[echo] Hamburg München

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Thu Apr 10 10:14:46 CEST 2008



Kulturbetrieb
Wo der große Bussibär steppt
Vor einem Monat unterzog die Münchner Schriftstellerin Harriet Köhler an 
dieser Stelle die Kulturstadt Hamburg einem Test. Nun ist die Zeit reif 
für einen Gegenbesuch: Ein Hansestädter sucht Münchens Glanz – und 
findet ein nölendes Kind.

Verdammt, der Stachel saß tief: Meine Wahlheimat kunstfernes Ödland. 
Meine Mitbürger unsinnliche, genussfeindliche Zahlenmenschen. Und ich 
als letzter Jung- autor Hamburgs aussterbendes Kulturgut. Hatte Harriet 
Köhler geschrieben, in der ZEIT, vor vier Wochen.

Nun gilt als Jungautor heute jeder, der noch nicht so alt ist wie Martin 
Walser – aber der Letzte meiner Art?

Verzweifelt durchstreifte ich den lebensfernen Moloch an der Elbe, auf 
der Suche nach Gegenbeweisen. Ein wenig fühlte ich mich dabei wie Will 
Smith in I am Legend, nur ohne Hund: Von überallher blickten mich 
blasswangige Runges und strenge Holbeins an, knöcherne Kaufleute und 
geifernde Pfeffersäcke, deren zitternde Gichthände unter den Aufschlägen 
ihrer blauen Maßanzüge hervorstießen, um nur einmal noch das rosige 
Fleisch des jungen Dichterfürsten zu streifen.

Kein Zweifel: Ich musste die Stadt verlassen, bevor es zu spät war. 
Musste in barocken Sinnesfreuden schwelgen, mich dem prallen Leben an 
den Busen werfen, ehe ich hier verdorrte. Ich wollte in Kultur baden wie 
in Drachenblut, lustwandeln auf königlichen Prachtstraßen, unter 
Siegestoren schreiten, statt im fahlen Schein der Kontorhäuser ein 
bisschen Kunst zu erbetteln.

Ich rief also Hamburg an und sagte, es tue mir leid, aber ich sei dann 
mal weg. Man könne gern noch eine Straße nach mir benennen, einen Platz, 
von mir aus auch ein Einkaufszentrum, aber dann sei es auch gut gewesen. 
Lange genug hätte ich im Elbwind gestanden und einsam die Fahne 
hochgehalten; ich bräuchte dringend Begleitung. Nicht mal 
Meerschweinchen lasse man allein, jedes Kind wisse, dass sogar 
Wellensittiche ohne ihresgleichen vereinsamten, da könne der Käfig noch 
so golden sein, er werde trotzdem rasch kalt.

Schnell gingen Hamburg da die Argumente aus, und bevor es sich die alte 
Hanse anders überlegte, bestieg ich unter einem Himmel, der sich in 
einem letzten verzweifelten Aufbäumen blau-weiß färbte, eine dicke 
Verkehrsmaschine.

Kurz vor der Landung warnte der Pilot, es könne nun etwas turbulent 
werden. Das wollte ich hoffen. Schließlich hatte ich noch während des 
Fluges gelesen, dass München einer aktuellen Erhebung zufolge die mit 
Abstand attraktivste Stadt für die kreative Klasse sei. Sogar Stuttgart 
rangierte noch vor Hamburg! Stuttgart!

Rettung in letzter Sekunde, dachte ich daher, als die Reifen auf die 
Landebahn des Airports Franz Josef Strauß schlugen, benannt nach dem 
letzten König von Bayern. Der aktuelle König heißt leider Ude; ein Name, 
der sich wenig zum Benennen eignet, es sei denn, es ginge um ein 
Fußpflegeprodukt.

