[echo] Der große Ausverkauf

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Tue Apr 1 10:07:38 CEST 2008



Der große Ausverkauf

Das Unbehagen am Kapitalismus wächst. Nicht einmal Manager vertrauen 
noch dem Markt. Gerät nun das ganze System ins Wanken?

Karl Marx, der störrische Rechthaber, hat es vorhergesehen: Der 
Kapitalismus funktioniert heute genau so, wie er es beschrieben hat. Wo 
immer der große Weltbaumeister hinlangt, bleibt kein Stein auf dem 
anderen. Hier lässt der Kapitalismus Milch und Honig fließen, dort 
schafft er Elend. Hier baut er auf, dort reißt er ab. Nichts bleibt, wie 
es war.

Karl Marx hat noch mehr erkannt: Der Kapitalismus wirbt mit einer 
trügerischen Verheißung. Sie lautet: Folge meinem Gesetz, gehe ein 
Risiko ein, und du wirst reich belohnt. Auch wenn dabei das gute Alte 
auf der Strecke bleibt, so ist die Zerstörung doch schöpferisch, und am 
Ende fällt der Wohlstand den Menschen wie eine reife Frucht in den Schoß.

Man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass es um die kapitalistische 
Verheißung derzeit nicht gut bestellt ist. Der Beinahe-Crash des 
Finanzsystems gibt all jenen recht, für die die unsichtbare Hand des 
Marktes nur deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. Nun ist 
die Ratlosigkeit groß. Noch gestern wollten die ökonomischen Eliten den 
Staat zum Hilfskellner im Kasino-Kapitalismus degradieren; heute rufen 
sie kleinlaut nach seiner helfenden Hand, damit er brav ihre Zeche 
zahlt. In der Tat, niemand anderes als Josef »Victory« Ackermann, Chef 
der Deutschen Bank, hat mit seinem spektakulären Eingeständnis das 
neoliberale Dogma von der Klugheit des Marktes in Trümmer gelegt: »Ich 
glaube nicht allein an die Selbstheilungskräfte der Märkte.«

An die Selbstheilungskräfte des Marktes glauben die in Bochum 
entlassenen Mitarbeiter der Elektrofirma Nokia wohl ebenso wenig wie 
jene Angestellten, die von Henkel, Siemens, Continental oder BMW trotz 
satter Gewinne »abgebaut« werden. Immer länger wird die Liste von 
Unternehmen, die das kapitalistische Urversprechen – »Rendite schafft 
Arbeitsplätze« – nicht mehr einlösen wollen. Oder, aus ihrer Sicht, 
unter dem Druck der Globalisierung gar nicht mehr einlösen können.

Diese Entwicklung ist neu. Bislang galt das goldene Motto, wachsende 
Gewinne produzierten eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen und nach der 
kurzen Nacht der Stagnation folge der strahlende Morgen des Aufschwungs. 
Nichts anderes haben rot-grüne Agenda-Politiker und ihre 
Unternehmensberater dem Wahlvolk ins Ohr posaunt. Man müsse nur den 
Gürtel enger schnallen und Profite wieder wachsen lassen, dann werde man 
reich belohnt.

Tatsächlich wächst heute beides gleichzeitig, sowohl die Rendite wie 
auch die Unterschicht. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für 
Wirtschaftsforschung belegt, dass auch die bislang stabile Mittelschicht 
in atemberaubendem Tempo in einer Richtung wegbricht: nach unten. Die 
bürgerliche Mitte, bislang der ökonomisch und politisch zuverlässigste 
Stützpfeiler der Republik, wankt, und selbst der Spiegel, dem es mit der 
rot-grünen »Steuerverschenkungspolitik« (Franz Walter) gar nicht schnell 
genug gehen konnte, ist von der »Abwärtsmobilität« alarmiert: »Millionen 
rutschen ab.«

