[echo] Das Ende der Tabus

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Tue Apr 22 10:50:26 CEST 2008



Debatte über neue Kunstprojekte
Das Ende der Tabus

Kunst darf alles. Doch jetzt gibt es zwei Grenzfälle: Ein 
Konzeptkünstler, der einen Freiwilligen sucht, der öffentlich sterben 
will. Eine Kunststudentin, die sich künstlich befruchten ließ, hat 
abgetrieben - das abgegangene Gewebe will sie in einer Ausstellung 
zeigen. Es bleibt mehr als ein schaler Nachgeschmack.

Kunst darf alles. Doch jetzt gibt es zwei Grenzfälle: Ein 
Konzeptkünstler, der einen Freiwilligen sucht, der öffentlich sterben 
will. Eine Kunststudentin, die sich künstlich befruchten ließ, hat 
abgetrieben - das abgegangene Gewebe will sie in einer Ausstellung 
zeigen. Es bleibt mehr als ein schaler Nachgeschmack.

Die Frage, was Kunst darf, ist längst beantwortet - alles. Sie darf in 
ihrer Ästhetik gefallen und begeistern; sie darf mit ihren Tabubrüchen 
provozieren und verstören.

Dabei gibt es eine klare Grenze für die Kunst: Wird die Ästhetik zum 
Selbstzweck, handelt es sich um Kitsch. Ob aber der Bruch von Tabus neue 
Freiräume für die Gesellschaft erobert oder ob dies lediglich dem 
Spektakel dient, ist längst nicht so eindeutig definiert.

Zwei aktuelle Grenzfälle zeigen dies. In Deutschland sucht der 
Konzeptkünstler Gregor Schneider einen Freiwilligen, der innerhalb eines 
Kunstprojektes öffentlich sterben will. In Amerika verkündet die 
Kunststudentin Aliza Shvarts, sie habe sich für ihre Abschlussarbeit an 
der Universität Yale mehrere Male künstlich befruchten lassen und dann 
mit Hilfe von Medikamenten abgetrieben.

Das angeblich abgegangene Blut und Gewebe will Shvarts in einer 
Ausstellung zeigen. Die beiden Künstler mischen sich mit ihren Projekten 
in Debatten ein, die den jeweiligen Kontinent polarisieren: Wie sterben 
wir würdig? Und wie gehen wir mit dem ungeborenen Leben um? Und doch 
hinterlassen die beiden Fälle einen schalen Nachgeschmack.

Die Kunst bewegt sich dabei heute in einem ganz anderen Umfeld als 
früher. Die Avantgarde des 20. Jahrhunderts musste sich noch neue 
Freiräume erobern, während die Kunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor 
allem provoziert.

So bewegte sich Arnold Schönberg noch in einem Umfeld, das die Grenzen 
der Kunst und der Gesellschaft nach den engen Maßstäben des 19. 
Jahrhunderts festlegte, als er ab 1921 mit der Zwölftonmusik die 
bisherigen Hörgewohnheiten in Frage stellte. Das gleiche gilt für den 
Franzosen Marcel Duchamp, der Alltagsgegenstände zu Kunst erklärte und 
unter anderem ein Urinal zu einer Skulptur umfunktionierte.

Zu Beginn des 21. Jahrhundertes muss die Kunst keine solchen 
ästhetischen und gesellschaftlichen Grenzen mehr überwinden. Im 
Gegenteil. Kunst existiert heute in einer Medienlandschaft, die 
innerhalb kürzester Zeit jede neue Form der Avantgarde vereinnahmt, um 
damit die Reiz- und Hemmschwellen eines Massenpublikums zu erreichen.

Als der amerikanische Bildhauer Jeff Koons 1990 gemeinsam mit der 
italienischen Pornodarstellerin Ilona "Cicciolina" Staller 
Geschlechtsakte inszenierte, war das Medienecho längst der wichtigste 
Teil der Inszenierung.

Letztlich bedient sich die Provokationskunst nur der Show-Effekte. Die 
Künstler erobern damit keine neuen Freiräume, sondern schaffen nur 
Nervenkitzel. Wenn sich diese Nervenkitzel aus den Themen aktueller 
Diskurse bedienen, fordern sie keine Debatten ein.

Und sie wollen auch nicht zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung 
beitragen. Stattdessen provozieren sie lediglich die kurzfristige 
Reaktion anderer heraus, vor allem von Politik und Medien.

Das bekannteste Beispiele sind die religiösen Provokationen, die die 
Kunst in den letzten Jahren hervorgebracht hat. So versah Chris Ofili 
bei der "Sensation"- Ausstellung 1999 in New York ein Madonnenbild mit 
Elefantendung und Pornoschnipseln; er lieferte damit lediglich das 
Material, mit dem Bürgermeister Rudy Giulianis anschließend den 
Kulturbetrieb attackierte.

Ähnlich erging es Hans Neuenfels, als er Mozarts Oper "Idomeneo" an der 
Deutschen Oper in Berlin inszenierte. Er krönte die Vorführung mit den 
abgeschlagenen Köpfen von vier großen Religionsstiftern, zu denen auch 
Mohammed zählte. Damit bediente Neuenfels lediglich eine reaktionäre 
Debatte über den Sinn des Theaters.

Während Aliza Shvarts in Yale ankündigt, den Ausfluss ihrer Fehlgeburten 
auszustellen, feiert in Deutschland die Fernsehmoderatorin Charlotte 
Roche mit den Fäkalphantasien ihres Buches "Feuchtgebiete" Erfolge.

Roche hat mit "Feuchtgebiete" das literarische Äquivalent zu jenem 
giftgrünen Spielzeugglibber namens "Slime" geliefert, den sich 
Volksschüler mit entzücktem Ekel gegenseitig auf die Schulbank klatschen.

Und während Gregor Schneider mit dem Moment des Todes die letzte Grenze 
der Kunst erobern will, kokettiert Popstar Madonna mit einem der letzten 
Tabus der Gesellschaft. "Hard Candy" heißt ihr neues Album, das diese 
Woche erscheint. Ihre deutsche Plattenfirma behauptet zwar, mit dem 
Titel spiele Madonna auf Süßigkeiten an, denn sie liebe Süßes.

Doch beherrscht kein Popstar die Kunst der Provokation so perfekt wie 
Madonna. Hard candy ist im amerikanischen Slang nämlich der Begriff für 
minderjährige Lustobjekte im Internet. Madonnas Flirt mit der 
Kinderpornographie schafft genau jenen Nervenkitzel, der eine 
konservative Reaktion herausfordert - und die entsprechenden Schlagzeilen.

Selbst wenn man den Provokationskünstlern ehrenwerte Absichten 
unterstellt, werden sie in einem Medienumfeld, in dem die gezielte 
Provokation längst zum PR-Konzept gehört, wenig erreichen. 
Abtreibungsgegner werden den Ekelfaktor in Shvartzs’ Arbeit 
instrumentalisieren. Schneiders Projekt wird die Debatte um würdigen Tod 
und Sterbehilfe nur noch weiter polarisieren. Das aber begünstigt nur 
den gesellschaftlichen Rückschlag, niemals ihren Fortschritt.

(SZ vom 21.4.2008/lala/dmo)
		
		





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