[echo] IM MATERIELLEN = Alles außer Geld
Joerg Stange
metasynapse at web.de
Sat Nov 17 23:55:50 CET 2007
Mal zwischendurch=
das mit dem, "Viertel aller Künstler kann von ihren Werken leben", ist
wohl kosmetistisches Material . Denn viele Künstler "lügen sich
zwangsläufig in die eigene Tasche" bzw. täuschen unter dem
>projektionalen Zwang< das (Jahres)-Mindesteinkommen in Höhe von 3900,-
Euro erreichen zu müssen, diese Einkünfte vor, aus notwendig
überlebenstaktischen Gründen, um in die gesundheitlich versorgerische
Situation zu gelangen, in der KSK aufgenommen und damit überhaupt auch
mal krankenversichert zu sein.
Wenn die KSK-Verträge als statistische Grundlage dienen, stimmt es so
nur trügerisch, denn die Daten sind aus oben genannten Gründen definitiv
unzuverlässig und deshalb stark in Zweifel zu ziehen. Die Wirklichkeit
sieht schlimmer aus, als diese Zahlen und der Spiegel-Text es diskursiv
anzeigen. Immerhin oszilliert der "andere Kapitalbegriff" durch -aber
"Kippi,s Miete, Strom, Gas" etc. lässt sich davon auch nicht bezahlen.
Mit mehr "re:animierter Solidarität" wäre da möglicherweise was machbar:
Das alte Lied: "Alle Kulturschaffenden, verweigern sich der
Öffentlichkeit (mal länger, mal kürzer), wie die Logführer und bilden
eine "Non-Lobby-Log-Stiftung" die "reicheren Künstler" und Sammler
(haha) finanzieren die Lücke(n)" etc.pp
. ne mal im Ernst! = Andere Vorschläge?
Gruß
Jörg
KulturSPIEGEL 11/2007 - 29. Oktober 2007
URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,514309,00.html
IM MATERIELLEN
Alles außer Geld
Von Ilka Kreutzträger
Nur ein Viertel der Künstler kann von ihren Werken leben. Trotzdem hat
die Kulturbranche keine Nachwuchssorgen. Warum eigentlich nicht?
Wer am Theater arbeitet, kann sich bewundernder Blicke sicher sein.
Nicht für die Leistung auf oder hinter der Bühne, sondern allein für die
Tatsache, am Theater zu sein. Ebenso wie jemand mit einer erlesenen,
langen Bücherwand in einem Wohnzimmer ohne Fernseher von Besuchern erst
mal ein anerkennendes Nicken geschenkt bekommt. Denn wer sich mit Kultur
umgibt, der gehört zu einer glamourösen, illustren Welt. Jedenfalls
theoretisch.
Arbeiten in der Kulturbranche: Der Lohn ist Respekt und Bewunderung
Illustration: Eva Muggenthaler
Arbeiten in der Kulturbranche: Der Lohn ist Respekt und Bewunderung
Wer sicheres Geld verdienen möchte, sollte sich von dieser Branche
möglichst fernhalten. Freischaffende Maler, Schriftsteller, Tänzer,
Sänger, Schauspieler haben laut Künstlersozialkasse im vergangenen Jahr
durchschnittlich rund 900 Euro im Monat verdient. Nur ein winziger
Bruchteil der Künstler schafft einen Durchbruch wie der Leipziger Maler
Neo Rauch oder die Schauspielerin Fritzi Haberlandt. Im Jahr 2006 haben
der Deutsche Kulturrat, die Universität Bonn und die Gewerkschaft Ver.di
eine Studie vorgelegt, nach der zum Beispiel gerade mal 27 Prozent der
bildenden Künstler von ihren Werken leben können. Die ersten Rufe nach
einem Mindestlohn für Kulturschaffende gab es bereits, ein Indiz für die
überwiegend misslichen Arbeitsverhältnisse.
Abhalten lässt sich jedoch kaum jemand, sein Glück in Museen, Theatern
und Konzertsälen zu suchen, für einen kleinen Lohn bei einer
Filmproduktion Überstunden zu machen, unentgeltlich Wände von Galerien
für die nächste Ausstellung zu weißen oder beispielsweise für 600 Euro
im Monat ein Volontariat im Museum zu absolvieren - und das häufig mit
abgeschlossenem Studium in der Tasche und obwohl der Deutsche
Museumsbund für ein Volontariat einen Monatslohn von 1408 Euro
empfiehlt. "Wir sind die Branche, die am meisten wächst, aber mit
prekären Beschäftigungsverhältnissen", sagt Olaf Zimmermann,
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, über die Kulturschaffenden. Zu
viele drängen auf den Markt, die Bezahlung gehe immer weiter nach unten,
und die ohnehin schon schlecht Entlohnten ließen sich immer weiter
herunterhandeln, weil sonst ein anderer ihren Job übernehmen würde.
"Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Menschen nicht mehr von
ihrer Arbeit leben können", sagt Zimmermann.