Bekanntlich beschweren sich konservative wie neuliberale Intellektuelle 
gern darüber, das linke Gift von Gleichheit und Gerechtigkeit lähme 
kreative Energien und werfe Deutschland im Standort-Roulette auf hintere 
Plätze zurück. Das war schon immer ein Gerücht, nun ist es eine 
Falschmeldung. In Wirklichkeit wird die soziale Bruchlinie tiefer und 
die »Armut im Überfluss« größer. Jeden kann es treffen. Die Schere 
zwischen denen, die »drinnen«, und denen, die »draußen« sind, geht 
zuverlässig auseinander. Die Nettolöhne sanken in den vergangenen drei 
Jahren um 3,5 Prozent, während die Unternehmensgewinne in der jüngsten 
Aufschwungphase um 25 Prozent anzogen. Allein im vergangenen Jahr 
stiegen die Gehälter der Topmanager um durchschnittlich 20 Prozent. All 
das lässt den Eindruck entstehen, in Deutschland laufe etwas dramatisch 
aus dem Ruder: Eine wachsende Klasse von Selbstbereicherern kommt in den 
Genuss flächendeckender Steuersenkungen und bildet eine risikoarme 
Parallelgesellschaft mit eigenen Kindergärten, eigenen Schulen und 
eigenen Universitäten. »Ganz unten« dagegen, bei den Chancenlosen, 
klingelt der Vollzugsbeamte und schnüffelt an der Matratze, ob der 
Hartz-IV-Empfänger eine rechtlich anstößige Bedarfsgemeinschaft mit 
einer staatsfinanzierten Leidensgenossin unterhält.

Mit einem Wort: Wir werden Zeugen davon, wie die prophetische Verheißung 
des Kapitalismus auskühlt und ihre Strahlkraft verliert. Die säkulare 
Utopie des Marktes (»Wohlstand für alle«) zerfällt ebenso wie die 
Schulbuch-Weisheit, Märkte seien per se effizient und gerecht. Laut 
einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung glauben nur 15 Prozent der 
Bürger, es ginge in der Bundesrepublik gerecht zu – so wenige waren es 
noch nie.

Gewiss, Umfragen entspringen tagespolitischen Stimmungslagen und sind 
mit Vorsicht zu genießen. Viel einschneidender dagegen ist ein 
weitverbreitetes kulturelles Unbehagen – nämlich jene schwer messbare 
Gemengelage aus politischem Verdruss und diffuser Angst, die sich in den 
Köpfen der Bürger festzufressen droht. Es ist der Groll darüber, dass 
die Ökonomie eine Gewalt über das Leben und Denken gewonnen hat, die ihr 
nicht zusteht. Es ist der Zweifel, ob eine Wirtschaftsweise eine Zukunft 
hat, die uns präventiv dazu zwingt, den Konsum zu steigern, damit es uns 
morgen nicht schlechter geht als heute. Es ist die Angst vor den 
Großrisiken des Marktes, überhaupt vor einer richtungslosen 
kapitalistischen Dynamik, die durch nichts mehr, erst recht nicht durch 
Politiker zu steuern ist.

Damit nicht genug des Unbehagens. Ist es nicht eine kapitalistische 
Pathologie, dass eine überhitzte Zugewinngesellschaft die Welt mit 
Reichtümern vollstopft, während im Schatten ihrer maßlosen 
Glitzerpaläste Kinder- und Altersarmut wachsen? Könnte es nicht sein, 
dass unsere Art und Weise des Wirtschaftens so verrückt ist, dass sie 
ihren Insassen normal vorkommt? Natürlich, die Kapitalrendite ist der 
Glutkern kapitalistischer Rationalität. Aber ist diese Rationalität noch 
– vernünftig? Ist der Kapitalismus noch schöpferisch – oder schon 
destruktiv?