Der Flughafen Franz Josef Strauß lag weit vor den Toren der Stadt, 
weswegen ich in einen Bus stieg, der genauso lange bis nach München 
brauchen sollte wie das Flugzeug. Er brauchte aber entschieden länger, 
weil ständig ein »saudummer Bauer, Kreuzkruzifix« vor uns fuhr, mit dem 
der Fahrer gern Dinge angestellt hätte, die ich nicht verstand, da mein 
Dolmetscher gerade Kaffeepause machte. Trotzdem erreichten wir nach 
einer guten Stunde endlich die Stadt, die sich gern als die nördlichste 
Italiens bezeichnet. Nicht von ungefähr, das proklamierten unlängst 
Münchens Aushängeschilder für hintersinnigen Diskursrock, die 
Sportfreunde Stiller, komme daher auch »das ausgeprägte Bewusstsein für 
Schtail und Ästhetik«.

Statt einer Traumlandschaft aus malerischen Tempeln, märchenhaften campi 
und sich lasziv im Mondlicht räkelnden piazze empfing mich jedoch eher 
ein Las Vegas aus HypoVereinsbanken, BMW-Drillingstürmen und 
Siemens-Glaspalästen, bei denen es jedem Gotteskrieger in den Fingern 
jucken musste. Das alles gekrönt von der unzweifelhaft beeindruckend 
illuminierten Allianz-Arena, die, je nachdem, ob darin die Bayern, die 
Sechziger oder die Biermösl Blosn aufspielen, rot, blau oder blau-weiß 
durch die Dämmerung leuchten kann, im Vergleich zu den nächtlichen 
Hamburger Hafenkränen aber maximal die Poesie einer genmanipulierten 
Clementine verströmt.

All diese von Hopfen und Schwein geformten Rauhhaardackelherrchen

Mein Hotel hieß nur deswegen Schiller 5, weil es zufällig in der 
Schillerstraße stand. Trotzdem war im Foyer eine Büste des berühmten 
Dichterfürsten aufgesockelt, als sei das Hotel mindestens sein 
Geburtshaus gewesen. Oder als hätte er dort wenigstens Don Carlos verfasst.

»Schiller«, sagte ich, voller Vorfreude des Kollegen gipsernes Haar 
tätschelnd, »wir zwei im Epizentrum der schönen Künste, ach!« Woraufhin 
Schiller schwieg, was ich erst etwas blasiert fand, dann aber verstand. 
Wir Dichter reden nicht gern, erst recht nicht miteinander.

In meinem Zimmer googelte ich mich sofort durch die Suchbegriffe 
»München+Kultur«. Über 600000 Treffer. Von Schreibseminaren »zur 
Aktivierung der Regenbogen-Energie« bis hin zu »Obatzter selbst 
gemacht«. Spaßeshalber machte ich die Gegenprobe: »Hamburg+Kultur« 
brachte satte 100000 Treffer mehr, was mich zunächst verstörte, aber 
natürlich ebenso wenig aussagte wie all die Erhebungen, Statistiken und 
Rankings, die immer genau das belegen, was man belegt haben will. Also 
ließ ich die Zahlen Zahlen sein, gab sämtliche Vorurteile über Gamsbart, 
Dackel und Oktoberfest an der Rezeption ab und ging raus, auf die 
Straße. Schließlich bekommt jede Stadt die Kultur, die sie verdient, und 
woher sollte ich wissen, was München verdiente, wenn der einzige 
Münchner, den ich bisher getroffen hatte, ein unentwegt grantelnder 
Busfahrer gewesen war?

Von der Schillerstraße lief ich in die Goethestraße und spurte so auf 
den Pfaden der Weimarer Klassik die Achsen eines Bahnhofsviertels nach, 
das irgendwie Reeperbahn sein wollte, aber höchstens eine 
Ultralightversion in derart homöopathischer Verdünnung zustande brachte, 
dass ich schnell weiterlief in Richtung königlicher Prachtstraßen. Das 
schließlich war es, was München konnte! Prunken! Klotzen! Und vor allem: 
liebevoll das historische Erbe verwalten! Nicht wie die Hamburger, die 
sogar im Michel einen McDrive eröffnen würden, wenn das Geld stimmte. 
Hier war Tradition noch wichtiger als Innovation, hier wurde bewahrt, 
nicht gewagt, hier schätzte und hegte man sie noch, die Künstler von 
Gottes Gnaden!

