[echo] BOOM!
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Tue Apr 1 09:32:43 CEST 2008
Wir nehmen Ihrer
Zukunft das Zuhause
Sind Häuser am schönsten, wenn sie gesprengt werden? Das Ende des
Münchner Agfa-Hochhauses und eine missglückte Sprengung in der Clip-Kritik.
Von Christian Kortmann
Ich wohne in München-Untergiesing, direkt unter dem sogenannten
Giesinger Berg. Der ist eigentlich nur eine Bodenwelle, denn die Dächer
der hohen Häuser von Untergiesing erreichen das Erdbodenniveau von
Obergiesing. So fügt sich der Panoramablick vom Balkon zu einer
Silhouette mit beinahe einheitlicher Risthöhe: Neben der bei Föhn
sichtbar werdenden Alpenkette wird sie vom Fußballstadion an der
Grünwalder Straße dominiert. Die Betonklötze drumherum sind nicht gerade
Münchens architektonische Highlights und verschwimmen zu einer Masse aus
Grauwerten.
An einem Sonntag im Februar dieses Jahres erfuhr ich abends in den
"Tagesthemen", dass tagsüber einer dieser Grauwert-Klötze gesprengt
worden war: Das Agfa-Hochhaus, dezent-dominant wie ein etwas markanterer
Felsen im Felsenmeer, war vom Mini-Wolken- zum Bodenkratzer verwandelt
worden, und ich hatte es nicht gehört. Da musste ein sehr
rücksichtsvoller Sprengmeister am Werk gewesen sein, der sich eines
besonders schonenden Sprengverfahrens bediente. Sofort überprüfte ich
die Silhouette vor dem Abendhimmel: Tatsächlich, sie stimmte nicht mehr,
erinnerte vielmehr an einen Blick in den Spiegel mit frisch gezogenem
Schneidezahn.
Zu diesem Zeitpunkt gab es bei YouTube längst zahlreiche
Amateuraufnahmen der Agfa-Sprengung. Aus verschiedensten Blickwinkeln
konnte man das Gebäude in den Internetvideos einstürzen sehen. Der
schönste Clip heißt "AGFA Hochhaus München Sprengung". Gelungen ist er
vor allem deshalb, weil er nicht nur den Moment des großen Knalls,
sondern auch das Warten der 15.000 Schaulustigen vor der Sprengung zeigt.
Und zwar im moderat epischen Maß einer Schweigeminute, die nicht
langweilig ist, sondern die Spannung steigert. Selbstverständlich will
man nicht die Stunden des die Beine-in-den-Bauch-Stehens nacherleben,
doch jede Sprengung hat einen logistischen Vorlauf, ohne den sie nicht
komplett dargestellt wäre: die Entscheidung, die Vorbereitung des
entscheidenden Augenblicks und nicht zuletzt die Anreise der Zuschauer.
Das Leben der Anderen
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Komm, wir gehen Atompilze sammeln!
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Das Hauptdarstellerhaus steht vorm münchenblauen Himmel am Horizont - es
überragt die Häuser im Vordergrund sogar aus der Ferne. Die mit Menschen
gefüllte Straße, ihr Murmeln eines ungewissen Countdowns ("Gleich
passiert’s ...") und die Fokussierung aller Blicke auf ein entferntes
Ziel erinnern an das Warten auf einen Raketenstart:
Cape-Canaveral-Atmosphäre in Obergiesing. Im Moment der Explosion reißen
viele der Zuschauer Mobiltelefon- und Digitalkameras hoch, man erkennt
hier die luxuriöse Ausstattung der Bevölkerung mit medialer Hardware,
die die kollektive Gegenwartsdokumentation im Netz ermöglicht.
Die Bilder vom Einsturz des Gebäudes erreichen das Auge einen
Sekundenbruchteil eher als der Schall das Ohr. Am Ende macht die Kamera
einen 360-Grad-Schwenk, der auf der Explosionswolke zur Ruhe kommt:
Unter Begeisterungsrufen der Zuschauer ist streng geordnete Materie zu
Staub geworden.
Im Vergleich zur Dauer der Bauarbeiten geht so etwas verblüffend
schnell. Der Clip "Anatomy of a Building Implosion” zeigt das Vergnügen,
das man an Sprengungsbildern findet, deshalb in Zeitlupe, wie damals
Michelangelo Antonioni, der am Ende von "Zabriskie Point" ein Wohnhaus
in einem Pink-Floyd-Urknall in Atome zerlegte. Solches Rückbauen ist
faszinierender als die fast immer lahmen Einweihungspartys, bei denen es
vor allem darum geht, nichts schmutzig zu machen.
So werden in Las Vegas, wo kurze Zyklen architektonischen Werdens und
Vergehens zum Lebensgefühl gehören, Sprengungen gerne als Volksfest mit
Feuerwerk inszeniert. Im Moment der Implosion feiert der Mensch sich als
Dynamit-Designer, als Schöpfer und Vernichter der Materie. In "Anatomy
of a Building Implosion” wird der Einsturz rückwärts gezeigt, als stünde
sogar solches Reverse Engineering in unserer Macht. Jeder
Sprengungsstaubwolke ist schon der zukunftsgerichtete Spruch
eingeschrieben: Da bauen wir etwas Neues, Besseres hin!
Deshalb darf niemals das geschehen, was der Clip "Failed Building
Implosion” dokumentiert: Ein Gebäude, das nicht fachmännisch
entmaterialisiert, sondern nur ein Stockwerk tiefer gelegt wird, raubt
den Menschen den Glauben an ihre Schaffenskraft. Das schöpferische
Tabula-rasa-Fest gerät zur Lachnummer, vor allem, wenn der
Ereignischarakter seiner Sprengung mit einem Plakat, auf dem "BOOM!"
steht, angekündigt wurde.
Das "Leben der Anderen" kommt nach Hannover: Am Dienstag, dem 25. März
2008, um 20 Uhr stellt Christian Kortmann im Literarischen Salon der
Universität Hannover die besten Internetvideos vor und diskutiert mit
Mathias Mertens über aktuelle Netzphänomene.
Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf
sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen
(sueddeutsche.de/rus)
http://www.sueddeutsche.de/kultur/special/736/89647/index.html/kultur/artikel/344/163883/article.html
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