Ausgerechnet das manager magazin hat nun diese Frage gestellt und 
verblüffend schonungslos beschrieben, warum die »Angst die Bürotürme 
heraufkriecht« und das Systemvertrauen der Bürger schwindet. Es geht 
dabei nicht um den Verlust irgendwelcher »Werte«, die heute salbungsvoll 
beschworen und morgen vergessen werden. Es geht auch nicht um 
handelsübliches Elitenversagen oder die Glaubwürdigkeit eines Managers, 
der schneller als die Post sein Geld am Fiskus vorbeischleust. Es geht 
um die Legitimität der Wirtschaftsform insgesamt. »Die Bürger stellen 
die Systemfrage… Bislang gärt der Frust im Stillen. Ganz langsam und 
fast unsichtbar höhlt er die westlichen Marktdemokratien von innen aus.«

Bislang konnte sich der Kapitalismus damit rechtfertigen, seine 
psychosozialen Kosten, die Produktion von Angst und Ungewissheit, seien, 
aufs Ganze gesehen, vernünftig und dem Gemeinwohl zuträglich. Doch 
inzwischen macht nicht einmal mehr das lang ersehnte Wachstum glücklich, 
wie die freudlose Freude am Aufschwung beweist. Auch wenn die 
Arbeitslosenzahlen sinken und der allseits verachtete Staat scheinbar 
wieder Handlungsspielraum bekommt, so ändert dies nichts am kollektiven 
Unbehagen darüber, dass das Wachstum zum Selbstzweck verkommen ist. Das 
heißt, die Wirtschaft muss nicht deshalb wachsen, weil es ungesättigten 
Bedarf gäbe, sondern weil ein immanenter Wachstumszwang besteht, der mit 
irrwitzigem Aufwand an merkantiler Fantasie und Reklame bedient werden 
muss – obwohl es von allem längst zu viel gibt und eine Knappheit an 
Knappheit, ein Mangel an Mangel allen die Laune verdirbt.

Der Markt vermehrt die Optionen. Aber vermehrt er auch die Freiheit?

Zugegeben, der kapitalistische Markt hat die Wahlmöglichkeiten des 
Einzelnen traumhaft vermehrt. Darin liegt seine verführerische Kraft und 
seine ewige Attraktion. Der Markt ist eine institutionalisierte Form von 
Freiheit, die alles »Ständische verdampfen« lässt (Karl Marx) und dem 
Einzelnen erlaubt, sich aus überkommenen Bindungen zu lösen und 
unabhängig zu leben.

Doch bekanntlich treten die Waren nicht bloß als Waren auf, sondern als 
Glücksversprechen, als »identity goods« und »Drehbücher« fürs Dasein. 
Verkauft werden Eintrittsbilletts in Stil-Sphären, Bilder von Freiheit 
und Unverwundbarkeit. Mögen sich die Menschen mit Hilfe von Konsumgütern 
durchaus eine eigene Identität schaffen, so ist doch die Wahlfreiheit, 
die ihnen der Markt dabei gewährt, noch lange nicht identisch mit der 
Freiheit selbst. Der Kapitalismus, so schreibt der kanadische, zu 
Unrecht als konservativ geltende Philosoph Charles Taylor, verwechsele 
die Vermehrung von Optionen mit der Vermehrung substanzieller 
Lebensziele. Anders gesagt: Die Ethik von »Freiheit« und 
»Individualismus«, die den Markt rechtfertigen sollte, schrumpft auf 
bloße »Wahlfreiheit«, im schlimmsten Fall auf die Ökonomisierung des 
Begehrens. Der Kapitalismus ermöglicht zwar Freiheit, aber er verdunkelt 
zugleich ihre sinnvollen Ziele, den normativen Gehalt dieser Freiheit. 
Am Ende, unterm Schaumteppich multipler Optionen, wäre dann das 
Wichtigste unauffindbar: die Bilder eines gelingenden, ökonomisch nicht 
reduzierten Lebens.