»Jesus Christus hat dich gerettet«, springt mir dann auch am Marienplatz 
ein von preisgünstigem Rasierwasser reichlich aromatisierter Jüngling 
entgegen. Na, na, sage ich, er solle mal nicht übertreiben, so schlimm 
sei Hamburg ja auch wieder nicht. Er hält mir das Buch Mormon vor die 
Nase und steigert sich in irgendwas rein. »Gott vergelt’s«, zitiere ich 
in meiner Not ein hinter ihm hängen gebliebenes Plakat der Bayernpartei 
und kämpfe mich durch gefühlte 28 italienische Schulklassen, die mit 
Fratzengesichtern das Glockenspiel imitieren, schnell weiter in Richtung 
Königsplatz.

Unterwegs bekomme ich die Ellenbogen diverser Eingeborener zu spüren, 
die sich wie Fleisch gewordene Panzer ihren Weg bahnen. Föhn, denke ich, 
um nicht Schlimmeres zu denken: Zürne ihnen nicht, es ist der Föhn, den 
diese Stadt nun einmal »hat«, wie Frauen ihre Tage haben; alles lässt 
sich dadurch rechtfertigen! Hatte nicht schon Münchens Lieblingskönig 
LudwigII. dann und wann seine Lakaien geohrfeigt und bespuckt, wenn ihm 
danach war? Musste man sich denn da kleinkariert beklagen, wenn man aus 
Versehen mal ein bisschen vor die Tram gestoßen wurde? Heul doch, 
zimperlicher Hanseat, willkommen in Bayern!

Ich heulte nicht. Stattdessen bekam ich Kopfschmerzen und wurde etwas 
griesgrämig, wahrscheinlich vom Föhn. Jedes »Grüß Gott« beantwortete ich 
stumpf mit »Guten Tag«, und plötzlich sah ich so viele Rauhaardackel 
ihre Gamsbart-behüteten, von Hopfen und Schwein feistgeformten Herrchen 
an distanzelastischen Leinen hinter sich herziehen, dass ich mir vorkam 
wie in einer lebendig gewordenen Zeichnung von Manfred Deix. Residenz 
und Hofgarten waren auf einmal genauso unwirkliche, aseptische 
Märchenwelten, wie der Hauptbahnhof keim- und lustfreie Zone war; die 
ganze Stadt schien wie unter Glas, ein Ausstellungsstück, in dem sich 
nur etwas bewegte, wenn man Geld einwarf, ein Souvenir aus dem 
Nippesregal, in dem es nicht mal mehr schneite, wenn man schüttelte.

Was war bloß mit mir los? Warum wimmelte es hier schlagartig von 
pubertierenden Testosteronschleudern, die »ihr Bewusstsein für Schtail 
und Ästhetik« nicht aus der Nähe zu Italien, sondern von Schweini und 
Poldi bezogen? Selbst als ich im nahen Literaturhaus, einer der 
vermeintlich letzten Oasen des Geistes, einkehrte, traf ich dort nur auf 
kaum modifizierte Doubles des Weizenbier trinkenden Sportreporters 
Waldemar Hartmann, der in vielfacher Kopie MCM-Taschen tragenden Damen 
rechts-links die Wangen busserlte.

Wo war ich hier gelandet? Wo war die versprochene Kunst, wo waren die 
Künstler? Wie ein geprügelter Hund lief ich weiter, immer noch umweht 
vom Föhn, der nicht mal ein richtiger Wind, sondern eher die Abwesenheit 
von etwas war, wie die ganze Stadt überall an etwas erinnerte, das dann 
doch woanders stand: Die Residenz war eben nicht der Palazzo Pitti, 
Klassizismus war nicht Klassik, Neorenaissance nicht Renaissance und 
Neogotik nicht Gotik. An jeder Ecke wurde etwas anderes gespielt, ein 
bisschen Venedig hier, eine Prise Athen dort. Den einzigen echten 
Palazzo fand ich auf dem Ostfriedhof: Das Mausoleum von Rudolph 
Moshammer, eine lilienumflorte Pilgerstätte, die rund um die Uhr von 
privaten Sicherheitsleuten bewacht wurde. Man gab gut acht auf seinen 
schillernden Modezaren, jetzt, wo er tot war.

