[echo] Interview mit Schorsch Kamerun

cornelia sollfrank cornelia at artwarez.org
Fri Apr 18 18:26:11 CEST 2008


"Eine profunde Analyse der aktuellen politischen Situation in  
Hamburgvon einem brillianten Denker!"



taz, 18.04.2008

"Kompromisse können okay sein"

Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen, über sein Unbehagen  
an Schwarz-Grün in Hamburg - und veränderte Aussichten für  
alternative Lebensentwürfe.

"Man sollte die Chance haben, ein anderes Leben führen zu dürfen":  
Schorsch Kamerun    Foto: dpa

Herr Kamerun, Hamburg war mal eine Bastion der Linken, nun gibt es  
Schwarz/Grün?

Schorsch Kamerun: Anscheinend wächst da was zusammen, was zusammen  
wachsen will.

Und zwar was?

Etwas, das mal eine Alternative aufgemacht hat und jetzt miteinander  
kooperiert. Eben nicht mehr "anders sein" will.

Konflikte wie um den Bauwagenplatz "Bambule" im Jahr 2003 liegen  
nicht weit zurück. Andererseits ist ihre alte Hamburger Punkszene  
längst im Schauspielhaus angekommen.

Es gibt dazu ein Lied von unserer Band, das den umgekehrten Weg  
beschreibt: Der Bürgermeister auf dem Tocotronic-Konzert.

Was meint das?

Auch so ein Bürgermeister will sich mal woanders zeigen, da es da  
eine gewisse Attraktivität gibt. Das wäre zu einer früheren Zeit  
nicht möglich gewesen. Tocotronic steht ja schon für eine bewusste  
Verweigerung - ihr letztes Album heißt "Kapitulation". Die  
Verweigerung will man bewusst ausleben, wofür Hamburg auch stand.  
Spätestens seit New Labour konnte man international Premierminister  
und Präsidenten an der Guitarre oder am Saxofon sehen.

Sie kamen als junger Punk in den 80ern nach Hamburg. Wie haben Sie  
und die Stadt sich mittlerweile verändert?

Nehmen wir nur die Kultur: Heute bin ich für subventionierte Kunst.  
Das sah ich früher anders. Wir brauchen einen Gegenpart zu den  
Privatisierungstendenzen. Auch der Kiez hat irgendwann verstanden,  
sich mit dem Image des Alternativen zu verkaufen. Daran haben auch  
wir einen gewissen Anteil.

Inwiefern?

Wir sind in die Gebiete gegangen, wo man erstmal nicht hinging. In  
die Hafengegend, auf der Suche nach Freiräumen. Unser Club, der  
Golden Pudel Club, versucht bis heute, kein Image oder marktkonforme  
Lebensidee zu verkaufen. Wir haben dabei auch etwas begehbar gemacht,  
ähnlich wie in den Londoner Docks oder im New York Village. Der  
Pudelclub ist dennoch bis heute ein Symbol für die unabhängige Szene.  
Das steht für etwas anderes als diese Werbeagenturen oder Hafencity- 
Leute, die jetzt über den Stadteil hereinbrechen und die Räume  
verteuern.

Sind das die Bösen?

Naja, zumindest haben die in aller Regel kein Interesse an einem  
anderem Leben.

Dieses anders Lebenwollen, hat sich das nicht überholt?

Mag sein. Ich bin aber dafür, dass man wenigstens die Chance haben  
sollte, ein anderes Leben führen zu dürfen. Das wird gerade komplett  
aufgegeben.

Schwarz-Grün wird in Hamburg eine sechsjährige gemeinsame  
Grundschulzeit einführen, auch schlecht?

Manche Kompromisse können ja okay sein. Mir geht es aber vor allem  
darum, gewisse Dinge, die man sich erkämpft hat, dass die erhalten  
bleiben. Sicher. das Leben ist sehr komplex. Die Grätsche, keine  
Frage. Alles ist Verhandlung. Aber nehmen wir ein anderes Beispiel:  
Theater sollten eigentlich unabhängig bleiben von ökonomischen  
Einflüssen, sich nicht von Banken unterstützen lassen.

Warum das denn?

Als Band Die Goldenen Zitronen waren wir immer dagegen, zu einer  
großen Plattenfirma zu gehen. Weil die noch andere Sachen, mit denen  
wir nicht einverstanden sind. Andere haben gesagt: Wir gehen dahin  
und unterstützen dann andere Projekte. Ich finde, das stinkt. Man  
braucht eine gewisse konsequente Haltung. Ob die sich immer einlöst,  
steht auf einem anderen Papier.

Muss man nicht gewisse Widersprüche aushalten können?

Das stimmt. Es geht mir ja auch nicht um Aussteigerei.

Um was dann?

Dass man in bestimmten Gebieten als Minderheit kulturell auch  
weiterhin die Oberhand behält und nicht von den jetzt angelockten  
Geldkräften leichthin verdrängt wird.

Sie fordern das Dorf in der Stadt, die Unbeweglichkeit?

Ich verteidige bestimmte Ideale, die man auch altmodisch nennen kann.

Das Prinzip des Urbanen ist ständige Durchmischung, Bewegung,  
umziehen...

Aber bitte nicht auf Kosten ökonomischer Verdrängung. Da find ichs  
ganz okay zu sagen: Ihr kommt hier nicht rein.

Gegen die Gentrifizierung dürften die Grünen in der Regierung ein  
dämpfender Faktor sein, oder?

Sie werden viellicht auch gute Dinge erreichen. Aber die Frage ist  
immer die nach dem Preis. Im Pudelsclub haben wir an Wochenende das  
Problem mit den Ottifanten und Werner-Graffities sprühenden Leuten.  
Was machen wir jetzt? Preise erhöhen? Am Besten wäre Webern-Opern am  
Abend spielen.

Und wenn statt der Ottifanten die Banker kommen?

Es gibt nur sehr wenige Banker die in Discotheken gehen, um dort nach  
Webern zu tanzen.

INTERVIEW: ANDREAS FANIZADEH



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