[echo] HOLY DAMN IT-Stellungnahme zu "Art goes Heiligendamm"
Heiner Metzger
post at heinermetzger.de
Wed May 30 08:01:57 CEST 2007
zur diskussion über "art goes heiligendamm" ein artikel von marina
grzinic aus malmoe - heft 34,
der manche aspekte von "a.g.h." gut beschreibt:
http://www.nospaceisinnocent.org/index.php?id=marina_grzinic&L=0
>> Beitrag in MALMOE 34:
Snobistische Leere als letzte ästhetische Form des globalen
Kapitalismus
DIE ORGANISATION VON AUSSTELLUNGEN, internationalen Festivals und
ähnlichem wird heute zunehmend zu einer geschäftlichen
Angelegenheit. Das dabei verwendete Vokabular, diese Sprache, die
einst Teil rebellischer Theorie und Kreativität, Teil von Grassroots-
Bewegungen und gegenkulturellen Käften gewesen ist, wird heute als
Marke wiederverwertet und angeeignet. Sie wird von hippen
Kunstmarktprojekten benutzt, um ihre Verbindungen zu dubiosen
politischen Netzwerken und dem Kapital selbst zu verdecken. Alles
wird überall präsentiert, was zählt ist der Hype, das trendige
Mischen, die Kopulation von Kunstwerken und Showbusiness. Was dabei
verschwindet ist der Unterschied zwischen Orten, Praxen und
politischen Positionen. Die Sprache gegenkultureller politischer
Haltungen wird von offiziellen Institutionen, Massenmedien und
Politikern zur Gänze ausgeschlachtet. Der Karneval, Interventionen
und pop-kulturelle Modelle des Dissenz, usw. werden von Politikern
der Rechten eingesetzt, um sich vergnüglich naiv zu geben, wenn sie
auf harte Kritik antworten sollten. So engagierte Präsident Bush im
Februar 2006 einen Imitator, sein Double, um mit ihm seine
öffentlichen Fehltritte wiederaufzuführen, um damit zu unterhalten
und möglichst viel Geld für die Republikaner zu lukrieren.
DAS VOKABULAR, DAS EINST TEIL GEGENKULTURELLER KRÄFTE WAR, wie
beispielsweise Open Source, Networking, Austausch, Menschenrechte,
usw. wird JETZT von jenen implementiert, die gegen diese Positionen
ankämpfen, um dadurch die ursprünglichen politischen Forderungen zu
verwässern. Aufgrund solcher performativer Politiken der
Ausschlachtung und Aneignung erfahren wir eine komplette
Sinnentleerung ehemals radikalisierter Positionen und politischer
Kunstpraxen.
DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM RAUM beinhaltet nicht bloß die
Unterscheidung bezüglich der materiellen Dimension verschiedener
Räume, sondern muss auch der Frage Rechung tragen wie Räume
diskursiv durch Sprache konstituiert, kapitalisiert und angeeignet
werden. Über die Teilungen der Welt als Unterschied zwischen Erster,
Zweiter und Dritter Welt zu sprechen, ist in Zeiten des globalen
Kapitalismus ein überflüssiges Unterfangen, denn es scheint, dass
jede Grenze überschritten ist und dass mit dieser vermeintlichen
Sichtbarkeit und Zugänglichkeit aller und jeder der Welten ein
glückliches Gleichgewicht erreicht worden wäre. Dieser Prozess des
globalen kapitalistischen Einschlusses bewirkt einen noch
effektiveren Ausschluss. Kunst und Kultur funktionieren in diesem
Kontext als dekorative Elemente für das Branding und Styling
luxuriöser Lebensstile. Grosse institutionalisierte Kuratoren geben
sich in solch einem Kontext naiv und kindisch, agieren zur selben
Zeit jedoch als Diktatoren. Junge Kuratoren wählen gezielt die
großen Namen aus, um Teil des allgemeinen Hype zu werden, sich an
diese Marken anzuhängen und um selbst zu Marken zu werden.