Zusehends schwächer werdend, schleppte ich mich von der Villa Stuck zur 
Rothko-Retrospektive in der Hypo-Kunsthalle, vom Lenbachhaus zu den 
Pinakotheken, den optimalen Betrachtungsabstand immer wieder gekreuzt 
von Leuten, die direkt vor allem stehen blieben, was nicht mehr 
weglaufen konnte, den Kopf zur Seite geneigt, den Brillenbügel versonnen 
zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelnd, wie in Trance Satzfragmente 
murmelnd, die zuverlässig vor ihrem potenziellen Gehalt versandeten: 
»Faszinierend, wie der das macht mit dem … wirklich, ganz groß.«

In der neuen Pinakothek begriff ich erst ab Raum fünf, dass es sich bei 
dem stets pittoresk auf die zentrale Sitzgelegenheit gepflanzten 
Gamsbart-und-Jankerl-Rentner nicht um Abgüsse des Exponats Bauer zur 
Jausenzeit handelte, sondern um verschiedene lebende Menschen, und ich 
begann mich zu fragen, wo bloß der viel besungene kunstinteressierte 
Münchner jetzt war, der angeblich bei jedem Wetter durch die 
Ausstellungen flutete. In dem als Weißwurstkessel bekannten BMW-Museum, 
das schon vor dem Umbau jährlich fast so viele Besucher lockte wie das 
1937 von einem etwas glücklosen Landschaftsmaler eröffneten »Haus der 
(Deutschen) Kunst«? Im Bier- und Oktoberfestmuseum, das mit einer 
Verkostung der Starkbiere Maximator, Triumphator, Salvator und Animator 
warb? Im Kartoffelmuseum (vom Gründer der Pfanni-Werke)? Oder doch im 
Museum der Jagd, vor dem ein bronzenes Wildschwein kurz vor dem Sprung 
eingefroren stand? War es derart regionales Kulturgut, das der Münchner 
am liebsten besah und bewahrte? Sein Auto, sein Bier, seine Haxen mit 
Knödeln?

»Schiller«, flehte ich, zurück im Hotel, meine müden Füße an den Wangen 
der Weimarer Ikone kühlend, »wo soll ich denn jetzt noch hin? Ich brauch 
Kultur, versteh das doch, mein Akku war schon auf Reserve, bevor ich 
hierherkam!« Ich solle bitte auf der Stelle aufhören, den Gipskopf zu 
schütteln, sonst werde man mich des Hauses verweisen, noch bevor ich 
einmal »fei« sagen könne, schalt mich von der Rezeption eine ungehaltene 
Stimme. Erst als sich die Türhälften des Aufzugs wie ein Vorhang 
zwischen Schiller und mich schoben, begriff ich: Theater! Natürlich!

Vor der Residenz des gefeierten Intendanten Dieter Dorn ergatterte ich 
tatsächlich noch eine Karte des eigentlich ausverkauften 
Arthur-Miller-Stückes Tod eines Handlungsreisenden. Ich kaufte sie einer 
Dame ab, deren Begleitung abgesprungen war und die das Stück selbst 
schon zweimal gesehen hatte. Weil es schon spät war und niemand mehr 
eine einzelne Karte wollte, verschwand die Dame samt Restbillet in der 
Tiefgarage unter dem Theaterquarée, kam wenige Minuten später im 
Dreier-BMW wieder aus der Erde und brauste in die Nacht.

