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Sun Apr 20 21:34:34 CEST 2008
Unternehmen
Schreck der Konzerne
Mit seiner Umzugsfirma ist Klaus Zapf Millionär geworden. Jetzt klopft
er den Topmanagern auf die Finger – als Profikläger gegen
Aktiengesellschaften
Klaus Zapf sitzt wie verabredet auf einer Bank an Gleis vier des
Berliner Hauptbahnhofs und wartet. Er trägt einen Parka, darunter eine
Fleecejacke, auf der »Zapf-Umzüge« steht, und lehmige Schuhe. Er achtet
nicht darauf, wer da aus dem Zug steigt. Wer ihn finden will, soll ihn
suchen. Man könnte ihn für einen Obdachlosen halten. Tatsächlich ist
Klaus Zapf mit seinem Umzugsunternehmen Millionär geworden.
Mittlerweile hat er sich aus dem Geschäft zurückgezogen – und verklagt
stattdessen Aktiengesellschaften. Die Zeitungen nennen ihn einen
Berufskläger, manchmal wird er in der Nähe der räuberischen Erpressung
gerückt. Er selbst spricht von Selbstachtung und Gerechtigkeit.
Im Oktober 2007 hat ihn das Landgericht Frankfurt wegen
Rechtsmissbrauchs zu Schadensersatz verurteilt. Für einen Vergleich mit
der Firma Nanoinvests hatte Zapf unverhältnismäßig viele Aktien
gefordert. »Er hat sich dumm erwischen lassen«, sagen Fachleute dazu.
Normalerweise betreibt er das Klagegewerbe eleganter.
»Ich verklag eh jeden«, sagt Klaus Zapf, als er sieht, wie das Tonband
zur Dokumentation des Gesprächs angestellt wird. Er sagt das mit dem
Pokergesicht, das er die ganze Zeit über behalten wird, auch dann, wenn
man an den Tisch zurückkehrt und er in der Zwischenzeit ein paar
Schokoriegel auf den Teller gelegt hat. »Die bekomme ich von der Bahn
geschenkt – ich bin bei denen Goldkunde«, sagt er und kaut Kaugummi dabei.
Es ist schwierig, aus Klaus Zapf schlau zu werden, und ebendas scheint
sein großes Anliegen zu sein.
Klaus Zapf hat die Altana verklagt, Windsor, Senator, Axel Springer,
AXA, Intertainment, Karmann, die Bremer Wollkämmerei und diverse andere
Aktiengesellschaften. »Ums Fressen«, sagt Klaus Zapf, gehe es ihm dabei
nicht. Das aber bezweifeln all jene, die ihn zu den Berufsklägern
rechnen. Das dahinterstehende Geschäftsmodell ist denkbar einfach: Jeder
Aktionär kann Entscheidungen seiner Aktiengesellschaft anfechten,
unabhängig davon, wie viele Aktien er besitzt. Sobald er Klage
einreicht, verzögert er damit die Eintragung der Beschlüsse ins
Handelsregister – erst mit der aber werden sie wirksam.
Um diese Verzögerung, zum Beispiel bei einer anstehenden Kapitalerhöhung
oder bei einer Fusion, zu vermeiden, einigen sich die betroffenen
Unternehmen oft mit den Klägern auf einen Vergleich. Da der Streitwert
meist sehr hoch angesetzt wird, ist auch das Honorar der klagenden
Anwälte entsprechend üppig.
»Man muss schon treuherzig sein«, sagt der Rechtswissenschaftler Theodor
Baums von der Universität Frankfurt, um anzunehmen, dass sich die
Berufskläger dieses Geld nicht mit den Anwälten teilten. Nachzuweisen
sei das natürlich nicht. Baums stützt sich bei seinem Vorwurf vor allem
darauf, dass eine überdurchschnittlich hohe Zahl dieser Prozesse,
nämlich rund 97 Prozent, mit Vergleichen zwischen den beiden Parteien
enden. Zapf dagegen sagt, dass der Gewinn, der dabei für ihn
herausspringt, lediglich ein Nebeneffekt sei.
Zapf ist bei Weitem nicht der einzige Berufskläger in Deutschland. Baums
hat in einer Studie zum Klagegewerbe mehr als 40 Personen ausfindig
gemacht, die seiner Ansicht nach nur deshalb Aktiengesellschaften
verklagen, um sich zu bereichern.
