 1969
geborene Künstler aus Rheydt mit seinem Kubus auf das eigene Werk,
insbesondere auf seine frühen Experimente mit hermetisch
abgeschlossenen Raumkörpern. Und nicht zuletzt bezieht er sich auf
das legendäre „Schwarze Quadrat“ des russischen Künstlers Kasimir
Malewitsch (1878–1935), das als Ikone der klassischen Moderne gilt.
Weiterführende links
* Die Malewitsch-Ausstellung in Hamburg
* Hamburg und St.Petersburg: 50 Jahre Städtepartnerschaft
Und so präsentiert Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner Schneiders
Kubus denn auch im Rahmen der Ausstellung „Das schwarze Quadrat –
Hommage an Malewitsch“, die am kommenden Donnerstag in Hamburg
eröffnet wird und ab Freitag für das Publikum zugänglich ist. Die
Diskussionen um den Kubus im Vorfeld der Schau werden vermutlich
zusätzliche Kunstfreunde in die Hansestadt locken.
Die gigantische Skulptur Gregor Schneiders vergleicht Gaßner
metaphorisch mit einem „nach außen gewendeten Schwarzen Loch im
Kosmos, das alles verschluckt“. Im großen Nichts der Unfarbe Schwarz
lösen sich alle Gewissheiten auf, während zugleich eine
„größtmögliche Verdichtung der Energie“ stattfindet.
Die Malewitsch-Schau ist Gaßners erste große, eigens für Hamburg
konzipierte Ausstellung. Die höchst erfolgreiche Caspar-David-
Friedrich-Retrospektive, mit der er seinen Einstand in der Hansestadt
gab, war zuvor schon in Essen gezeigt worden.
Ausgefeilte Dramaturgie der Malewitsch-Schau sorgt für Spannung
Die opulent bestückte Schau verspricht auch jenseits des Schneider-
Kubus spannend zu werden. Dafür sorgt allein schon die ausgefeilte
Dramaturgie der Präsentation: Um die Wucht von Malewitschs Quadrat
greifbar werden zu lassen, führt Gaßner das Publikum zunächst in den
Saal der Kunsthalle, der von Hans Makarts Kolossalgemälde „Einzug
Kaiser Karls V. in Antwerpen“ dominiert wird. Dort strotzt es nur so
vor Historien- und Genremalerei. Gaßner hat diesen Raum eigens als
Ort der visuellen Überfülle in Szene gesetzt, um im Anschluss zeigen
zu können, wie radikal sich Malewitsch von der Kunst des späten
19.Jahrhunderts absetzte.
„Ich habe mich in die Null der Formen verwandelt und habe mich aus
dem stinkenden Morast der akademischen Kunst herausgefischt“,
notierte Malewitsch 1915. „Die Dinge sind verschwunden wie der
Rauch.“ In diesem Jahr entstand das erste „Schwarze Quadrat“. In
Hamburg ist eine spätere Fassung von 1923 zu sehen.
Es geht um ein Vordringen zum Urgrund einer „absoluten Malerei“
Schwarzes Quadrat auf weißem Grund: nicht mehr und nicht weniger
offenbart das Gemälde. Es geht dabei um ein Vordringen zum Urgrund
einer „absoluten Malerei“, die, beschränkt auf die Darstellung von
Quadrat, Dreieck, Kreis, in der die Kunstrichtung des Suprematismus
ihren Ausdruck findet. „Das Quadrat ist nicht das Bild“, sagte
Malewitsch 1927, „so wie der Schalter und der Stecker auch nicht der
Strom sind. Die Welt als Empfindung der Idee, unabhängig vom Bild –
das ist der wesentliche Inhalt der Kunst.“
In der Ausstellung taucht jenes Quadrat samt anderer geometrischer
Grundformen in unterschiedlichsten Ausprägungen und Fassungen auf.
Malewitschs „Schwarzes Kreuz“ von 1923 wird Felix Gonzalez-Torres
zeitgenössische Arbeit „Blue Cross“ (1990) gegenübergestellt, eine
aus vier Stapeln von Kopien gestaltete Kreuzfigur auf dem Boden.
Die Stars der Minimal-Art und Konzeptkunst der 60er- und 70er-Jahre
wie Sol LeWitt, Carl Andre, Richard Serra oder Donald Judd führen
ihrerseits Malewitschs Ansatz, die Form zum Inhalt zu machen, weiter.
Der hamburger Künstler Franz Erhard Walther zeigt Teile aus seinem
„1. Werksatz“, wo ein großes Quadrat auf dem Boden zum Austragungsort
festgelegter Handlungen wird.
In den Ernst der Kunst mischt sich auch deren Witz: Die Schau endet
auf einer humorvoll-ironischen Note, unter anderem mit Sigmar Polkes
Werk „Höhere Wesen befahlen: obere Ecke schwarz malen!“ von 1969 und
einer bizarr-burlesken Installation von Irwin, wo die Kunst selbst –
in Gestalt eines plastischen Malewitsch-Konterfeis – zu Grabe
getragen wird. Dass das „Schwarze Quadrat“ indes je vergeht, ist
nicht zu erwarten. Die Kraft der „Nullform“ wirkt, wie die spannende
Ausstellung zeigt, immer noch weiter.
Infos
Die Malewitsch-Ausstellung in Hamburg
Einführung Im Rahmen der Malewitsch-Ausstellung findet ein
umfangreiches Begleitprogramm in der Kunsthalle statt. So berichtet
Elena Mulack am 22.April über die Mythen, die sich um Malewitschs
Werk ranken. Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner führt am 13.April im
Rahmen eines exklusiven Benefizabends in sein Ausstellungskonzept
ein. Zu einer Entdeckungsreise in „Die Schwärze des Alls“ lädt Thomas
W. Kraupe, Direktor des Planetariums Hamburg, am 15.April.
Dialog In der Reihe „Kunst im interkulturellen Dialog“ spricht die
Kunsthistorikerin Marion Koch mit Vertretern der islamischen,
jüdischen und christlichen Religionen über die Ausstellung (24.Mai).
Gregor Schneider, der Schöpfer des „Hamburg Cube“, berichtet am
22.Mai über seine Arbeit.
Öffnungszeiten
Die Ausstellung ist vom 23.März bis 10.Juni geöffnet (Di.-So. 10-18,
Do. bis 21 Uhr). Der Katalog kostet 35 Euro.
More information about the echo
mailing list