[echo] Mars an Erde: Was soll das?
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Fri Apr 4 09:37:42 CEST 2008
Durchgeknallte Ausstellung in London
Mars an Erde: Was soll das?
Museen denken sich heutzutage alles Mögliche aus, um neue Zielgruppen zu
erschließen: lange Nächte, kurze Führungen - derlei Dinge. Die
Attraktion, die die Ausstellung der Londoner Barbican Art Gallery
darstellt, wird jedoch so schnell keiner überbieten: Hier kommen die
Kuratoren vom Mars.
Die extraterrestrischen Experten haben seltsame Objekte von
Erdenkünstlern ganz so konserviert und klassifiziert, wie es irdische
Ethnologen mit den Artefakten so genannter Naturvölker tun. Die
Ausstellung ist so gestaltet, als hätten sich die Besucher vom anderen
Stern ganz ernsthaft darum bemüht, einen Sinn in jener mysteriösen
Tätigkeit "Kunst" und ihren Resultaten zu erkennen. Von ausliegenden
Broschüren bis hin zu den Wandetiketten ist alles zweisprachig in
Englisch und Marsianisch gehalten.
Lasst die ruhig mal machen
Freilich: Die Ausstellungsidee klingt, als wäre sie spät abends im Pub
nach ein paar Bieren zu viel ersonnen worden. Es ist wenig verheißend,
sich einer kompletten Schau mit immerhin 175 Exponaten - darunter Werke
von Marina Abramovic, Joseph Beuys, Mike Kelley und Bruce Nauman - unter
den Anführungszeichen einer ironischen Fiktion anzuvertrauen. Was soll
das alles?
Ein Blick in den Katalog: "Zeitgenössische Kunst wird von der breiten
Öffentlichkeit oft als verwirrend und unzugänglich empfunden", heißt es
gleich anfangs. Einige Absätze weiter wird verraten, dass die beiden
Kokuratoren der Ausstellung, Francesco Manacorda und Lydia Lee,
ursprünglich beauftragt worden seien, eine Übersichtsausstellung über
zeitgenössische Skulptur zu erstellen. Mit anderen Worten: Die beiden
suchten den gemeinsamen Nenner zwischen verwirrenden, unzugänglichen
Objekten einerseits und breiter Öffentlichkeit andererseits - und fanden
ihn in der marsianischen Fiktion.
Auch wenn das Gefühl einer allzu lange ausgewalzten Pointe einen im
Verlauf der Ausstellung nie ganz verlässt: Einige sehr besondere Momente
entstehen doch. Eher offensichtlich funktioniert das Ganze noch, wenn
unsere fiktiven Marsianer die modernen Kunstobjekte schlicht für
religiöse Kultobjekte halten: So wird aus Isa Genzkens eleganter
Vierkantsäule ein Totempfahl. Die von David Hammons in Goldschnitt und
mit der Einband-Aufschrift "Holy Bible" gebundene Ausgabe der
Gesammelten Werke Marcel Duchamps kann aus Marsianer-Sicht nur als
Ausdruck der kultischen Verehrung von Vorfahren gelesen werden. Und die
von Dieter Roth 1961 zu "Literaturwurst" verarbeitete Ausgabe von Martin
Walsers "Halbzeit" - eine mächtige, mit Papierschnipseln prall gefüllte
Wurstpelle - ist ihnen Ausdruck eines magischen Glaubens an Transformation.
Wirklich komisch ist ein Nebenraum: Hinter einer verschlossenen Tür,
durch eine Glasscheibe einsehbar, sind "unklassifizierte Objekte" auf
eine Trage aufgebahrt, so eine aufwendig tätowierte Kinderpuppe des
Mexikaners Dr. Lakra oder ein dickes Buch des Briten Richard Wentworth,
in das an drei Stellen Armbanduhren eingelegt sind. Das Ganze wirkt
komplett wie ein Szenario aus der Mystery-TV-Serie "X-Files".