Was für den Glauben an die Konsumfreiheit gilt, gilt für seine 
Zwillingsschwester, die gute alte Fortschrittsreligion, schon lange. Sie 
ist aschfahl geworden und lockt so recht niemanden hinterm Ofen hervor. 
Was einmal »heiliger« Fortschritt hieß, das ist auf eine profane 
Innovation zusammengeschnurrt. Der nächste Rasierapparat hat vier statt 
drei Klingen, vermutlich mit Innenbeleuchtung inklusive Radio und 
Rauchmelder. Immer schneller auf den übersättigten Markt geworfene 
Innovationen vermehren zwar »Features« und Möglichkeiten, aber anders 
als die verblichene Fortschrittsreligion setzen sie kein Pathos mehr 
frei. Und dass die gentechnische Manipulation von Lebensmitteln oder 
eine bioindustriell betriebene Menschenzüchtung den Beifall der Massen 
findet, ist nicht bekannt. Nachdem die digitale Revolution durchgesetzt 
ist, nährt nur noch die Umwelttechnologie stille Hoffnungen, besteht ihr 
Fortschritt doch darin, die Folgen des Fortschritts abzumildern.

Wie drastisch sich der kapitalistische Mythos entzaubert hat, zeigt 
schon die Veränderung der ökonomischen Rhetorik. Wo früher die 
Schalmeienklänge der Fortschrittsreligion erklangen, da tönt heute der 
metallische Sound des Sachzwangs, oft genug auch die Drohung mit dem 
Abbau von Arbeitsplätzen und dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Die 
Versprechensökonomie hat sich in eine eiskalte Erpressungsökonomie 
verwandelt, in den Imperativ des »Du musst«. Je nach Konjunktur werfen 
ihre apokalyptischen Reiter die Angstmaschine an und prophezeien dem 
Volk für den Fall, dass es keine Opfer bringt und bei weniger Lohn 
härter arbeitet, den Untergang des Vaterlandes.

Bei so viel Sehnsucht nach Härte und Opfer verwundert es nicht, dass der 
menschenfreundlichste Mythos des Kapitalismus spurlos verschwunden ist, 
sein süßes Versprechen auf freie Zeit und Entlastung, auf wachsende Muße 
und Selbstbildung. Diese Verheißung hat sich unter der Herrschaft der 
Kostenkiller, Lebensbeschleuniger und Marktlückenfüller buchstäblich in 
Luft aufgelöst. Die Arbeitszeiten verflüssigen sich, die Grenze zwischen 
Beruflichem und Privatem verschwindet. Nicht mehr lange, und die alte 
Festanstellung gehört der Vergangenheit an und wird durch kurzfristige 
»Arbeitsprojekte« ersetzt. Jeder ist darin sein eigener Zeitmanager. Die 
Zeit, die er durch Rationalisierungsfortschritte »erwirtschaftet«, darf 
auf keinen Fall verschenkt – sie muss vielmehr unverzüglich 
re-investiert und aufs Neue kapitalisiert werden. Überhaupt greifen 
Wachstumszwang und Beschleunigungszwang bruchlos ineinander; die Arbeit 
wird verdichtet, und die Zeithorizonte der Produktion werden kürzer. 
Immer weniger Bäcker sollen immer größere Brötchen backen, während die 
Überflüssigen arbeitslos Däumchen drehen oder in prekärer 
Selbstbewirtschaftung ihrem traurigen Marktschicksal entgegenharren.

Wie sehr die Ökonomie eine autonome, politisch kaum zu steuernde Macht 
geworden ist; wie sehr sie sich dabei von der Gesellschaft entkoppelt 
und verselbstständigt hat, dies zeigt in aller Unerbittlichkeit der 
»neue«, der börsengetriebene Kapitalismus. In seinen Unternehmen haben 
nicht mehr lokale Patriarchen das Sagen, sondern milliardenschwere 
Fondsfirmen, die nach Leibeskräften versuchen, sich auf der Prärie der 
Weltgesellschaft das fetteste Wild abzujagen. Dieser Kapitalismus 
funktioniert nach der Logik von Exzess und Selbstüberbietung und bringt 
aus sich selbst heraus keine Grenze hervor. Genug ist ihm nicht genug, 
und das Maximum von heute ist nur das Minimum von morgen. Aus Sicht der 
Manager kann das auch gar nicht anders sein, denn die Globalisierung 
zwingt sie bei Strafe ihres Untergangs zur Selbstverteidigung. Rendite 
ist der Abwehrzauber im Überlebenskampf. Sie steigert die 
Wettbewerbsfähigkeit und schützt vor feindlicher Übernahme.