In einem Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Mindestlohn in
Deutschland heißt es, dass knapp 24 Prozent der Vollzeitangestellten im
Bereich Kultur, Sport und Unterhaltung zu Niedriglöhnen arbeiten, also
weniger als 1700 Euro brutto im Monat verdienen. Der
Durchschnittsdeutsche verdient 2700 Euro brutto im Monat. In der
Gastronomie liegen mehr als 70 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen,
in der Metallindustrie nur 3,4 Prozent.
Die Forderung nach einem Mindestlohn in der Kulturbranche scheint nicht
abwegig, auch wenn es für eine derart vielfältige Branche individuellere
Lösungen als eine pauschale Lohnuntergrenze geben müsse, sagt Heinrich
Bleicher-Nagelsmann, Bundesgeschäftsführer des Verbands deutscher
Schriftsteller. Es wollen einfach zu viele im Kulturbereich arbeiten,
die sich dann gegenseitig auf den Füßen stehen. Sie wollen rein in eine
Branche, die ihnen gesellschaftliche Anerkennung und schlechte Bezahlung
zugleich verspricht.
MEHR AUS DEM NEUEN KULTURSPIEGEL
Diese schizophrene Werteverteilung prägt den Kulturbetrieb, was vor
allem in der Popmusikbranche und der Filmindustrie deutlich wird.
Einerseits werden Musiker und Schauspieler bewundert, bejubelt,
beneidet, andererseits scheint ihre Arbeit den Fans wenig wert zu sein.
Warum sonst ziehen die Menschen sich Raubkopien von Alben jener Musiker,
die sie großartig finden? Die Künstler sollen begeisternde Kunst machen,
aber Geld soll es bitte nicht kosten.
Berlin Mitte ist von einer vitalen Künstlerszene geprägt, von Malern,
Schriftstellern, Musikern, die für ihre Berufung leben. Von ihrer
Berufung kann allerdings ein Drittel der Kulturschaffenden nicht leben,
nicht einmal das Existenzminimum ist drin. Schauspieler trifft es noch
ärger: Für 85 Prozent reichen die Gagen nicht aus.
Durchschnittsverdienst einer Schauspielerin: 725 Euro im Monat. Künstler
und Kulturschaffende halten sich durch die Unterstützung der Familie,
durch Stipendien, befristete Werkverträge, Preisgelder oder Nebenjobs
über Wasser. Eine Art Kombilohn, wenn man so will. Geringer Lohn plus
private Subventionierung, Hartz IV oder einem Zweitjob als
Klavierlehrer, Kartenabreißerin im Kino, T-Shirt-Bedrucker, Stadtführer
in historischem Kostüm inklusive Schauspieleinlagen oder als
Kulissenschieberin und Putzfrau im Theater.
Was die Arbeit der Kulturschaffenden von anderen Berufsgruppen
unterscheidet, ist nicht nur die vage Möglichkeit des schnellen
Aufstiegs, des potentiellen Ruhms und Glamours, sondern vielmehr der
traditionell niedrige Verdienst. Viele Kulturschaffende sind zwar
Selbständige, waren aber als solche lange nicht anerkannt. Sie waren
weder kranken- noch rentenversichert und fielen durchs soziale Netz, zu
gering ihr Verdienst. Um ihnen ein gewisses Maß an sozialer Absicherung
zu gewähren, wurde 1983 die Künstlersozialkasse gegründet, ein in Europa
einmaliges Modell. Wort, bildende Kunst, Musik, darstellende Kunst - wer
in einem dieser Bereiche auf Dauer seinen Lebensunterhalt verdient, kann
sich heute wirtschaftlich absichern. 3900 Euro Jahreseinkommen ist die
absolute Untergrenze, die ein Kreativer verdienen muss, um in
Deutschland ein staatlich anerkannter und versicherter Künstler zu sein.
Nach oben sind natürlich keine Grenzen gesetzt.
Wer in der Bar des Theaters Bier oder Rotwein verkauft, ist auch schon
irgendwie in der Branche tätig.
Vom monatlichen Verdienst zahlen die versicherten Künstler Beiträge,
ähnlich denen der Arbeitnehmer - die andere Hälfte teilen sich die
sogenannten Verwerter wie Galerien oder Verlage und der Staat. Gibt ein
Bildhauer an, die Untergrenze von 325 Euro monatlich zu verdienen, dann
zahlt er um die 65 Euro und ist damit renten-, kranken- und
pflegeversichert. Zum Vergleich: Für alle anderen gesetzlich
versicherten Selbständigen, die wenig verdienen, wird von einer fiktiven
Mindesteinnahme von 1840 Euro ausgegangen, die als Grundlage für die
Berechnung des Krankenkassenbeitrags angenommen wird. Wer nicht
mindestens diese 1840 Euro verdient, kann von der Selbständigkeit nicht
leben. Richtig. Aber für Künstler gelten eben andere Regeln.