»Natürlich lasse ich mir nicht die Butter vom Brot nehmen«
Klaus Zapf steht nach Baums’ Berechnung mit 15 Klagen zwischen 2005 und
2007 an zehnter Stelle unter den Berufsprozessierern. Das allein erklärt
noch nicht das große Interesse an ihm. Zapf nennt es
»Entertainmentzirkus«, und der lebt vor allem von seinem
unkonventionellen Werdegang: Klaus Emil Heinrich Zapf, der aus
Württemberg stammt, bricht ein Jurastudium in Berlin ab und gründet,
führerscheinlos, wie er ist, 1977 ein Umzugsunternehmen, das
jahrzehntelang als Kollektiv arbeitet und sich zum Marktführer
hocharbeitet. Heute hat die Zapf Umzüge AG 13 Niederlassungen in
Deutschland, über 1.000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von rund 40
Millionen Euro.
Zapf ist vor sieben Jahren aus der Geschäftsführung ausgeschieden und
nur noch Teilhaber, aber Privatier, so findet er, sei die falsche
Bezeichnung für ihn. Ein »räuberischer Erpresser«, wie die Berufskläger
auch genannt werden, sei er genauso wenig. »Natürlich lasse ich mir die
Butter nicht vom Brot nehmen.« Aber eigentlich und vor allem gehe es ihm
um etwa anderes. Er wolle den Wirtschaftseliten zeigen, dass sie sich
nicht alles auf Kosten der anderen erlauben können. Er redet sich in
Rage, und man ist geneigt, ihm zu glauben. Nicht dass das Geld für ihn
keine Rolle spielt. Aber dass es nicht sein einziges Motiv ist.
Klaus Zapf spricht gern und vehement über die Verantwortung der
Vorstände und die Feigheit, mit der sie sich davor drückten. Er beklagt
die Kleinmütigkeit der Politiker, wenn es darum gehe, die
Wirtschaftseliten in ihre Grenzen zu weisen, weil sie eigentlich selbst
dazugehören wollten. Aber wenn er über seine eigene soziale
Verantwortung spricht – und Spenden vor allem als ein Herumdoktern an
Verfehlungen der Politik versteht–, dann klingt er trotz seiner
Vergangenheit als Kandidat der Berliner Alternativen Liste wie ein
wertkonservativer Unternehmer. »Soziale Verantwortung«, sagt er,
»bedeutet, dass ich niemanden übervorteile, dass ich die Interessen der
Kunden, der Mitarbeiter und meine eigenen zusammenbringe.« Aber
natürlich, wird der Unternehmenssprecher später beteuern, engagiere sich
Zapf sozial, mehr als andere Unternehmen. Zahlen könne er leider nicht
nennen.
Folgt man Klaus Zapf, fällt die Geschichte seines Unternehmens in zwei
Teile: in die Zeit vor der Wende, als man angesichts der Subventionen
und Abschreibungsmöglichkeiten in West-Berlin »alles falsch machen
konnte und trotzdem Geld verdiente«. Das war eine Zeit, als bei Zapf vor
allem solche arbeiteten, die sich »die Selbstverwirklichung auf die
Fahnen geschrieben hatten«, wie er ganz ohne Ironie sagt. Weltreisende
und Studienabbrecher, sehr individuell und »schlecht zu führen«.
Erfolgreich war das Unternehmen dennoch oder gerade deshalb: weil es den
Kunden »angenehme Leute« schickte und weil es »nicht beschissen hat«.
Trotzdem sah er sich nach der Wende angesichts der neu hinzugekommenen
Konkurrenz zu etwas gezwungen, was er heute »Umstrukturierungen« nennt.
Es ist das erste Mal im Gespräch, dass er eine solche schwammige
Managervokabel benutzt. Diese Umstrukturierungen bedeuteten, dass er das
Beteiligungsmodell für die Belegschaft abschaffte und dass er neues
Personal einstellte, das belastbarer war als die Weltverbesserer. Für
Bernd Lind vom Berliner Landesverband ver.di ist die Firma heute »ein
Unternehmen wie jedes andere auch«. Die Löhne seien auf dem Stand von
vor drei Jahren, und viele der Mitarbeiter seien mittlerweile in der
Gewerkschaft organisiert, um die eigenen Rechte durchzusetzen. Früher
sei der Lohn einmal übertariflich gewesen, dafür der Urlaub
untertariflich. Unterm Strich, so glaubt jedenfalls Lind, wären die
Mitarbeiter schon damals mit Tarif besser gefahren. Aber der
Gewerkschafter räumt auch ein: »Aus politischer Sicht war die Idee von
Zapf klasse, und er ist nicht ohne Grund zum Vorzeigeunternehmer der
Linken geworden.« Nur dass es nie gut sei, wenn man als Arbeitnehmer vom
guten Willen des Arbeitgebers abhänge. Auch nicht in einem Kommunebetrieb.
