[echo] Blurred Edges und Hamburger Musikförderung; FAZ 24.04.08
jens röhm
j.roehm at hamburg.de
Thu Apr 24 14:36:31 CEST 2008
Am liebsten umsonst
Warten auf Fördergelder lohnt sich nicht. In Hamburg erwacht die Neue
Musik ganz unabhängig zum Leben. Das Festival "Blurred Edges" beweist
es.
Hamburg ist nicht gerade bekannt für seine Neue-Musik-Szene. Dass diese
Szene aber sehr wohl existiert und zudem recht vital ist, zeigt das
Festival "Blurred Edges". Ins Leben gerufen wurde es vom "Verband für
aktuelle Musik in Hamburg" (VAMH), der im Jahr 2004 als Reaktion auf
die Sparmaßnahmen der Stadt entstand. "Die Förderung der freien
Musikszene Hamburg ist im Prinzip aufgegeben", hatte der Musikreferent
der Kulturbehörde, Helmut Tschache, im Jahr zuvor gesagt. Die Gelder
für freie Musikprojekte wurden fast ausnahmslos gestrichen und bis
heute nicht wieder aufgestockt. Standen in den neunziger Jahren noch
550 000 Mark Projektmittel für die freie E-Musik zur Verfügung, so sind
es nach Angaben des VAMH im Jahr 2008 nur noch 50 000 Euro - und davon
wiederum geht nur ein Bruchteil an die Neue Musik. Die Hansestadt werde
zur kulturellen Provinz verkommen, lautete die Befürchtung der Künstler
und Veranstalter. Besonders um den Stand der Neuen Musik machte man
sich Sorgen - zu Recht, wie sich zeigen sollte. "Viele Musiker wie der
Improvisationskünstler Burkhard Beins oder das Ensemble ,La pour la'
haben Hamburg inzwischen verlassen und sind anderswo bekannter",
bedauert Heiner Metzger, Gründungsmitglied des VAMH. Die Künstler, die
geblieben sind, klagen über schlechte Infrastruktur und mangelnde
Räumlichkeiten.
Immerhin haben sie nun mit dem Verband eine Lobby, die zusehens stärker
wird. "Wir werden endlich auch von der Stadt wahrgenommen", so die
Komponistin und Klangkünstlerin Dodo Schielein, die den Verband
mitbegründete. Mit dem Festival "Blurred Edges", das nun bereits im
dritten Jahr vor allem ansässigen Künstlern ein Forum bietet, kommt
merklich Bewegung in das Musikleben Hamburgs. Trotz des geringen
Budgets - der deutsche Musikrat stellte 5000 Euro zur Verfügung -
stehen in diesem Jahr immerhin fünfzig Konzerte auf dem Programm. Auch
muss das Festival trotz fehlender Mittel auf bekannte Protagonisten
nicht verzichten. "Wir haben das Glück, dass viele Künstler für uns
sogar umsonst spielen", sagt Schielein. Mit Christian Wolff konnte der
einzige noch lebende Komponist der amerikanischen Künstlergruppe um
John Cage für mehrere Veranstaltungen in der Altonaer Christianskirche
gewonnen werden. Hier präsentierte er sein neues Stück "Metal und
Breath" mit dem Ensemble TonArt und gemeinsam mit John Tilbury Werke
für Klavier.
Die Besonderheit des Festivals sind aber nicht die auswärtigen
Künstler, sondern die Einsichten in die vitale, aber sonst versteckte
Hamburger Alltagskultur, die hier verdichtet wiedergegeben wird.
"Blurred Edges" kommt dabei ohne künstlerische Leitung aus. "Der
Verband für neue Musik ist nicht Kurator sondern Koordinator", so der
Improvisationskünstler Metzger. Als Organisationsbasis dient die ihrem
Wesen nach demokratische und billige Struktur des Internets. Die
Veranstalter sind für ihre Konzerte selbst verantwortlich und richten
diese in Kirchen, Ateliers, Theatern und vor allem Clubs überall in der
Stadt aus. Dabei öffnet sich das Festival auch für die U-Musik und
vereint komponierte Musik, Improvisation und Elektronik mit
Avantgarde-Rock, Punkkonzerten und DJing. Wie der Titel schon sagt,
verschwimmen bei "Blurred Edges" die Ränder der zeitgenössischen Musik,
fließen die Genres ineinander.
In der "Astra-Stube", einem kleinen, angesagten Club unter einer
S-Bahnbrücke, wird sonst überwiegen Rockmusik gespielt. Im Rahmen des
Festivals traf hier die neue, elektronische Musik von Malte Steiner,
alias "Notstandskomitee" auf eine kanadischen Band, die sich mit ihrer
experimentellen Popmusik weit abseits von der E-Musik bewegt. In der
verschwitzten Atmosphäre des winzigen Konzertraumes animierte "Trike"
mit ihrer wahnwitzigen Bühnenshow das Publikum sogar zum Tanzen. Durch
Veranstaltungen wie diese, in denen verschiedene Sparten
gleichberechtigt nebeneinander stehen, erreicht das Festival auch ein
Publikum, das sonst den Kontakt zur E-Musik scheut - sie nun aber in
ihren vertrauten Clubs und in Verbindung mit Bands aus der Rock- und
Popmusik begeistert aufnimmt.
Die Konzertreihe, die Michael Petermann mit seinem Künstlerverbund
"Weißer Rausch" präsentiert, entsprechen durchaus den Erwartungen an
Neue-Musik-Veranstaltungen. Ungewöhnlich ist allerdings der Ort: Ein
riesiger Bunker an der Hamburger Feldstraße. Schlecht beleuchtete Gänge
führen zu dem Atelier im vierten Stock, in dem Petermann schon seit
einigen Jahren die Reihe "Bunkerrauschen" ausrichtet. Der Raum ist
wider Erwarten hell. Durch die Fenster beobachtet man das Treiben des
"Doms", des großen Hamburger Volksfestes und sieht die Kabinen des
Riesenrads vorbeiziehen. Doch kein Laut dringt durch die meterdicken
Wände herein. Stattdessen erklingt Bach. Petermann spielt das
Wohltemperierte Klavier auf dem Nachbau eines historischen Cembalos. In
Steve Reichs "Electric Counterpoint" greifen der Klang dieses
Intruments und die zuvor eingespielten elektronische Samplings so stark
ineinander, dass sie kaum mehr zu unterscheiden sind. Auch Petermanns
zahlreiche Veranstaltungen kommen ohne Unterstützung der Stadt aus.
"Ich bemühe mich schon lange nicht mehr um Fördergelder", sagt
Petermann, "Das lohnt sich nicht".
Festivals für neue Musik hatten in Hamburg bislang geringe Lebensdauer:
Das "Hamburger Musikfest" fiel ebenso dem Rotstift zum Opfer wie das
"Real Time Music Meeting" für improvisierte Musik. Das "Ausklang
Festival" in der "Hörbar" ist ohne den früheren Zuschuss geschrumpft.
Diesem Schicksal will "Blurred Edges" durch seine dezentrale Struktur
entgehen. Außerdem kann es auf Gelder des neu geschaffenen bundesweiten
"Netzwerk Neue Musik" hoffen. Sein Fortbestand ist zu wünschen, ist es
doch Beweis für die Vielfalt und Lebendigkeit der freien Hamburger
Musikszene. ANNIKA MÜLLER
Text: F.A.Z., 24.04.2008, Nr. 96 / Seite 36
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