DIE PRIVATISIERUNG VON KUNST UND KULTUR ist Teil dieser permanenten
Prozesse der Entleerung und Abstraktion. Diese Privatisierung ist in
der Gegenwart machtvoll aufgetaucht, aber eigentlich
wiederaufgetaucht, da dies historisch lange bloß nicht sichtbar war.
Kunstwerke, Projekte, Ideen und Praktiken werden von privaten Museen
und transnationalen Konzernen gesammelt. Öffentliche Institutionen
geben nur mehr den Gastgeber dieser von privatem Kapital finanzierten
Kunst ab. In der Vergangenheit wurde das als Mittel zur Regulierung
von Steuergeldern und als Befriedigung privater Kapitalinteressen
gesehen, heute ist das ein Zeichen der um sich greifenden
Privatisierung von Kunst und Kultur. In diesem Prozess werden die
Mechanismen der Kapitalakkumulation selbst in den Kunst- und
Kulturbetrieb getragen. Es sieht so aus, dass wir nicht mehr
arbeiten, sondern wir erschaffen etwas. Das ist der Prozess der
Subjektivierung durch die Produktion im postfordistischen
Kapitalismus. Dieser Prozess überwindet den Dualismus und
konzentriert sich auf die Ausformung von Subjektivitäten, aber nicht
durch die Arbeit, vielmehr wird der Schöpfungsakt als Aktivität
eingesetzt, die Arbeit neu definiert und die abstrakte Ausbeutung
wird verborgen. Aus diesem Grund ist die Analyse der immateriellen
Arbeit von zentraler Bedeutung um die Subjektivierungsprozesse der
Gegenwart erklären zu können. Um diese Prozesse verstehen zu können
ist es notwendig den Schöpfungsakt und die Macht des Widerstands
wieder miteinander in Beziehung zu setzen, um beide aus dem Zugriff
seines Zuhälters, also des kapitalistischen Systems, zu befreien.
Paolo Virno hat darauf hingewiesen, dass die Grenzen zwischen
intellektueller Aktivität, politischer Aktion und Arbeit heutzutage
verschwommen sind. Der postfordistische Typ (prekärer) Arbeit hat
vieles davon, was als politische Aktion verstanden wurde, absorbiert.
Diese Verschmelzung von Politik und Arbeit repräsentiert eine neue
Physiognomie der modernen Welt. Statt radikaler Politik ist eine
abstrakte Formalisierung von Arbeitsprozessen und künstlerischer
Aktivitäten das, was Arbeit ist. Aufgrund dieser Prozesse der
Performativität, die einzig und allein die Beschreibung der Logik des
Sprechakts zum Inhalt haben, kann nun festgehalten werden, dass das
Politische um jeden Inhalt entleert wird und zu einer abstrakten
Formalisierung von Kunst und kulturellen Aktivitäten führt. Ähnlich
ist es möglich die Genealogie des Menschen in der Ersten
Kapitalistischen Welt zu entwickeln. In seinem Buch „The Open. Man
and Animal“ (1) (2002) schreibt Giorgio Agamben über eine solche
zunehmend abstrahierte Formalisierung in der Genealogie des Menschen.
Er stellt die Entwicklung des Menschen dergestalt dar, dass es in
Richtung einer reinen Form der snobistischen Geste ohne Inhalt gehen
würde. Durch den Gebrauch „paradigmatischer Formen des Menschen“
erstellt Agamben eine Genealogie als Anordnung von Figuren, die mit
der Gestalt des Tieres beginnt, sich in der Form des Acephalos, des
Kopflosen, fortsetzt, und im Gedankenlosen, dem Snob, mündet. Das
sind nicht nur metaphorische sondern politische Figuren der
menschlichen Genealogie innerhalb der Kapitalistischen Ersten Welt.
Diese Genealogie wird durch eine kapitalistische anthropologische
Maschine vollzogen, die sich eindeutig in die Richtung einer
zunehmenden Entleerung, Abstraktion und Formalisierung des
Menschlichen an sich bewegt. Was hier vonstatten geht ist der
Übergang von einer Politik der Erinnerung zur Erinnerung dessen, was
als politischer Akt gegolten hat.
