[echo] "Ich komme aus einer anderen Welt"

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Wed Apr 30 09:04:34 CEST 2008


Die junge Chefredakteurin der "Westfälischen Rundschau"
"Ich komme aus einer anderen Welt"

Kathrin Lenzer ist seit Januar Chefredakteurin der Westfälischen 
Rundschau. Sie will Veränderung, Modernisierung. Ihrem Team ist sie 
fremd geblieben.

Kathrin Lenzer hat sich noch nicht richtig eingerichtet in ihrem neuen 
Büro. "Ich kann Ihnen im Moment nichts anbieten, was auf meine 
Persönlichkeit schließen ließe", sagt sie. Der Schreibtisch kommt raus, 
eine neue Sitzecke wird herangeschafft, die Bilder werden ausgetauscht, 
und einen anderen Schreibtischstuhl wird sie auch kriegen. Rot wird der 
sein, knallrot. Wie das Logo der Westfälischen Rundschau (WR), und ein 
bisschen wie die Gesinnung, die das Haus durchweht, in dem die Zeitung 
untergebracht ist.

Dortmund, Brüderweg 9. Die WR ist ein Regionalblatt mit 
sozialdemokratischer Tradition, die SPD-Medienholding DDVG ist noch 
immer mit 13,1 Prozent an ihr beteiligt. Die alten Möbel werden zum 
Monatsanfang abgeholt, man könnte das Ganze also unter das schöne 
Arbeiterkampfmotto "Heraus zum 1. Mai" stellen, es könnte alles 
wunderbar passen in der Beziehung zwischen Kathrin Lenzer und der 
Zeitung, deren Chefredakteurin sie seit Anfang des Jahres ist.

Aber es passt nicht wunderbar. Der Journalismus, gerade im Printbereich, 
ist immer noch eine Männerwelt. Frau Lenzer, 36, wusste, dass es schon 
deshalb nicht leicht werden würde. Aber es ist alles noch komplizierter. 
Sie war vorher Ressortleiterin bei der Rheinischen Post. Die Rheinische 
Post ist konservativ und sitzt im schicken Düsseldorf. Die WR ist eher 
rot und sitzt im eher grauen Dortmund. Kathrin Lenzer ist die Tochter 
von Christian Lenzer, früher Bundestagsabgeordneter der CDU. Sie war 
Stipendiatin der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Bei der Rheinischen Post war der eher konservative Ulrich Reitz ihr Fan 
und Förderer, inzwischen ist Reitz Chefredakteur der WAZ. Weil die WR 
zur Essener WAZ-Gruppe gehört, hatte Kathrin Lenzer gleich mit einem 
Verdacht zu leben, den sie für ein Vorurteil hält. Sie sei das U-Boot 
von Reitz. Die WR-Leute wollen aber keine U-Boote der WAZ in ihrem Laden 
haben, sie wollen eine eigenständige Zeitung bleiben. Die WR-Leute sind 
stolze Dortmunder, die sich nicht von Essen aus lenken lassen wollen. 
Kathrin Lenzer hat eine Chance bekommen, als sie den Job übernommen hat. 
Und sie hat sich eine Menge aufgeladen. Sie spürt jetzt dieses Gewicht.

Mann, Frau, Angorakaninchen

Kathrin Lenzer trägt eine Löwenmähne, ist sehr dünn und redet manchmal 
wie eine Mischung aus Managerin und MTV-Moderatorin, gesetzt und 
schnoddrig zugleich. Gelegentlich baut sie Vergleiche oder Beobachtungen 
aus dem ergiebigen Fundus des Tierreichs ein. "Am Ende des Tages 
interessiert es mich nicht, wen ich vor mir habe, Mann, Frau, 
Angorakaninchen. Mich interessiert, ob jemand seine Arbeit gut macht."

Sie verfügt über eine ziemlich lässige Stimme, die nach den Zigaretten 
klingt, die sie auch während des Gesprächs raucht. Lord extra, und wenn 
keine Lord extra zur Hand ist, kann es auch eine Kim sein. Beides 
Marken, die ihre große Zeit erlebt haben, als es noch Partykeller gab 
und bei Borussia Dortmund Kostedde, Lippens und Burgsmüller im Angriff 
spielten. Sie raucht diese alten Zigaretten und spricht von einer neuen 
Zeit und einer neuen Zeitung, einer WR, die eine moderne, aktivierende 
Heimatzeitung sein soll. Das bedeutet: Raus gehen zum Leser, 
Podiumsdiskussionen machen, die jungen Leute an die Zeitung binden und 
sie nicht dem Internet überlassen.