Kurz bevor das Stück begann, setzte sich jemand auf den Platz rechts 
neben mir. Was gar nicht sein durfte. Der Platz musste leer bleiben, die 
Karte war nicht verkauft worden. Trotzdem saß dort eine große blonde 
Frau, die ein bisschen aussah wie die Wachsfigurenversion von Veronica 
Ferres. Alles an ihr war unbewegt: ihr Lächeln, ihre Frisur, die Augen. 
Ich fand das etwas unheimlich, versuchte mich aber auf das Geschehen vor 
mir zu konzentrieren, eine Inszenierung, die mild als »klassisch« 
bezeichnet werden konnte, weil sie niemandem wehtat, und wieder drängte 
sich mir die Frage auf, warum es Theater eigentlich noch gab, wenn alle 
Beteiligten so offensichtlich lieber Kino gemacht hätten, nicht nur 
wegen der Videowände und Rückprojektionen, der Musik und dem ganzen 
anderen Zinnober, der, eingesetzt an einem Ort, der sich wie kein 
zweiter zur Konfrontation mit elementar Menschlichem eignet, auf 
rührende Art unbeholfen wirkte. »Das Gegenteil von gut ist gut gemeint«, 
fiel mir eine Zeile der Hamburger Band Kettcar ein, als am Ende die Frau 
neben mir plötzlich aufstand und mitten in den höflichen Applaus hinein 
mit beiden Armen zur Seite ausholte und mit der unerbittlichen 
Regelmäßigkeit eines schwächer werdenden Duracell-Hasen ihre Handflächen 
gegeneinanderschlug, exakt doppelt so langsam wie der Rest des 
Publikums, klapp –klapp – klapp, dazu ihr wächsernes Gesicht, das 
eingefrorene Lächeln, und plötzlich begriff ich: Diese Frau, die einem 
von irgendwoher immer bekannt vorkam, weil sie einen an etwas erinnerte, 
von dem man nicht wusste, was es war, die Nähe vorspiegelte und 
gleichzeitig ungreifbar war, diese Frau war München. »Auf deinem Shirt / 
stehn die Dinge, die du gerne wärst / nicht die du bist.« Auch ein Zitat 
von Kettcar. Wenn das stimmte, stand auf dem Shirt dieser Frau 
»Skandalnudel«.

Das »klapp, klapp, klapp« ihrer Absätze trug mich weiter durch die 
Nacht, an Orte, an denen das Sterben einer Schickeria beobachtet werden 
konnte, aus deren Blüten einst Kir Royal und Rossini entstanden waren; 
eine Schickeria, die es angeblich nicht mehr gab, doch natürlich ging an 
den Pilgerstätten der Veuve-Clicquot-Entourage immer noch der große 
Bussibär um, waren Baby Schimmerlos und Monaco Franze zumindest als 
Phantomschmerz spürbar, und auch Daisy gab es noch, als tausendfaches 
Abbild mit der Schleife im Haar. Klar gibt es diese Chichi-Show 
zumindest in regional modifizierter Form auch in Hamburg, ähneln sich 
die Flaniermeilen, nur die Modelle stammen von verschiedenen Urbildern 
ab: hier Verona Pooth/Michael Ballack, dort Sky Dumont mit Heidi Klum. 
Und sonst? Elbstrand oder Isarauen, Leopoldstraße oder Elbchaussee, 
Ellenbogenhausen oder Schnöseldorf, Englischer Garten oder Alster? Am 
Ende geht es einem wie beim Betrachten eines späten Rothkos, nur 
umgekehrt: Je länger und genauer man hinsieht, je akribischer dieser 
Intendant gegen jenen Festspieldirektor, angeschimmelte 
Ausstellungsstücke hier gegen schlecht ins Licht gerückte Exponate dort 
aufgerechnet und dergestalt die eine beste, liebenswerteste, 
attraktivste Stadt Deutschlands mit der anderen verglichen wird, desto 
mehr ermüden die Augen, stellt sich der Blick auf unscharf. Was 
vorgestern billige und gestern szenige Wohngegend war, ertrinkt heute im 
allgegenwärtigen Milchschaum der Latte-Macchiato-Economy. Das gilt für 
Hamburg, München und Castrop-Rauxel gleichermaßen.

