[echo] Der Diktator als Kurator

2og at gmx.net 2og at gmx.net
Fri Aug 1 19:43:36 CEST 2008


Der Diktator als Kurator

Er wollte die Crème de la Crème europäischer Kunst in Linz versammeln: Mit 
teilweise unrechtmäßig erworbenen Gemälden plante Adolf Hitler die Eröffnung 
eines Kunstmuseums. Zur Ausstellung kam es nie - jetzt ist die Sammlung des 
Diktators erstmals im Internet zu sehen.

Ob er von Anfang an auf Kunstraub bei Eroberungszügen hoffte? Nur wenige Wochen 
vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, im Juni 1939, rief Adolf Hitler den 
"Sonderauftrag Linz" ins Leben. Nach dem geplanten "Endsieg" wollte der "Führer" 
ein opulentes Kunstmuseum in seiner Lieblingsstadt Linz im "angeschlossenen" 
Österreich errichten. Es sollte Werke der großen Meister des 15. bis 19. 
Jahrhunderts aus Deutschland, Italien und Holland in einem Prachtbau zeigen.

Mehr als ein Dutzend Rembrandt-Bilder, zwei Vermeers, Gemälde von Rubens, 
Watteau und Canaletto: Die gesammelten Kunstobjekte Hitlers, darunter auch 
Tapisserien, Skulpturen und Möbel, zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) 
jetzt im Internet. Insgesamt 4731 Fotos stellten Forscher in zweijähriger Arbeit 
ins Online-Archiv, dazu gibt es Daten zu Vorbesitzern und Verbleib.

"Bei der Gestaltung hätte Hitler das letzte Wort gehabt"

Das Thema Raubkunst spielt für das Berliner Inventar eine zentrale Rolle. Denn 
bei vielen Werken konnte bis heute nicht geklärt werden, ob sie unrechtmäßig 
erworben wurden oder durch Enteignung jüdischer Besitzer oder Zwangsverkäufe in 
die Sammlung gelangten. "Selbst wenn ein Kunstwerk offiziell gekauft wurde, ist 
nicht sicher, dass das legal war", sagt Monika Flacke, Sammlungsleiterin des 
DHM. Denn die Forscher vermuten, dass auch unrechtmäßig durch die Gestapo 
beschlagnahmte Werke über den Umweg Kunsthandel in die Linzer Sammlung 
gelangten. Da Hitlers Museumsmacher die Gemälde offiziell auf dem Markt 
erwarben, konnten so möglicherweise illegale Quellen verschleiert werden. Jetzt 
soll die Präsentation im Internet auch ein wertvolles Hilfsmittel für die 
Herkunftsforschung werden.

Dem Online-Projekt kommt zugute, dass die Amerikaner nach Kriegsende knapp 
40.000 beschlagnahmte Kunstwerke auf Karteikarten archivierten, darunter auch 
die Kandidaten für Hitlers Prestigeprojekt an der Donau. Schon zuvor hatten die 
Mitarbeiter von Dr. Hans Posse, der als Leiter der Gemäldegalerie Dresden unter 
Hitler für den "Sonderauftrag Linz" verantwortlich war, mit großer Genauigkeit 
die Werke katalogisiert und fotografiert.

Schließlich sollte der "Führer" zunächst anhand der Abbildungen entscheiden, 
welche Werke er tatsächlich im Museum zeigen wollte. "Bei der Gestaltung und 
Hängung hätte Hitler das letzte Wort gehabt", sagt Historiker Hanns Christian 
Löhr. Für sein Buch "Das braune Haus der Kunst - Hitler und der 'Sonderauftrag 
Linz'" sichtete er das Archivmaterial aus dem Bundesarchiv, das nun der 
Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Forscherstreit um den Umfang der Sammlung

Das Forscherteam des DHM brachte nun erstmals Karteikarten und Fotos mit Hilfe 
der historischen Inventarnummern zusammen. Zwar sind die Werke heute in ganz 
Europa in staatlichen und privaten Sammlungen verstreut, doch zumindest online 
ist "nach Aktenstand von 2008 die Sammlung des Sonderauftrages Linz komplett", 
sagt Flacke. "Das ist eine kleine Sensation."