Wenn ein Übersetzer im Monat 1000 Euro verdiene, sei das natürlich
absolut unangemessen, und daher werde derzeit über Möglichkeiten
verhandelt, diese Misere zu beenden, sagt Bleicher-Nagelsmann,
Ver.di-Bereichsleiter Kunst und Kultur. Aber wäre das Künstlerdasein nur
ein einziger finanzieller Engpass mit der vagen Chance auf den großen
Durchbruch, wäre die Zahl der freischaffenden Künstler, die bei der
Künstlersozialkasse gemeldet sind, in den vergangenen 15 Jahren nicht
von 58 460 auf über 152 000 angewachsen.
Was macht also den Beruf des Künstlers wirklich so attraktiv, was wiegt
das Krebsen am Existenzminimum denn eigentlich auf? Der französische
Soziologe Pierre Bourdieu nennt es ein Mehr an kulturellem und sozialem
Kapital. Ein Dazugehören zu einer illustren Gruppe. "Ich bin Maler"
klingt deutlich glamouröser als "ich bin Sachbearbeiter".
Um dabei sein zu können, muss, ganz pragmatisch, die Tür zur
Künstlerwelt aufgestoßen werden. Wer zu Hause als Illustratorin arbeitet
und nebenbei in einem Kinderbuchverlag an der Rezeption sitzt, hat die
Möglichkeit, einflussreiche Freunde oder Förderer kennenzulernen, in die
wichtigen Kreise hineinzukommen, vielversprechende
Zufallsbekanntschaften in feste Beziehungen zu verwandeln und im rechten
Moment die eigenen Illustrationen über den richtigen Tisch zu schieben.
Wer in der Bar des Theaters jahrelang Bier und Rotwein verkauft, ist
auch schon irgendwie in der Branche tätig, das strahlt ab, und man hat
zudem jeden Abend aufs Neue die Chance, entdeckt zu werden. Das ist zwar
nicht sehr wahrscheinlich, aber auch der Chansonnier und Schauspieler
Tim Fischer hat jahrelang im Theater gekellnert und kann heute von
seiner Kunst leben. In der Kulturbranche hängt vieles von Zufällen und
forcierten Zufällen ab. Wer einmal raus ist, dem verschließen sich
schnell die Türen, darum nehmen viele die geringen Löhne in Kauf. So
veröffentlichen Comic-Zeichner ihre Zeichnungen schon mal umsonst oder
verkaufen Maler ihre Bilder so günstig, dass sie davon nicht mal ihren
Atelierplatz finanzieren können.
Der Weg raus aus der Kulturbranche wäre für viele gleichbedeutend mit
dem Weg raus aus der finanziellen Not. Aber ohne die Kunst wäre auch der
zweite Nebenverdienst weg: die bewundernde Aufmerksamkeit. Der Applaus
nach dem Konzert, der Respekt für das Vorhaben, einen Roman zu
schreiben, der Genuss, bei der Vernissage im Mittelpunkt zu strahlen -
auch wenn nur 20 Freunde vor der Bühne stehen, das Manuskript noch
keinen Verlag hat und die Vernissage in einer Arztpraxis stattfindet.
Geld ist eine Währung. Die andere Währung heißt Aufmerksamkeit und ist
in der narzisstischen Gesellschaft mindestens so wichtig wie der Euro.
Und wo sonst, wenn nicht in der künstlerischen und alltagsfernen
Kulturbranche, wird mit so viel Respekt, Aufmerksamkeit und Jubel
bezahlt? Diese Aufmerksamkeit scheint das Künstler-Ego mehr zu
befriedigen als ein geregeltes Einkommen.
Ist die Bezahlung in dieser immateriellen Währung also so gut, dass eine
Jazzsängerin monatelang komponiert, probt und sich dann ins Studio
stellt, um vom Label 6000 Euro pauschal für ihr Album zu bekommen, wovon
sie noch die Produktionskosten bezahlen muss? Nein, dafür reicht selbst
der erwartete Jubel als Lohn nicht aus. Dafür muss in einer dritten
Währung bezahlt werden: der Selbstverwirklichung. "Die künstlerische
Selbstverwirklichung und die Arbeit ohne feste Strukturen ist für viele
Künstler wichtiger als der monatliche Verdienst", sagt Bleicher-Nagelsmann.
Kultur ist kein Handelsgut wie jedes andere. Denn wer sich als Künstler
versteht, der macht nicht nur einfach einen Job, der erfüllt einen
psychologischen Auftrag: seinem Leben einen sichtbaren und nachhaltigen
Sinn zu geben. Die eigenen Phantasien zu einem Kulturgut zu machen. Wenn
die staatliche Kulturförderung von einem auf den anderen Tag enden
würde, würde es Galerien und Theater sicherlich weiterhin geben, weil
die Arbeit hier mehr bedeutet als der Job für die monatliche Miete. Hier
geht es um etwas Größeres, um etwas, das über den Einzelnen
hinausreicht: um die Unsterblichkeit. Ein Spitzenverdienst für die
Künstlerseele.
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