Seine zweite Firma heißt Pomoschnik Rabotajet – »Der Helfer arbeitet«
Zapfs Werdegang ist ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche
Unternehmerbiografie. Und doch richtet sich der Zorn dieses Unternehmers
gegen die Wirtschaftseliten, die »selbst ernannten Leuchttürme«, wie er
sagt. Gegen die rennt er, der abgebrochene Jurastudent, juristisch an,
sobald er glaubt, dass sie ihre Grenzen überschreiten.
Er hat dazu eigens eine Firma gegründet mit dem bemerkenswerten Namen
Pomoschnik Rabotajet, zu Deutsch »Der Helfer arbeitet«. Sie soll, so
beschreibt er ziemlich vage, »wirtschaftliche Ziele verfolgen«, und zwar
in einem »Kreis von sechs Leuten in wechselnder Zusammensetzung«.
Gemeint sind andere Berufskläger. Die Aufgabenfelder: »Dazu gehören auch
Einsprüche, Feststellungsklagen – und Strafanzeigen wegen Untreue und
Betrug, wenn mir jemand auf den Sack geht.«
Das geschah unter anderem bei dem Pharma- und Chemiekonzern Altana,
dessen Vorstand es in Zapfs Augen versäumt hatte, ausreichend in die
Medikamentenentwicklung zu investieren, und die Pharmasparte schließlich
verkaufte. Während die Großaktionärin Susanne Klatten ihren Anteil der
Ausschüttung steuerfrei verbuchen konnte, weil sie die Aktien in eine
Beteiligungsgesellschaft eingebracht hatte, mussten die Kleinaktionäre
ihren versteuern. Daraufhin kritisierte auch der Schutzverband der
Kapitalanleger (SdK), der Verkauf sei auf die Bedürfnisse von Susanne
Klatten zugeschnitten gewesen. Zapf klagte, doch die Klage wurde
abgewiesen. Dessen ungeachtet, musste sich der Vorstand von Altana vor
dem Landgericht Frankfurt verantworten.
Die meisten Fachleute sehen wenig Produktives in der Klagefreude von
Menschen wie Klaus Zapf. Theodor Baums erwartet eine weitere
Verschärfung des UMAG, des Gesetzes zur Unternehmensintegrität und
Modernisierung des Anfechtungsrechts von 2005, das in der jetzigen
Fassung nicht recht greift.
Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung Wertpapierbesitz
(DSW), gesteht Zapf und seinesgleichen zumindest zu, »dass sie in der
Regel durchaus auch etwas für die anderen Aktionäre herausholen, zum
Beispiel zusätzliche Informationen für alle«. Aber auch er sieht im
Gefolge der Klagewelle eine »Unterhöhlung« der Anfechtungsklage. Klaus
Zapf beirrt das nicht. Den Einspruch gegen seine Verurteilung durch das
Landgericht Frankfurt hat er längst eingelegt.
Wozu betreibt er diesen Aufwand? Wenn man Klaus Zapf ansieht, weiß man
nicht recht, was dieser Millionär mit seinem Geld anfängt. Journalisten
erzählt er, dass er auf einer Matratze auf dem Boden schlafe und dass
auch seine Frau – von der er gern berichtet, dass er sie über eine
Kontaktanzeige »Millionär gesucht« kennengelernt hat – mittlerweile
erkannt habe, dass drei Pelzmäntel mehr als genug seien.
»Geld ist das nächste Äquivalent zur Macht«, sagt Zapf, und von dort ist
es nicht weit zu der Geschichte aus seiner Schulzeit, als die Lehrer
immer nur die Kinder der Armen schlugen. »Ich bin sehr christlich
erzogen«, sagt Zapf. »Aber an das Gute im Menschen glaube ich nicht.«
Trotzdem spricht Zapf über die kleinen Leute mit einer Wärme, die seine
lakonische Pose gefährdet. Zumindest über diejenigen, die mit
Bierflasche – »aber nicht das Elendstrinken von heute« – und
Bild-Zeitung am Küchentisch beim Umzug auf ihn warteten. Er erzählt von
den immer zahlreicher werdenden Pfandflaschensammlern. Erst heute morgen
hat er einem von ihnen eine Flasche abgegeben, er selbst sammelt seit
Jahren.
DIE ZEIT, 17.04.2008 Nr. 17 Friederike Gräff
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