[echo] Kandidaten für den Kunstpreis stellen sich vor
cornelia sollfrank
cornelia at snafu.de
Mon Sep 17 10:25:38 CEST 2007
taz, 17.09.2007
Römer auf der Flucht
Zurückgezogene, sogar geheimnisvoll entzogene Kunstwerke konkurrieren
um 50.000 Euro: Die Kandidaten für den Kunstpreis stellen sich im
Hamburger Bahnhof in Berlin vor.
HENRIKE THOMSEN
Was ist ein Kunstpreis für junge Künstler anderes als ein
Marketinginstrument, um Aufmerksamkeit für die Kandidaten zu
erzeugen, eine Fanfare, um das Publikum, die Kritiker, Sammler und
Kuratoren auf ihr Werk hinzuweisen? Der britische Turner-Preis wurde
in den 90er-Jahren dazu neu erfunden, mit seinem jährlichen Hype die
Marke "Brit Art" zu stärken. Doch der "Preis der Nationalgalerie für
junge Kunst", der 2000 eigentlich nach dem Vorbild des Turner-Preises
etabliert wurde, steht in guter deutscher Sperrigkeit über diesen
Dingen. Als "Gegenprogramm zum diesjährigen aufgeheizten Kunstsommer"
mit Arbeiten "quer zum marktgerechten Kunstbetrieb" versteht ihn der
Kurator Joachim Jäger. Der Preis sei "nicht laut, aufdringlich und
reißerisch, sondern still, reduziert und nachdenklich". Dass diese
Attribute auf die Arbeiten der vier Kandidaten Ceal Floyer, Jeanne
Faust, Damián Ortega und Tino Seghal zutreffen, mag eine Qualität
ihrer Arbeit ausdrücken - dass die Organisatoren des Preises sich
dieser Philosophie rühmen, ist bitter.
Vier Arbeiten also sind wieder bis zum 4. November im Hamburger
Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst, zu sehen; eine Jury
von vier Museumskuratoren und einem Quotenmann aus dem privaten
Kunstmarkt, gegeben vom Werbeunternehmer und Sammler Christian Boros,
kürt den Gewinner des Preisgeldes von 50.000 Euro. Tatsächlich ähneln
sich die Arbeiten darin, dass sie zurückgezogen, manchmal sogar
geheimnisvoll entzogen wirken. Eher scheinen sie ihre eigenen
Gesetzmäßigkeiten erkunden zu wollen, ihre Wirkungs- und
Entfaltungsmöglichkeiten in einer Welt, die mit bestehenden Diskursen
und kunsthistorischen Erblasten scheinbar voll ist.
Die gebürtige Pakistanerin Ceal Floyer scheint am meisten
zweiflerisch und pessimistisch. Aus schwarzen Lautsprechern
zusammengefügt, drückt sich ihre Treppe in die hinterste Ecke einer
der großen Rieckhallen. Fragil schweben die Stufen vor der Wand und
führen ausweglos unter die Decke. Aber sie sind ohnehin nicht
belastbar durch einen echten Körper, sondern geben die Tritte eines
unsichtbaren Treppensteigers wieder, der wie ein Aufzieh-Gespenst
regelmäßig die ihrerseits vollkommen gleichmäßigen Stufen auf und ab
steigt. Wenig Kitzel, noch weniger Aussicht auf Erkenntnis, eher die
mechanisch wiederkehrende Behauptung, dass da doch irgendetwas fehle,
etwas Menschliches, Geistiges oder Poetisches - aber der Kontakt dazu
scheint abgerissen.
Die aus Wiesbaden stammende Jeanne Faust nimmt das Thema des Verlusts
mit größerem Humor. In ihrem Kurzfilm treffen sich ein offenbar lange
verschollener Vater mit seinem inzwischen erwachsenen Sohn. Doch
obwohl sie endlich reden, kommt es zu keiner Aussprache. Der Vater
entzieht sich den unterschwelligen emotionalen Appellen des Sohnes
und bricht gar in Vogelgezwitscher aus wie in einer sarkastischen
Reverenz an die Sprache des Herzens und der Natur, die ihm gänzlich
abgeht. Der Sohn trillert später selbst wie eine Nachtigall zu dem
Dialog zweier weiterer Männer, die grobe Versatzstücke aus Polizei-
und Gangsterfilmen wiederkäuen. Alle Kommunikation ist hier lakonisch
verfehlt.
Der Mexikaner Damian Ortega, der als Stipendiat des Berliner
Künstlerprogramms zeitgleich eine Ausstellung in der DAAD-Galerie in
der Zimmerstraße hat, kommt von der Skulptur. Für die
Preisausstellung hat er Backsteine in einer Brachlandschaft zu
Schlangenlinien, Spiralen, Kreisen und anderen geometrischen Figuren
arrangiert, nach dem Dominoprinzip ineinander fallen lassen und dabei
gefilmt. Wie Floyers Treppe handelt es sich um eine sehr formale
Arbeit, bezogen auf die Minimal Art und bei Ortega außerdem auf die
Land-Art. Doch auch er stellt den Formalismus, der beide
Kunstrichtungen in den 60ern und 70ern auszeichnete, in Frage. Die
Backsteine purzeln ineinander wie tragikomische Comic-Charaktere und
ihre Stellungen sind von einem chinesischen Traktat über den Krieg
inspiriert - liest man ihre Anordnung wie Soldatenstellungen, lässt
der Anblick an die Römer in "Asterix und Obelix" denken, wie sie
meist erfolglos die richtige Ordnung für Angriff und Flucht üben.
Tino Sehgal stellt wie Jeanne Faust das Gespräch in den Mittelpunkt.
In einem leeren Saal führen Naturwissenschaftler und Philosophen ein
Gespräch über Ökonomie, Identitätskonzepte und speziell über die
Situationisten - eine Gruppe von Künstlern und Theoretikern, deren
revolutionäres Programm Ende der 50er-Jahre ein freies Umherschweifen
(dérive) des von aller Funktionalität befreiten Menschen proklamierte
und deren Erbe heute sowohl im Denken von Giorgio Agamben als auch im
Lebensstil der digitalen Boheme fortwirkt. "Welcome to this
situation!" schallt es dem Besucher entgegen, sobald er den Raum
betritt, und schon weben sich die Gesprächsfäden blitzschnell von
Franz Müntefering zu Heuschrecken, Konservativismus, Faschismus und
den Lehren Buddhas. Historische Zitate des Obersituationisten Guy
Debord, von Max Weber und anderen geben Ausgangspunkte vor, ohne dass
sich ein geordneter, historisch oder akademisch nachvollziehbarer
Austausch der Argumente ergibt, denn die Sprecher kennen die
Zuordnungen zu den Zitatquellen selbst nicht genau. Man weiß nicht,
ob man lachen oder weinen soll, wenn man den Homo academicus auf
diese Weise ausgestellt erlebt: als Quatschmaschine auf Knopfdruck.
Die Versuchsanordnung versucht die überzeitliche Anschlussfähigkeit
des Kunstwerks, seine geistige Qualität jenseits des Handwerks, ganz
direkt zu erzwingen.
Sehgals Arbeit ist die irritierendste, Ortegas die schönste, Floyers
die entzogenste und Fausts die mit der besten Pointe. Am 27.
September entscheidet die Jury.
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