Der »neue« Kapitalismus verändert, um es alteuropäisch zu sagen, auch 
das Bild vom Menschen. Ökonomisch gesehen, ist der Einzelne nur mehr ein 
frei verfügbares, superflexibles Subjekt, das vom Staat marktfähig 
ausgebildet, von Zeitarbeitsfirmen ausgeliehen und just in time dem 
Produktionsprozess zugeführt wird – bis zu seiner allfälligen 
Entlassung. Selbst freundliche Opfergaben, zum Beispiel freiwilliger 
Lohnverzicht, stimmen den Willkürgott der Rendite dann nicht mehr 
gnädig. Aus heiterem Himmel enden seine »schöpferischen« Interessen. Er 
stößt die Leiharbeiter ab und sucht sich in Erfüllung seiner immanenten 
Grenzenlosigkeit die Opferstätten woanders. Etwa in Rumänien oder besser 
noch: in einem Land, wo das Humankapital noch billiger, noch flexibler ist.

Wie man weiß, besitzt der Kapitalismus ein großes Talent dafür, die 
sozialen und seelischen Nebenkosten seiner Selbstentfaltung abzuwälzen 
und unsichtbar zu machen. In Krisentagen ist stets jemand anderes 
schuld, zum Beispiel die Trägheit der Seelen oder die Selbstsucht des 
Managers, die saumselige Gesellschaft oder der faule Arbeitslose. 
Wahlweise auch die mimosenhafte Natur, die auf zarte Ausbeutungsversuche 
hysterisch mit einer Klimakatastrophe reagiert. Was auch immer geschieht 
– die Folgen des Kapitalismus werden externalisiert. Sie werden anderen 
zur Last gelegt (»Gewerkschaften!«) oder durch Moralisierung (»fehlende 
Werte!«) von der Bildfläche gezaubert. Zurück bleibt das natürlich 
unschuldige, das ruhelose Kreisen des abstrakten Kapitals in sich selbst.

Dass der globalisierte Kapitalismus auch das Vertrauen in die Demokratie 
untergräbt, dies ist ein Kollateralschaden, der bislang erfolgreich 
verdrängt werden konnte. Damit ist es nun vorbei. Die Wahlbeteiligung 
geht langsam, aber sicher auf Werte zurück, die einem aus einer 
»unterregulierten, sich in relativem Niedergang« (manager magazin) 
befindenden Gesellschaft vertraut sind – aus den Vereinigten Staaten. 
Auch das Ansehen demokratischer Institutionen bröckelt 
besorgniserregend. Vor allem der Bundestag musste einen dramatischen 
Prestigeverlust hinnehmen, weil immer weniger Bürger glauben, die 
Demokratie sei in der Lage, die sozialen Probleme des Landes zu lösen.

Warum das so ist, liegt auf der Hand: Kapitalismus und Demokratie gelten 
zu Recht als historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von 
Freiheit und Gerechtigkeit. Deshalb werden die politischen Parteien als 
Erste für soziale Verwerfungen abgestraft, und ihre Vertreter müssen den 
Kopf für Entscheidungen hinhalten, die nicht sie, sondern globale 
Konzerne getroffen haben.

Dass das neoliberale Einheitsdenken rapide im Kurs sinkt und selbst 
christdemokratische Politiker nicht mehr glauben, man müsse dem Kapital 
nur das Brautbett aufschlagen, dann werde es sich schon dauerhaft im 
Lande niederlassen, ist nur ein schwacher Trost und wird nicht helfen. 
Das Einzige, was die spekulativen Exzesse des Finanzkapitalismus mäßigen 
könnte, wären internationale Abkommen, mit denen sich – wie beim 
Klimaschutz – alle Nationen verpflichteten, belastbare Standards 
aufzustellen, das Spekulantengewerbe an die Kette zu legen und Dampf aus 
dem Kessel zu lassen.

