[echo] Über Gleichmacher und Abstiegsängste
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Nov 5 13:14:42 CET 2007
Politisches Feuilleton, Deutschland Radio Kultur, 5.11.2007
Abschied von der Moderne?
Über Gleichmacher und Abstiegsängste
Von Ulf Poschardt
Die Deutschen sind das Volk der Kleingärtner. Der Schrebergarten ist
der Gegenentwurf zu den Parks europäischer Städte und Metropolen. Der
Schrebergärtner hat seine kleine Bank, sein kleines Häuschen, den
kleinen Grill und die große Fahne. Er liebt Hecken, und weil jeder
Deutsche im Zweifel einen Schrebergarten oder einen kleinen Vorgarten
oder aber einen Baum vor seiner Mietskaserne hat, den er selbst mit
einem kleinen Meerschweinchenzaun umzäunt und einem kleinen Schild
auf dem zu lesen ist: "Dies ist kein Hundeklo".
Das kollektivistisch-egalitäre Deutschland huldigt heimlich einem
monotonen Schrebergärtner-Individualismus. Es ist ein scheußlicher
Planet, der dort entsteht, weil er sich unter den Herausforderungen
des öffentlichen Raums hinwegduckt. Stil ist keine Geldfrage, es ist
eine Frage von Haltung. Wer Formwillen zum Luxus erklärt, verkennt
die Realitäten. Das im eigentlichen Wortsinne "Ungebildete" der
Mittelschicht ist eine unverzeihliche Schlamperei.
Kurt Beck, der SPD-Vorsitzende, trägt Flecht-Slipper. Seine Frisur
stammt aus jener Zeit, als sich die Interessen der SPD noch mit den
Interessen des Landes deckten. Beck sieht aus nach bequemem
Mittelmaß. Gemütlich.
Egalitäre lieben ihn, weil er niemanden herausfordert, weil er mit
seinem Look alle beruhigt. Er gibt den Menschen das Gefühl, dass sie
nur den Kopf in den Sand stecken müssen, um den Härten des
globalisierten Wettkampfes zu entrinnen.
Die Stillosigkeit der gebildeten Mittelschicht, ob sie nun SPD wählt,
Grün oder Union, ist das Kainsmal mangelnden gesellschaftlichen
Ehrgeizes sowie einer Verachtung der Öffentlichkeit gegenüber. Es ist
eine Wurschtigkeit, die als Neobiedermeier die Abkehr jener
Mitverantwortung für die Zivilisiertheit des öffentlichen Raumes
bedeutet.
Die Welt der linkskonservativen, neudeutschen Egalitaristen ist eine
kraftlose, sich selbst kompromittierende Vorstellung von der
perfekten Welt. Sie ist eine Mischung aus Ikea-Katalog und
Kirchentag. Ein mediokrer Brei. Karl-Heinz Bohrer spricht von der
"öffentlichen Formlosigkeit", die sich überall ausbreitet.
Der Selbsthass der Linken hat auch mit ihrer Verlorenheit im
Zeitgeist zu tun. Die Geschwindigkeit des Kapitalismus, der stetige
Innovations- und Modedrang wachsender Märkte, die ständig angemahnte
Höchstqualifizierung seiner Verantwortungs- und Leistungseliten
fördert eine Verfeinerung der Lebenstechnik, die in Geschwindigkeit
und Breite anstrengend ist. Die Egalitären sind diesem Druck nicht
gewachsen und wollen sich diesem nicht aussetzen.
Die sprachmächtigen Egalitären verteidigen die Wohlstands- und
Wohlfühloasen des Rheinischen Kapitalismus. Der Neid und seine Feier
sorgen dafür, dass jedes Nicht-Egalitäre denunziert werden kann. Die
SPD hat mit ihrem Hamburger Parteitag dem Neid neue politische
Relevanz gegeben. Die Umverteilung wird als Hauptaufgabe
sozialdemokratischer Politik betont: Leistungsträger werden zu
Melkkühen degradiert, der sozial Schwache wird idealisiert.
Die SPD wird damit Partei der Abstiegsängste und ist nicht mehr
Partei der Aufstiegswilligen. Das Gerede von der "gefühlten
Gerechtigkeitslücke" ist eine Drohung für all jene, die das egalitäre
Legoland mit Format und Größe herausfordern. Neid ist das Gegenteil
von Ehrgeiz. Neid ist anspruchsloser als Ehrgeiz.
Viele Menschen haben Angst. Sie haben Angst erwachsen zu werden.
Diese Menschen sind vor allem, aber nicht nur in der unteren
Mittelschicht zu finden: Sie haben Angst vor dem Absturz. Sie sehnen
sich in die Kinderstuben zurück. Sie ziehen sich an wie Kinder.
Hormonell haben Mann und Frau "gleich gezogen" wie Harald Schmidt
dies einmal so boshaft bemerkt hat.
In diesen Familien wird das Egalitätsprinzip universell: Es reißt
geschlechts- und altersspezifische Differenzen ein, das
deprimierendste Phänomen jener alltäglichen Selbstverhöhnung: Die
japanischen und koreanischen Kleinwagen, die knallgrünen Polos und
Gebraucht-Golfs werden zugestopft mit Plüschtieren und Wackeldackeln.
In den Autos sitzen verbitterte Föhnfrisuren mit abgekauten
Fingernägeln und verängstige Langsamfahrer, die sich nach jedem
Tempolimit sehnen. Sie werben um Milde. Sie machen sich klein. Sie
sehnen sich nach dem Kinderzimmer. In einem Park haben sie Angst. Der
Schrebergarten hat das Format eines Kinderzimmers. Kurt Beck ist ihr
Vorsitzender. Er hat keine Kanten.
Ulf Poschardt, Chefredakteur "Vanity Fair" Deutschland.
Dr. Ulf Poschardt wurde 1967 in Nürnberg geboren. Nach seinem
Journalismus-Studium in München sorgte 1995 die Buchveröffentlichung
seiner Doktorarbeit "DJ-Culture" für internationales Aufsehen. Seine
Karriere im Journalismus begann Poschardt bei der 'Vogue'. Er schrieb
für den 'Spiegel', war Chefredakteur des Magazins der 'Süddeutschen
Zeitung' und wechselte schließlich zur 'Welt am Sonntag', wo er als
Mitglied der Chefredaktion bis 2005 tätig war.
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