[echo] Kameras sprechen mit Kinderstimmen

Bahari Ndogo bahari1 at gmx.de
Sun May 27 13:39:09 CEST 2007


Spiegel online

Überwachung bei den Briten

Kameras sprechen mit Kinderstimmen

Von Khuê Pham

In Großbritannien wird es bald flächendeckend Überwachungskameras geben, die
nicht nur spitzeln, sondern auch sprechen - mit Kinderstimmen. Kritiker
fürchten den Siegeszug der elektronischen Wächter: "Wir leben in einem
Überwachungsstaat."

4,2 Millionen Überwachungskameras behalten in Großbritannien die Bevölkerung
immer im Auge. Jetzt werden sie gesprächig: Sie sollen flächendeckend - wie
George Orwells spitzelnde und sprechende Teleschirme in "1984" - durch
Lautsprecher zu redenden Kameras aufgerüstet werden.

Schon seit August 2006 ermahnen neun von diesen "Talking CCTVs" die Menschen
im nordenglischen Middlesbrough, wenn sie Müll liegen lassen, Streit
anzetteln oder Verbrechen begehen. Das Pilotprojekt gilt aufgrund von
gesunkenen Abfall- und Randaleraten als Erfolg. Die Regierung hat daher im
April eine 500-Millionen-Pfund-Großoffensive (733 Millionen Euro) zur
Verbreitung der sprechenden Kameras in weiteren 20 Gemeinden gestartet. Das
zuständige "Respektkommando" ("Respect Task Force") hat bei dieser Operation
vor allem die Kinder im Blick - sie sollen den sprechenden Kameras ihre
Stimmen leihen.


Auf Kinderstimmenfang

Per Posterwettbewerb an Grundschulen - als "Preis" dürfen die Gewinner
Parolen für die Kameras vertonen - gehen die Respekt-Propagandisten auf
Kinderstimmenfang. Gleichzeitig laufen die technischen Vorbereitungen für
den Start der "Talking CCTVs" Ende Mai. "Wir wollen die Menschen daran
erinnern, was respektvolles Verhalten ist und was nicht", erklärt
Respekt-Leiterin Louise Casey, "Und wir ermutigen Kinder, den Erwachsenen
eine klare Botschaft zu senden: 'Wer sich anti-sozial verhält, muss eine
öffentliche Blamage hinnehmen.'"

Im Südlondoner Problembezirk Southwark, wo 13 der 130 Kameras mit
Lautsprechern und Sprechanlagen aufgerüstet werden sollen, bereitete man die
Kinder bei einer Straßenparade im April schon mal auf ihre erzieherische
Rolle vor: Als Abfall verkleidet, ermahnten sie die Passanten, ihren Müll
immer schön in die Tonne zu werfen. Alles sehr emanzipatorisch, findet
CCTV-Kontrolleur Ian Gentry. "Indem wir die Gemeindemitglieder einbeziehen,
geben wir ihnen die Macht, für Ordnung zu sorgen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Nachgerade bizarr ist, was Kristianah Fasunloye vom Ostlondoner Bezirksamt
Barking und Dagenham zu ihren 16 künftig sprechenden Kameras sagt: "Wir
werden Kinderstimmen wegen ihres Schockeffekts benutzen."
Straßenverschmutzer würden einfach effektiver von Kindern ermahnt.
Allerdings würde der Trick nicht in allen Situationen funktionieren, so
Fasunloye zu SPIEGEL ONLINE, bei schlimmeren Übeltätern müssten schon die
Kameraoperateure das Wort ergreifen.


500 Millionen Pfund für Überwachungskameras

Ob die groß angelegte Aktion tatsächlich den gewünschten Effekt haben wird,
ist allerdings zweifelhaft. Laut einer Studie der Behörde des
Informationsbeauftragten von 2006 ("Surveillance Society") wurde in den
letzten zehn Jahren vom Staat allein 500 Millionen britische Pfund in
CCTV-Infrastruktur investiert - ohne einen Nachweis, dass mehr Überwachung
zu weniger Kriminalität führt. Eine Studie des Innenministeriums von 2005
ergab, dass die Kameras weder die Verbrechensquote verringerten noch das
Sicherheitsgefühl der Menschen steigerten. "CCTV kann nicht als Erfolg
bezeichnet werden", folgerten die Autoren, "es hat viel Geld gekostet ohne
die gewünschten Vorteile gebracht zu haben."

Auch die Verbalattacken der sprechenden Kameras werden im Kampf gegen die
Kriminalität keine wirkungsvolle Waffe sein, glaubt Liberty-Sprecherin Jen
Corley. "Indem sie die CCTVs technisch immer weiter entwickelt, gibt sich
die Regierung den Anschein der Verbrechensbekämpfung", sagte sie SPIEGEL
ONLINE, "in Wirklichkeit handelt es sich aber um technische Mätzchen."
Sinnvoller wäre es, stattdessen in Polizeipatrouillen oder
Straßenbeleuchtung zu investieren, die nachgewiesenermaßen die Kriminalität
reduzieren. Die Kameras dagegen seien hauptsächlich zur Beweissammlung zu
gebrauchen.

Die Massenüberwachung sei zudem problematisch, da sie die Privatsphäre der
Menschen erheblich einschränke, fügt Corley hinzu. Zusammen mit geplanten
Datensammlungsprojekten der Regierung wie dem biometrischen Pass und der
Bürgerdatenbanken befürchtet sie eine gesellschaftliche Veränderung, die
eine "Nation von Verdächtigen" schaffen könnte.


"Wir sind ein Ü berwachungsstaat"

Auch der englische Informationsbeauftragte Richard Thomas findet die
"exzessive Überwachung" sehr problematisch. Anfang des Monats plädierte er
für strengere Richtlinien im Datenschutz, um die Privatsphäre und Sicherheit
des Einzelnen zu gewähren. Es könne sonst "zu einer unnötigen Invasion in
das Leben der Menschen zum Verlust der persönlichen Autonomie kommen", sagte
er und warnte, dass sich das Land andernfalls zu einer
Überwachungsgesellschaft entwickeln könnte.

"Wir sind jetzt schon ein Überwachungsstaat", widerspricht der
Informationswissenschaftler der London School of Economics, Simon Davies.
Laut einer YouGov Umfrage vom letzten Jahr sieht das die große Mehrheit - 79
Prozent der 1979 Befragten - genau so. "Unsere Regierung ist besessen von
CCTVs und wird nicht eher halt machen, bis auch das letzte Fleckchen in
Großbritannien von Kameras bewacht wird", sagte Davies SPIEGEL ONLINE. Im
Gegensatz zu anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland, wo man die
Installation jeder Kamera rechtfertigen müsse, herrsche auf der Insel
zunehmend eine Mentalität der "Standard-Beobachtung".

Allerdings wächst auch der Widerstand. Davies erzählt von Bauern, die mit
ihrem Truck die Kameramasten wegreißen oder Aktivisten, die die Linsen der
elektronischen Augen besprühen. "CCTV-Vandalismus ist ein ernsthaftes
Problem für die Behörden geworden", sagt Davies nicht ohne Genugtuung.
"Inzwischen gibt es sogar Kameras, die ausschließlich andere Kameras
überwachen."

http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,483939,00.html





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