Man kann den Jugendlichen Fotoapparate in die Hand drücken, damit sie 
ihre Lieblingsplätze in der Stadt fotografieren; man kann Plätze 
schaffen in der Zeitung für diese Fotos. Sie hat jede Menge Projekte 
angeschoben, seit sie da ist, sagt sie; eine Jugendredaktion soll 
aufgebaut werden, nur ein Beispiel. Sie raucht und erzählt, 
zwischendurch holt sie ein großes Schaubild, auf dem das sehr heterogene 
Verbreitungsgebiet der WR in farbige Flächen eingeteilt ist. Da ist es 
ländlich, da städtisch. Siegen ist anders als Halver. Sie besucht 
deshalb die Lokalredaktionen und hört sich an, wo ein Schlupfloch sein 
könnte, durch das man das jeweilige Publikum noch besser erreichen kann 
als bisher.

Das fehlende Schlupfloch

Manchmal braucht man aber auch erstmal ein Schlupfloch, durch das man 
die Redakteure erreichen kann; manchmal findet man so eins nicht, oder 
nicht sofort. "Die meisten Leute bei der Westfälischen Rundschau haben 
hier als freier Mitarbeiter gearbeitet, haben bei der Westfälischen 
Rundschau volontiert, sind schließlich bei der Westfälischen Rundschau 
Redakteur geworden. Sie sind Westfälische Rundschau. Ich komme aus einer 
anderen Welt, ich kenne andere Regeln, habe beim Fernsehen andere 
kennengelernt als bei der Zeitung, und bei den Buchprojekten wieder ganz 
andere als bei Radio und Agenturen."

Auf der nächsten Seite: Warum nicht alles Gold ist was glänzt - und 
warum Kathrin Lenzer im eigenen Haus fremd bleibt.

Stallgeruch ist auch so ein schönes sozialdemokratisch geerdetes Wort. 
Es gehört zum Gesamtproblem, dass ihr sowas wie Stallgeruch fehlt. 
Kathrin Lenzer glaubt, dass man dem Projekt "Lenzer + WR" Zeit lassen 
sollte, und manchmal klingt sie dabei wie ein Wissenschaftler, der 
beobachtet, wie im Reagenzglas zwei Substanzen aufeinander wirken. In 
Wirklichkeit sitzt sie in diesem Reagenzglas, ihre Person und ihre 
Arbeit rufen Reaktionen hervor und setzen Kräfte frei.

Die Journalisten, die im Ruhrgebiet traditionell bestens vernetzt sind, 
erzählen sich derzeit gern von einer Betriebsversammlung beim WR, bei 
der es kürzlich ordentlich zur Sache gegangen sei. WAZ-Geschäftsführer 
Bodo Hombach war zugegen, die Tribüne war sozusagen prominent besetzt, 
als in der Arena, die ein Konferenzsaal war, die junge Chefredakteurin 
von Teilen ihrer Redaktionsmannschaft kritisiert worden ist. Wobei die 
Schilderung, wie groß der kritisierende Teil der Mannschaft war, je nach 
Zeuge differiert, wogegen man verlässlich davon ausgehen kann, dass die 
Kritik als solche eher lautstark als verbindlich war.

"Die Stimmung war schlecht"

Es hatte sich etwas aufgebaut. Lenzer sei zu drastisch in ihrer 
Ansprache, Lenzer gewichte Themen falsch, Lenzer trete als schreibende 
Chefredakteurin nicht in Erscheinung. Auch in dem Zusammenhang würde das 
ausdeutbare Arbeiterkampfmotto "Heraus zum 1. Mai" gut passen, als 
Ausdruck des Wunsches eines Teils der Belegschaft, die Chefin möge sich 
alsbald verabschieden.

"Bei der Betriebsversammlung war die Stimmung schlecht, auf jeden Fall", 
sagt Kathrin Lenzer, die immerhin Stellung bezieht; in dieser Situation 
hatten ihr manche im Verlag davon abgeraten. Dass sie keinen Mut habe, 
kann man ihr nicht vorwerfen. "Da sind viele Dinge gelaufen, die ich als 
nicht in Ordnung empfinde. Wir hatten abgemacht, dass man über Dinge 
spricht und sie zu lösen versucht, bevor es hochkocht." Es kochte dann 
aber einiges über, wobei Kathrin Lenzer die Kritiker nicht als 
erschlagende Masse wahrnimmt, sondern differenzierter auf das große 
Ganze schaut. "Es gibt eine Gruppe, mit der es Kommunikationsprobleme 
gibt. Weil wir unterschiedlicher Ansicht darüber sind, was die Stärken 
einer Regionalzeitung ausmachen."