Noch besser aber funktioniert die marsianische Sichtweite auf irdische
Kunst, wenn die Künstler selbst sich mehr oder minder wie Außerirdische
verhalten. Der New Yorker Haim Steinbach setzt eine Büste von "Star
Wars"-Roboter C-3PO auf ein Wandbänkchen, daneben sieben Digital-Wecker,
die jeweils mysteriöserweise um eine Minute verschoben die Zeit
anzeigen, so als handle es sich um die E.T.-Variante eines Buddha-Altars.
Geplant: Erdzerstörung
Ebenso durchgeknallt ist die Pilgerfahrt, die der Kalifornier Jeffrey
Valance 2006 nach Graceland unternommen hat. Er hatte gelesen, dass
Elvis, kurz bevor er auf der Toilette starb, in einem Buch über das
Schweißtuch Jesu geschmökert hatte; Elvis selbst hatte ja bei
Las-Vegas-Auftritten eifrig schweißgetränkte Handtücher verteilt. Scharf
schließt der Pilger, dass Elvis selbst ein Heiliger sein müsse - und
entwendet kurzerhand ein Stückchen Stoff aus einem der Teppiche im Haus
des King. Dieses wiederum setzt er in das Fensterchen einer veritablen
katholischen Reliquienmonstranz ein.
Dass die besten Künstler selbst Außerirdische sein könnten - diese
schöne Verschwörungstheorie nimmt der britische Schriftsteller Tom
McCarthy in seinem wunderbaren Katalogbeitrag auf. Er schreibt als
marsianischer Undercover-Agent einen Bericht an seine Vorgesetzten.
Zunächst habe er sich in London zum Künstler ausbilden lassen und "die
zwei Regeln" der Kunst erlernt: Erstens müsse man Wissen über die
Geschichte dieser Disziplin anhäufen, zweitens Variationen hinzufügen,
die "zugleich als Wiederaufnahme und Mutation" dieser Geschichte
erscheinen. Statt diese Regeln offen auszusprechen, werde aber in der
Kunstausbildung immer noch an "handwerkliche Fähigkeiten" und
"Selbstausdruck" appelliert.
Der Grund aber, warum der Agent gegen die geplante Erdzerstörung
votiert, ist keineswegs, dass er Gefallen an den aus Mars-Perspektive so
absurden und unnützen Gepflogenheiten des Kunstbetriebs gefunden hätte.
Vielmehr habe ihm die epiphanische Wahrnehmung eines Sonnenbrillenetuis
schlagartig den instabilen Charakter des Zeit-Raum-Kontinuums
klargemacht. Nur ebenjene scheinbar so unnütze Kunst habe diese
Wahrnehmung ermöglicht. McCarthys Agent erkennt den "Zweck" des
vordergründig Zwecklosen der Kunst. Und schlägt deshalb vor, die Erde
als Objekt der Beobachtung in Ruhe zu lassen. Da sind er, Heidegger und
die Beatles sich einig: "Let it be" - lass das Sein sein.
Die Kuratoren tricksen jene allzu willfährige Museumspädagogik aus, die
vorauseilend jedes störrische Fremdeln zwischen Kunstwerk und Publikum
abfedern will. Zugleich werden die auratischen Ansprüche der Kunst
angenehm düpiert, ohne sie einfach bloß als Scharlatanerie erscheinen zu
lassen. Und so löst sich der Beigeschmack, dass diese marsianische
Ausstellung bloß folgenlose Spielerei sei, spät, aber eben doch auf.
"Martian Museum of Terrestrial Art", London, Barbican Art Gallery, bis
18. Mai 2008; Info: www.barbican.org.uk, Tel. 0044 / 20 7638 8891
(SZ vom 2.4.2008/rus)
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anmerung des forwarders: [nach london fliegen die marsianer in die
hafencity ins neue maritime museum und wir warten auf den
kommentar..pieppiep...pieppiep..]
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