Re: [echo] Wie Hamburg die Kunst dem wirtschaftlichen Kalkül opfert... oder: Wozu Kunst?
Ute Klapschuweit
UteKlapschu at web.de
Sat Nov 24 14:29:58 CET 2007
Tatsächlich reicht es offenbar nicht mehr der Anziehungskraft der Kunst zu vertrauen. 20 Besucher am Tag reichen nicht. um so einen Betrieb am laufen zu halten. Wenn sie uns erhalten bleiben sollen, bleibt den Museen wohl nichts anderes übrig, als sich der Marketingstrategien der Wirtschaft zu bedienen. Das heißt ja darum nicht, daß man die Kunst dem wirtschaftlichen Kalkül opfert. Übrigens gilt diese Befürchtung mehr für die Kunst der Gegenwart, als Caspar David Friedrichs.
> -----Ursprüngliche Nachricht-----
> Von: "Barbara Lang" <barbara-lang at nexgo.de>
> Gesendet: 23.11.07 12:50:23
> An: <echo at soundwarez.org>
> Betreff: [echo] Wie Hamburg die Kunst dem wirtschaftlichen Kalkül opfert... oder: Wozu Kunst?
>
>
> Marketinggenie C. D. Friedrich
>
> Wie Hamburg die Kunst dem wirtschaftlichen Kalkül opfert.
> Von Hanno Rauterberg
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> Gerade wird Caspar David Friedrich zum obersten Meister der Wertschöpfung erkoren. Gepriesen sei er, der Held der Umwegrentabilität! In den höchsten Tönen lobt ihn eine Broschüre, die derzeit von der Hamburger Kunsthalle verteilt wird. Am Beispiel ihrer Friedrich-Ausstellung, die bis zum Januar dieses Jahres zu sehen war, weist sie nach, wie wunderbar sich »Kultur als Wirtschafts- und Imagefaktor« eignet. Der romantische Maler als Avantgardist von Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing. Kein Manager könnte umhin, ihn gleich in sein Herz zu schließen.
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> Die Broschüre ist bunt und peppig â doch für die Kunsthalle in Wahrheit ein Zeugnis der Selbstaufgabe. Denn wofür brauchen wir Museen überhaupt? Sind sie ohne Sinn und Nutzen, wenn sie nichts als Geld verschlingen und keine Rendite abwerfen? Das ist die traurige Logik der Broschüre, in der es lang und breit nur darum geht, der Kunst und den Museen doch noch einen ökonomischen Nutzen nachzuweisen.
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> »Lohnt es sich für alle Beteiligten, in Kultur â speziell: in große Ausstellungen â zu investieren?« â Um diese Frage geht es.
> Der CEO der Kunsthalle, Hubertus Gaßner (einst Direktor genannt), hat auch gleich eine Antwort parat. Großausstellungen schaffen Anziehungspunkte für die »creative class«, so formuliert er das. Außerdem wurden allein durch die Friedrich-Schau »8,4 Millionen € an zusätzlichen Einnahmen für den Stadtstaat generiert«.
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> Die Zahlen verdanken sich der Erhebung eines Bremer Instituts, das vorrechnet, wie dank C. D. Friedrich »das Regionaleinkommen durch fiskalische Einnahmen gesteigert« wurde, die Übernachtungszahlen in die Höhe schossen und überhaupt der Imageeffekt für Hamburg nicht schöner hätte ausfallen können. Unabdingbar sei dafür allerdings, dass Ausstellungen möglichst »erlebnisorientiert« ausgerichtet würden.
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> Man könnte das als Verirrung eines Direktors abtun, der mehr an die Macht der Werbung als an die Macht der Bilder glaubt â wären da nicht die Kunst und die Kunsterfahrung, die in dem grotesken Rentabilitätsgetöse unterzugehen drohen. Besonders bizarr ist es, ausgerechnet Friedrich zum Marktmaskottchen zu erklären. Denn namentlich die Maler und Schriftsteller der Romantik waren entschiedene Feinde einer Welt, die den Profit zum Götzen machte. Sie arbeiteten an einer Kunst, die aus sich heraus wertvoll sein wollte und höchstens auf eine nutzlose Weise nutzbringend. Wenn irgendein romantisches Erbe bis heute gilt, dann ist es dieses: Kunst darf jede Image- und Verwertungslogik verraten, und oft macht sogar der Verrat ihren eigentlichen Wert aus.
> Gerade unsere Gegenwart, die dazu neigt, alles dem wirtschaftlichen Kalkül zu opfern, müsste diesen Verrat als humane Ressource schätzen â und nicht ihrerseits wieder an die Ökonomie verraten.
> DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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