Sie will in der nahen und weiteren Umgebung stark sein. "Ich bekenne 
mich klar zum Lokalen. Wir sind eine Regionalzeitung." Ihr Vorgänger 
allerdings war Klaus Schrotthofer, der inzwischen die Zeitungsgruppe 
Thüringen leitet, auch sie gehört zum verzweigten Imperium der WAZ. Der 
Mensch Schrotthofer wird als angenehm beschrieben, der Journalist 
Schrotthofer hat einiges zuwege gebracht, unter anderem war er Sprecher 
des Bundespräsidenten Rau.

Kein Geschenk

Als WR-Chef schrieb er kluge Leitartikel, die eigene Schreibkunst ist 
immer das eleganteste Mittel für Chefredakteure, traditionell grummelige 
Redakteure halbwegs in Stimmung zu halten. Der Glanz der Vormanns 
strahlt irgendwie auch auf sie über. Saß Schrotthofer als Vertreter der 
WR im Presseclub oder in einer anderen Fernsehsendung, machte er neben 
den Kollegen der großen überregionalen Blätter eine tadellose, eindeutig 
überregionale Figur. Die WR war gefühlt mehr als eine Regionalzeitung. 
Es ist kein Geschenk, einem wie Schrotthofer zu folgen.

Einer der prominentesten Fernsehauftritte von Kathrin Lenzer war ein 
Besuch in der MTV-Show von Sarah Kuttner, wo sie über die Verheißungen 
und das Elend des Erwachsenwerdens reden durfte. Sie hat ein Buch zum 
Thema geschrieben mit dem Titel "30 - und wie weiter?" Eine Frage, die 
inzwischen irgendwie auch drängend über ihrem Wirken bei der Zeitung steht.

Kathrin Lenzer versucht gerade, das alles durchzustehen. Sie sieht 
Entwicklungen. Man gewöhne sich aneinander. Sie will sich auch ändern. 
"Es wird die Zeiten geben, in denen ich selbst schreibe. Im Moment 
möchte ich ausschließlich organisatorisch und inhaltlich anschieben, 
step by step." Sie sagt aber auch: "Der Leitartikel ist wichtig, aber es 
ist nicht die wichtigste Maßnahme, um Leser zu gewinnen." Sie überlegt 
und sagt dann, das sei jetzt nicht auf Schrotthofer gemünzt: "Aber 
wieviel Leser gewinne ich mit einem Auftritt im Presseclub?"

Schöne Idee

Sie will nah am Leser sein, deshalb nimmt sie auch Leserbriefe auf die 
Seite eins. "Das ist ein klares Signal: Die Lesermeinung ist auch eine 
Meinung, die mir wichtig ist. Da werden Positionen bezogen zu großen 
Themen, die eine ganz eigene Farbe reinbringen." Es ist eine schöne 
Idee. Vorm Pokalfinale schreibt aber zum Beispiel der Leser Bernd K. aus 
Altena auf der Seite 1 der WR über den Dortmunder Fußballer Sebastian 
Kehl. "Mit solchen Spielern wird der BVB noch über Jahre dahindümpeln."

Wenn man eine Idee an der Realität misst, verliert sie viel Zauber. Der 
BVB Borussia hat das Pokalfinale verloren, vor den Augen von Kathrin 
Lenzer, die in Berlin im Stadion war. Zum anschließenden Bankett des BVB 
war sie eingeladen, erschien aber nicht. Sowas kommt nicht gut an in 
Dortmund, beim Verein war man irritiert. Kathrin Lenzer hatte Gründe, 
nicht dahinzugehen, vielleicht hätte sie diese Gründe besser 
kommunizieren müssen. Beim nächsten Pokalfinale wird sie das anders 
machen. Vielleicht schenkt der BVB ihr die Gelegenheit.

(SZ vom 30.04.2008/ehr) Von Holger Gertz

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wenn sich in der hamburger presselandschaft nichts ändert, wird halt mal 
über andere berichtet. einen feinen tanz in den mai.



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