Was fürchten junge Manager? Dass bald die Barrikaden brennen

Das klingt wie Zukunftsmusik, und das ist es auch. Andererseits: Falls 
die »Große Transformation«, die politische Mäßigung der entfesselten 
Weltökonomie nicht gelingt, werden die nationalen Demokratien ihren 
historischen Charme verlieren und auf den grauen Pragmatismus einer 
Problemlösungsbedarfsgemeinschaft zusammenschrumpfen. Frei gewählte, 
unter austauschbaren Parteiabzeichen auftretende Technokraten arbeiten 
eine Sanierungsagenda ab und erledigen, was unterm Druck der 
Standortkonkurrenz gerade so anfällt. Die stolze Demokratie, das 
Versprechen von Freiheit und Gerechtigkeit, verblasst zu einer 
Reparaturdemokratie, die nur noch die Suppe auslöffelt, die ihr die 
globalisierte Moderne eingebrockt hat.

Was dann folgt, kann man ahnen. Irgendwann wird die Stimmung im Westen 
umschlagen, und dann wird es heißen, die Tage der liberalen Demokratie 
seien gezählt, weil sie unfähig sei, der Bedrohung durch neue 
ökonomische Weltmächte zu trotzen. Tatsächlich werden die höchsten 
Wachstumsraten derzeit in Halbdemokratien oder Volldiktaturen erzielt, 
von marktradikalen Maoisten oder islamischen Stammesfürsten, die den 
liberalen Kapitalismus herausfordern. Die Fronten verlaufen nicht mehr 
wie vor 1989 zwischen Staatswirtschaft und Marktwirtschaft, sondern 
zwischen zwei Spielarten des Kapitalismus, zwischen einem autoritären 
und einem freiheitlichen.

Doch wer sagt eigentlich, dass westliche Demokratien auf diese neue 
Herausforderung genauso reagieren werden wie bei der Systemkonkurrenz 
mit dem Kommunismus? Wer sagt, dass sie auf die Freiheit setzen, um dem 
autoritären Ausbeutungskapitalismus Paroli zu bieten? Es könnte auch 
ganz anders kommen. Politische Eliten und rechte Intellektuelle könnten 
aus der ökonomisch verursachten Legitimationskrise der Demokratie die 
Lehre ziehen, dass auch der liberale Kapitalismus endlich autoritärer 
werden und durch Demokratieverzicht neue ökonomische Triebkräfte 
entfesseln muss.

Die Denkmuster dafür liegen bereit. Nicht nur aus den einschlägigen 
Carl-Schmitt-Milieus ist immer häufiger die »dringende« Nachfrage zu 
hören, ob die Schönwetterdemokratie noch zeitgemäß sei und ob wir uns 
ihren egalitären Geist »noch leisten können«. Tenor: Wenn die Demokratie 
durch ihre langen Entscheidungsketten das Wachstum bremst und soziale 
Spaltung befördert, dann müssen wir über diese Regierungsform neu 
nachdenken. Auch das von Juristen gern unters Volk gebrachte Argument, 
der Staat müsse wieder Härte zeigen und Opfer verlangen, ist für 
ökonomische Bedrohungslagen anschlussfähig. Der blockierende Bürger muss 
dann eben das Opfer der Gerechtigkeit und der Freiheit bringen, damit 
das Wachstum wieder Fahrt aufnimmt, die asiatische Herausforderung 
pariert und der soziale Zerfall gestoppt wird.

Übrigens, das manager magazin hat auch verraten, was junge 
Führungskräfte am meisten fürchten: dass eines Tages wieder Barrikaden 
brennen.


(Thomas Assheuer/ZEIT)



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