[echo] Die Endkunst-Ente [v2]

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Wed Apr 23 09:38:07 CEST 2008



Das Feuilleton schafft sich einen Gregor Schneider-Skandal

Die Endkunst-Ente

Es nahm sich aus wie ein Aprilscherz, wenn auch ein selbst für britische 
Verhältnisse recht geschmackloser. In seiner April-Ausgabe hatte das 
britische „Art Newspaper“ gemeldet, der deutsche Künstler Gregor 
Schneider wolle in einer Performance im Krefelder Museum Haus Lange eine 
reale Person sterben lassen. Die Pathologin Roswitha Franziska 
Vandieken, die in Düsseldorf ein Hospiz betreibe, wolle ihm dabei 
behilflich sein, einen Freiwilligen zu finden, der vor Publikum sterben 
wolle. Diese Meldung schlug mit einiger Verzögerung gewaltige mediale 
Wellen, vor allem seit sich die Bild-Zeitung des Themas annahm. Der 
Berliner Kurier titelte am vergangenen Samstag zum Thema gar: „Rentner 
stirbt in Zelle“, hat den Text aber offenbar bereits aus dem 
Online-Archiv gelöscht.

Der vermeintliche Gastgeber der Endkunst-Nummer weiß allerdings von 
nichts. Martin Hentschel, Leiter der Krefelder Museen, zu denen die 
Mies-van-der-Rohe-Villa Haus Lange gehört, stellt klar: „Wir stehen für 
den Akt nicht zur Verfügung.“ Er habe davon selbst erst aus den Medien 
erfahren, denn „Gregor Schneider hat mit mir bisher nicht gesprochen.“ 
Er  ist sichtlich verärgert über die negative Publicity, die sein Haus 
in kurzer Zeit zum zweiten Mal in die Schlagzeilen bringt, nachdem sich 
gerade erst die öffentliche Erregung über den Abzug der Sammlung Lauffs 
aus seinem Hause gelegt hatte: „Ich bin nicht verantwortlich für die 
Gedanken eines Künstlers, mit dem ich nichts zu tun habe.“

Die Düsseldorfer Pathologin, der das „Art Newspaper“ bizarrer Weise den 
Betrieb einer Klinik unterstellt, ist ebenfalls befremdet. Zwar kennt 
Vandieken den Künstler seit vielen Jahren und bestätigt Gespräche mit 
ihm über das Thema: „Ich habe über diese Thematik mit Herrn Schneider 
auf philosophischer Ebene diskutiert. Das haben wir auch schon vor zehn 
Jahren getan. Allerdings war nie die Rede davon, dass Herr Schneider 
einen Sterbenden ausstellen wolle.“ Es sei immer um bereits Gestorbene 
gegangen. Am meisten setzt sie sich gegen die auch in seriösen 
Feuilletons kolportierte Unterstellung zur Wehr, sie hätte zugestimmt, 
einen Freiwilligen für die Aktion zu finden. Das sei auch ziemlich 
absurd. Schließlich habe sie keinen Patientenverkehr. „Ich betreibe 
keine Klinik. Ich bin Pathologin“, stellt sie klar.

Fast konnte man in den vergangenen Tagen den Eindruck gewinnen, die 
Kulturredaktionen hielten deshalb noch mehrere Wochen nach dem 
Erscheinen der ursprünglichen Meldung in London an der Legende vom 
musealisierten Sterben fest, weil die Überbietung der Tabubrüche zu 
einem so beherrschenden Thema im zeitgenössischen Kunstbetrieb geworden 
ist. Von Schneiders eigenen Auseinandersetzungen mit dem Tod einmal 
abgesehen, bieten diamantenbesetzte Schädel oder in Formalin eingelegte 
Tierkadaver eben jene dauernd zu steigernde Grenzüberschreitung, auf die 
sich das sensationslüsterne Publikum stürzt wie auf eine spektakuläre 
Varieté-Darbietung. Da mag die Pathologin noch so sehr darauf beharren, 
es sei rein theoretisch darüber philosophiert worden, ob der Kunst ein 
Leichnam zur Verfügung gestellt werden könne. Das Feuilleton malte sich 
bereits mit unbeirrbarer Lust am Entsetzen die Agonie eines imaginierten 
Probanden aus und beschreibt das Museum als Hospiz für Voyeure.

Schneider selbst zeigt sich glaubhaft überrascht von dem Echo und der 
Aggressivität, die die Angelegenheit hervorgerufen hat. Er habe bereits 
eine Morddrohung erhalten, in Internetforen sei ihm nahegelegt worden, 
sich zu erhängen, und ein Mann habe angekündigt, ihm den neuen 
Lebensgefährten seiner Ex-Freundin zur Verfügung zu stellen. Schneider 
gibt an, er habe tatsächlich mit dem „Art Newspaper“ gesprochen. Sein 
Plan sehe allerdings etwas anders aus. Er habe einen Raum aus dem Museum 
Haus Lange nachgebaut, der jetzt in seinem eigenen Haus stehe und 
transportabel sei. Über seine Beschäftigung mit dem Tod und den 
Möglichkeiten einer künstlerischen Umsetzung habe er schon seit 1996 mit 
verschiedenen Leuten gesprochen, die ihm zum Teil auch behilflich sein 
wollten. Er sieht sich selbst nicht als Krawallnudel, die nur mit einem 
Tabuthema die Öffentlichkeit sucht. „Der eigentliche Skandal ist, wie 
wir heute in der Realität sterben müssen.“ An dieser Stelle musste 
Schneider das Telefongespräch abbrechen, weil er den Eindruck hatte, 
dass draußen jemand sein Auto kaputtmache.

Am Ende ist alles eine Frage der Zeit. Je mehr das moralische 
Räsonnement seine vorsichtigen Bedenken sammelt, desto wahrscheinlicher 
scheint, dass der nun in die Welt gesetzte Gedanke nur noch auf seine 
Realisierung wartet. Spektakelkunst erzeugt Spektakel. Santiago Sierras 
ethische Tabubrüche etwa lassen erwarten, dass sich schon bald ein 
Auftraggeber, ein Künstler und ein Museum finden werden, die das 
Unnötige verwirklichen, weil es möglich ist. Die Kunst steht dem 
Medienbetrieb bereits sehr nahe. Daran gemessen war die reflexhafte 
Erregung der Presse aufschlussreicher als Schneiders lautes Denken selbst.

artnet / Stefan Kobel 21.04.



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