[echo] Wir sind mal anders

Kulturkasse credo at kulturkasse.de
Thu Oct 18 19:32:34 CEST 2007


Hallo Renate,

mein Satz "Was anderes wäre Politik, wenn sie nicht Gelder verteilte -
und zwar
entsprechend ihrer Interessen?!" meint ja nicht nur Berufspolitiker. Ich
gehe immer davon aus, dass jede/r in seinem Denken und Handeln ein
politisches Wesen ist. Mich interessiert die Frage, wie das eingebracht
werden kann und eingebracht wird.
Abgesehen davon gestehe ich die von Dir angesprochene Allmacht
selbstredend niemandem zu - realiter aber herrscht derzeit eine solche
Mentalität, gegen die viele aufbegehren - die meisten jedoch nicht ...
Solche Strukturen findet man übrigends nicht alleine in öffentlichen
Einrichtungen. Zu oft driften anders angetretene Vereinigungen in exakt
die gleichen Muster ab, die der Anlass waren, sich zu vereinigen ...

Ich stimme Dir darin zu, dass neben der Artenvielfalt auch die
Kulturvielfalt ein politisches Ziel sein sollte - und wiederum: Einige
arbeiten ja daran!

Beste Grüße
Georg

renate schrieb:
> Hallo Liste,
> wenn ich hier mein vielleicht naives Politikverständnis mal zum besten
> geben möchte, dann nur deshalb, weil ich bei einer bestimmten
> Argumentation im Moment immer verständnislos zurückbleibe.
> Wenn Staat Geld ausgibt, dann kann das nur sehr bedingt so begründet
> werden, dass:
>
> Zitat Georg:
>
>> Kritikpunkte an solchen Projekten, die sich teilweise (oft gänzlich)
>> über die Politik finanzieren (das betrifft sowohl die IBA als auch das
>> derzeitige WirSindWoanders#2-Festival und viele weitere), sind
>> offenkundig.
>> Was anderes wäre Politik, wenn sie nicht Gelder verteilte - und zwar
>> entsprechend ihrer Interessen?!
>
> Es ist natürlich klar, dass Politiker gerne eine solche Allmacht über
> ihre Entscheidungsbefugnis beanspruchen, problematisch wird es doch
> aber an dem Punkt, wo ihnen diese Allmacht auch noch zugestanden wird.
> Denn damit verlieren sämtliche Bereiche staatlichen Eigentums z.B.:
> Büchereien, Schulen, Unis, Kultur u.s.w. ihre Daseinsberechtigung.
> Also wenn die staatliche Uni auf eine Institution zusammengestrichen
> wird, an der nur noch eine Meinung und zwar die, die sich angeblich
> als erfolgreich durchgesetzt hat, herrschen kann - damit alle Kritik,
> alles was sich in Opposition befindet, vor die Tür gesetzt wird - dann
> verliert eine von Staatsgeldern getragene Universität eh ihre
> Legitimation. Und dann kann auch privatisiert werden, also genau das,
> was die Politik im Moment so gerne machen möchte.
> Kultur genauso: Wenn die Regierung nur noch das unterstützt, was sie
> als Talent zulässt, dann sollte die Frage nicht danach gehen, wie kann
> man sich am besten als Talent verkleiden, um doch noch etwas Geld
> abzubekommen, sondern wie kann man Gelder einfordern, um eben auch in
> diesem Bereich verschiedene Meinungen und Interessen existent zu
> behalten.
> Am Ende bleibt ja nur noch die Fragen: Wie totalitär ist dieser Staat
> schon (oder schon wieder) und wie kann am effektivsten eingefordert
> werden, dass Räume bestehen müssen, die außerhalb von Talent- und
> Kreativstadt eigene Wohn- und Arbeitszusammenhänge beanspruchen? Wie
> weit wird dieses Fordern von wem als illegitim hingestellt und wie
> kann man da dann reagieren?
>
> Hoffentlich macht das alles Sinn an dieser Stelle, es ist auch kein
> direkter Kommentar zu der IBA Geschichte, da ich darüber sehr wenig weiß,
> mit vielen Grüßen
> Renate Wieser
>
>
> On Oct 18, 2007, at 9:50 AM, Móka Farkas wrote:
>
>> Lieber jon,
>>
>> Dein mail ist richtig.
>> Auch wir haben diese punkte unter uns monate lang diskutiert und sind
>> wir
>> darüber im klaren. Es ist uns bewußt, dass die außenansicht des
>> festivals
>> formal konform ist (grußworte, pressekonferenzen, plakatierung, werbung
>> etc.)
>> Es war letztendlich eine andere überlegung bei uns, die überhand
>> genommen
>> hat.
>>
>> Wir - damit meine ich ausdrücklich die räume, die aufgrund privater
>> engagement kunst darbieten - können noch weiterhin jahrelang mit
>> minimalsten
>> mitteln und teilweise auf kosten der künstlerschaft in versenkung unsere
>> räume betreiben.
>>
>> Man hat sich jedoch deswegen für diese formale anpassung entschieden, um
>> eine diskussion auf der höheren politischen ebene zu ermöglichen.
>> Also eher eine art strategie, oder tarnung.
>>
>> Inhaltlich hatten wir keinerlei übernahmeversuche - auch keine
>> interesse von
>> oben - erfahren. Dies nutzen wir.
>>
>> Ob all dies aufgeht, werden wir nach unserem politikergespräch am 15.11.
>> Erfahren.
>>
>> Zum programmheft sei angemerkt, dass es dort auch die seite 5 (editorial
>> neben der kultursenatorin) und die doppelseite 6 & 7 (manifest) gibt,
>> die -
>> wenn auch in einer höflichen tonlage - die bestrebungen darlegt.
>>
>> Wie gesagt, mal schauen, ob es aufgeht, ansonsten probiert man es in der
>> zukunft auf eine andere weise.
>>
>> grüsse: móka
>>
>> PS: gibt es denn überhaupt ernstzunehmende kunst-festivals, die nicht
>> über
>> politik betrieben werden?
>>
>> Am 18.10.2007 0:40 Uhr schrieb "jon" unter <info at jonhagen.de>:
>>
>>> Hallo Móka,
>>>
>>> ich will mich in die Diskussion nicht einmischen, las aber gerade
>>> deine Notiz hier, ebenso vor Kurzem
>>> auch euer Programmheft. Schon aufgrund dass sich die Kultursenatorin,
>>> was man auch immer von
>>> ihrem Tun im Allgemeinen halten soll - wobei ich mir da durchaus
>>> sicher bin - auf der 3. Seite einführend
>>> in das Programm äußern darf, wirft da aber ein gänzlich anderes Bild
>>> als die (politische) "Förderungsfreiheit",
>>> was auch immer dieser ( ) Begriff meinen soll.
>>>
>>> Weiter hinter im Heft, ich hatte das erst jetzt gelesen, stehts dann
>>> ja aber auch genau so:
>>>
>>> "Unser Dank gilt allen, (..) Dies sind an erster Stelle (...)
>>> Kultursenatorin Prof. Dr. Karin von Welck,
>>> die sich für die Akquise dieser Mittel eingesetzt hat und Antje
>>> Mittelberg, Referatsleiterin in der
>>> Kulturbehörde im steten, unermüdlichen Einsatz für die freie
>>> Hamburger Kunstszene."
>>> (...)
>>>
>>> Ich will das hier nicht bewerten und es ist bestimmt eine Frage die
>>> nicht unwichtig ist zu diskutieren
>>> ob oder wie man sich von wem Gelder oder Unterstützung besorgt, oder
>>> besorgen kann und was man dann damit
>>> tatsächlich macht - aber, wie gesagt, die Aussage in eurem Programm
>>> ist ein andere als die die du hier triffst.
>>>
>>> Auch wenn ich dir allemal zugestehen muß, dass ich beide
>>> Veranstaltungen auch nicht "unbedingt" in einen
>>> Topf werfen würde.
>>>
>>> Jon
>>>
>>> Am 17.10.2007 um 23:20 schrieb Móka Farkas:
>>>
>>>> Liebe georg,
>>>>
>>>> Eine kleine berichtigung:
>>>> "Wir sind woanders #2" ist nicht über die politik gefördert worden,
>>>> zumindest nicht mir der absicht, die ureinwohnerschaft aus dem
>>>> stadteil zu
>>>> bekommen.
>>>> Ein einigermaßen großer unterschied so auch kein vergleich, äpfel
>>>> sind keine
>>>> birnen.
>>>>
>>>> LG: moka
>>
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