WIE ERSCHEINEN DIESE BEZIEHUNGEN AUF DER EBENE VON KUNST UND KULTUR
im Hinblick auf eine Welt, die nicht Eine ist? Es gibt dazu ein
beinahe axiomatisches Kunstwerk, ein Satz der vom Zagreber Künstler
Mladen Stilinovi_ in Umlauf gebracht wurde. Stilinovi_ brachte 1997
den Multikulturalismus als ideologische Matrix des globalen
Kapitalismus folgendermassen auf den Punkt: „Ein Künstler, der
nicht Englisch spricht, ist kein Künstler“. Dieser Satz, ein
Kunstwerk der 1990er Jahre, synthetisiert die „soziale
Empfindsamkeit“ des Kapitals für alle multikulturellen
Identitäten, die sich in den Neunzigern der globalen kapitalistischen
Welt preiszugeben hatten und zu dieser Welt zu sprechen begannen –
nämlich auf Englisch, egal wie gebrochen dieses auch war. Heute
jedoch verlangt diese performative Logik, die in perfekter Harmonie
zur Abstraktion und Entleerung des globalen Kapitalismus und seiner
snobistischen Haltung steht eine Korrektur dieses Satzes: „Ein
Künstler, der nicht GUT Englisch spricht, ist kein Künstler“.
G E G E NWÄ R T I G F U N K T I O N I E R E N KUNSTINSTITUTIONEN UND
KUNSTPROJEKTE, die in der kapitalistischen Ersten Welt produziert
werden, auf Basis einer unerträglichen Abstraktion. Der Kapitalismus
ist ein Kannibale, um in der Lage zu sein alles und jeden zu
verschlingen, wenn es von Nöten ist verwandelt er sich sogar in
schöpferisches und soziales Kapital. Die Matrix auf der er beruht ist
nicht eine utilaristische, sondern eine kannibalisitische. Der
Kunstmarkt übt heute mehr als jemals zuvor Einfluss darauf aus, was
Sichtbarkeit erlangt und in die hermeneutischen Zirkel einbezogen wird.
DER ZWEITE ZENTRALE PUNKT SIND DIE EIGENTUMSVERHÄLTNISSE.
Ausstellungen und Projekte gehören jemandem, sie haben spezifische
Eigentümer, in ökonomischer und symbolischer Hinsicht. Hierin gibt
es nur einige wenige Auserwählte, alle anderen sind von dieser
Geschichte ausgeschlossen. Es regiert das Privateigentum! Für den
globalen Kapitalismus der Gegenwart ist die Quelle der schöpferischen
Kraft, die unerschöpfliche künstlerische Kreativität, ein
jungfräuliche Ressource, eine noch nicht erschlossene Ader von
Werten, die es auszubeuten gilt. Die Kreativität ist es, die sich
sowohl die Kunst, die Kritik und die kapitalistischen
Kunstinstitutionen so gerne teilen, doch ist das eine Kreativität
ohne Widerstand. Es braucht kein Ghetto der Kunst, vielmehr muss die
Kunst durch die Politik und die Politik durch die Kunst kontaminiert
werden! In seinem Versuch eine visionäre politische Ökonomie zu
formulieren, erkundet Jonathan L. Beller ebenfalls den Prozess der
Abstraktion und Entleerung. Er verbindet die wachsende Abstraktion
des „Mediums“ Geld im Kapitalismus mit Abstraktionsvorgängen im
Feld zeitgenössischer Kunst, Kultur und Theorie. Mit Bezugnahme auf
Beller würde ich sagen, dass wir uns heute gar nicht so sehr mit der
Abstraktion unserer Sinne konfrontiert sehen (das war ein typisches
Phänomen der Moderne), sondern mit der absoluten Versinnlichung der
Abstraktion, das heißt mit der absoluten Versinnlichung der
gegenwärtigen neoliberalen Leere im globalen Kapitalismus. Das ist
eine neue Wendung in der Genealogie der kapitalistischen Abstraktion,
Entleerung und Entfremdung, die nicht auf die alte Art und Weise
behandelt werden kann, und nicht in dem Sinne, was Adorno als
Entfremdung unserer Sinne beschrieben hat.