»Passt scho« – die seltsame Mischung aus Gottergebenheit und Trotz

Und, ach ja, die Subkultur: Wer will denn heute noch Subkultur sein? Ist 
das nicht längst renditeträchtiges Label der Konzerne geworden und nur 
nebenbei noch peinliche Dauerrechtfertigung erfolgloser 
Performancekünstler? Seufzt nicht der einst so sexy-subversive 
Blumenbar-Verlag erleichtert auf, jetzt, wo ein Investor gefunden ist? 
Ist man dort etwa nicht stolz auf seine Rainer-Langhans-Biografie und 
andere 
Alte-Säcke-halten-sich-noch-mal-richtig-für-Rock’-n’-Roll-Erinnerungsliteratur?

Was am Ende bleibt, sind Farben, Lichter. Menschen, die sich überlagern 
und zu Flächen verschwimmen, in denen es wie hinter Gaze leuchtet und 
wimmelt; Bilder, die alles einen, in denen man mit etwas Glück erkennt, 
wo man gerade steht. Vielleicht sogar, wer man eigentlich ist. Denn im 
Grunde sind Städte natürlich wie ohnehin alles um einen herum bloß 
Spiegel. Man sieht in ihnen, was man in ihnen sehen will. Niemand 
beobachtet eine bereits vorhandene Stadt, sondern formt sie in dem 
Moment, in dem sie mit einer bestimmten Erwartung betrachtet wird. Der 
Betrachter schafft das Ereignis, nicht umgekehrt. Oder, wie es am 
Denkmal des Biedermannes beim Seehaus im Englischen Garten heißt: »Der 
Staub vergeht, der Geist besteht.«

Mit diesem Spruch versuche ich auch Schiller bei meiner Rückkehr ins 
Hotel zu beeindrucken. Ohne den geringsten Erfolg. Nach einer halben 
Stunde bittet mich das Personal, den Dichter in Ruhe zu lassen. Man rät 
mir zu Weißbier, ich wirke etwas angespannt. Der Rat ist gut.

Und plötzlich begreife ich, warum München als soziokulturelle 
Wellness-Zone unter den europäischen Metropolen gilt: Das hat nichts zu 
tun mit der sprichwörtlichen bayerischen Gemütlichkeit. Auch nichts mit 
der unvergleichlichen Art, mit der man sich hier Probleme vom Hals hält. 
Es ist diese seltsame Mischung aus Gottergebenheit und pubertärem Trotz, 
dieses bockig gequäkte »Passt scho«, das einen, abgepolstert von 
Restalkohol und Föhn, durch die Straßen einer Stadt trägt, die Toleranz 
und Weltoffenheit vorgibt, sich aber, wenn’s drauf ankommt, gern hinter 
einer Urigkeit verschanzt, die seit je als Rechtfertigung für 
Unbeweglichkeit herhalten muss. Dann ist München ein beleidigtes Kind, 
das mit vorgeschobener Unterlippe »Mir san eben mir« nölt. Man möchte es 
in den Arm nehmen. Richtig böse sein kann man ihm nicht. Auch, wenn man 
es hier und da gern watschen tät.

Das letzte Wort, freilich, gehört dem Kini, dessen Stein gewordene 
Persönlichkeitsstörung bis heute als Schloss Neuschwanstein besichtigt 
werden kann: »Oh, es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, 
solch poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte 
Zeit, in der wir leben, vergessen kann.« Allein für diesen Satz schon 
muss man die Stadt lieben, die ihren Märchenkönig liebt, der vor allem 
sich selbst liebte und Leute, die er nicht lieben durfte, weil er es 
versäumte, sich zu Homosexualität und Autoerotik zu bekennen, und 
deswegen fett wurde wie Elvis in seinen letzten Jahren und am Ende 
geistig verwirrt und tot im seichten Wasser des Starnberger Sees lag.

Da stell ich mich lieber wieder mit meiner Fahne in den Elbwind und lass 
mich anständig durchpusten.

Stefan Beuse, geboren 1967



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