DER GEGENWÄRTIGE ZUSTAND IST DAS GEGENTEIL DAVON. Dieser ist von der
totalen Versinnlichung der kapitalistischen Prozesse der Leere
gekennzeichnet und durch das Aufdecken total formalisierter Werte,
die vollends jedweden Inhalts im „historischen“ Sinne entleert
werden. Das lässt sich an der plötzlichen Popularität des Satzes
aus Herman Melville´s Bartleby zeigen: „I would prefer not to do
it.“ Dieser Satz, der in Melville´s Kurzgeschichte „Bartleby the
Scrivener: A Story of Wall Street“ (1853) als eine Geste der
Verweigerung auftaucht, ist heute paradigmatisch geworden und
innerhalb der Philosophie wird der Satz als jene Geste behandelt die
den einzig möglichen Rückzugs aus dem kontaminierten globalen
Kapitalismus beinhaltet. Nicht einfach NEIN zu sagen, sondern es im
Stile Bartlebys vorzuziehen, nicht nein zu sagen, ist nicht so sehr
die Verweigerung jedweden spezifischen Inhalts als es bloß eine
formale Geste der Verweigerung darstellt.
DOCH IN WELCHEN RÄUMEN UND AUS WELCHEN GRÜNDEN KÖNNEN WIR DIE
VERWEIGERUNG BLOSS ALS FORMALE GESTE SPIELEN? Zwei Kunstfilme, die
keine gewöhnlichen Hollywood- Blockbuster sind, vermögen die
Versinnlichung der Abstraktion gut zu illustrieren. Der eine Film
ist „Lost in Translation“ (2003) von Sofia Coppola und der
andere „Broken Flowers“ (2005) von Jim Jarmusch. In beiden Filmen
erreicht das Bild der weißen, kapitalistischen Leere, der Hohlheit
und des Desinteresse an jeder Art von politischen Engagement, Politik
oder Aktion, seinen Höhepunkt. Die weiße Art (in beiden Filmen von
Bill Murray dargestellt) ist einzig und allein damit beschäftigt die
eigene Hohlheit auf das Niveau einer sinnlichen Freude zu erhöhen,
wozu die Zweite und Dritte Welt nicht „fähig“ wäre dies zu
erreichen. In diesem Vorgang können wir wiederum Agambens Genealogie
des Menschen vom Tier zum Snob beobachten. In Anlehnung an Nato
Thompson kann ich nur bestätigen, dass Entfremdung zu einer
Triebkraft der zeitgenössischen Kulturindustrie geworden ist. Kapital
und Identität, Entfremdung und neoliberale Demokratie gehen Hand in
Hand. Diese Umkehrung von der Entfremdung zur Versinnlichung ist ein
Symptom des neoliberalen demokratischen Prozesses in seiner
historischen Gestalt und führt Entfremdung als Teil des Big Business
innerhalb der Kulturindustrie vor. Agamben – und damit folgt er
Heidegger - findet in der Langeweile, die Beziehung zwischen der
Langeweile des Menschen und der Gefangenschaft des Tieres. In beiden
Fällen werden Mensch oder Tier im Ungewissen belassen. Der Mensch ist
bloß ein Tier, das gelernt hat gelangweilt zu sein. ABER WER HAT DIE
ZEIT UM SICH ZU LANGWEILEN?
Marina Gržinić
Übersetzung: Leo Kühberger
Marina Gržinić wurde 1958 in Rijeka, Kroatien geboren. Sie ist
Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien und forscht
am Institut für Philosophie (ZRC-SAZU) in Ljubljana. Gr_ini_ arbeitet
als Kuratorin, Kritikerin und Autorin und ist seit 1982 im Bereich
Videokunst tätig. Sie lebt und arbeitet in Wien und Ljubljana. Mensch
und das Tier, Frankfurt/Main 2003.
More information about the echo
mailing list