Dem widerspricht die österreichische Forscherin Birgit Schwarz, Autorin des 
Buches "Hitlers Museum", das die Pläne eines "Führermuseums" in Linz 
dokumentiert. "Posse schätzte, dass es allein in Österreich 1500 Objekte gab, 
die zum Inventar des Führermuseums gehörten", sagt sie. Dabei habe es sich zum 
Großteil um Raubkunst aus jüdischen Sammlungen in Wien gehandelt, doch diese 
Gemälde, Porzellanteller, Münzen und Kleinskulpturen seien von den deutschen 
Forschern nicht erfasst worden. Auch in Frankreich und Polen habe es noch Werke 
gegeben, die sich nicht in dem Inventar wiederfänden. Löhr entgegnet darauf, 
dass man nur das präsentiere, von dem man mit Sicherheit wisse, dass es in der 
Auswahl für Linz war. Dass es noch weitere Werke gebe, will er nicht ausschließen.

Mit einem Budget von 130 Millionen Reichsmark (zum Vergleich: Der 
durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters lag damals bei etwa 150 Reichsmark) 
hatte Hitler große Pläne für sein "Führermuseum" in Linz. Er selbst war bei der 
Aufnahmeprüfung der Wiener Kunstakademie gescheitert, hatte als 
Postkartenzeichner gearbeitet. Später ließ ihn seine Kunstleidenschaft keine 
Kosten und Mühen scheuen, um in die Fußstapfen seines Sammlervorbilds Ludwigs I. 
zu treten.

Nur das Beste war gut genug

Viele der für die Kunstobjekte bezahlten Beträge übertrafen sogar die damals 
üblichen Preise. Für manchen Kunsthändler wurde das Linzer Projekt dadurch zum 
finanziellen Glücksfall. "Hitler wollte einfach von allem das Beste haben", sagt 
Löhr. Der teuerste Erwerb war Vermeers berühmtes Gemälde "Der Maler in seinem 
Atelier", das damals schon 1,5 Millionen Reichsmark kostete. Ein weiterer 
Vermeer mit dem Titel "Astronom" kam als Beutekunst aus der Pariser 
Rothschild-Sammlung dazu. Wäre die Linzer Sammlung je realisiert worden - sie 
wäre für Löhr in der "Premier League der europäischen Museen" gewesen.

Hitler mochte die Romantik sowie Münchner und Wiener Malerei des 19. 
Jahrhunderts, bevorzugte ländliche Idylldarstellungen gegenüber der Sozialkritik 
zeitgenössischer Werke. Knapp 800 Bilder befanden sich in seiner Privatsammlung, 
der Basis für das Linzer Großprojekt. Trotzdem vertraute er nicht nur seinem 
eigenen Geschmack, als er den Experten Posse für Linz einsetzte. "Als der 
Kunstkenner Posse die Leitung übernahm, gewann die Sammlung an kunsthistorischer 
Relevanz", sagt DHM-Sammlungsleiterin Flacke. Der Architekt Albert Speer schrieb 
später in seinen Erinnerungen, dass Posse entsetzt gewesen sei, als Hitler ihm 
die Bilder seiner eigenen Sammlung gezeigt habe - so dilettantisch war die 
Auswahl des Diktators.

Ein Großteil der von den Nazis beschlagnahmten Bilder konnte mittlerweile den 
rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden. Doch in Deutschland, Frankreich und 
den Niederlanden bleiben noch manche Fälle ungeklärt. "Meine Vermutung ist, dass 
in den Beständen, die heute noch in staatlichem Besitz sind, der Anteil 
unrechtmäßig erworbener Kunst bei etwa zehn Prozent liegt", sagt Historiker Löhr.

Ende des Jahres wird er mit seinen Mitarbeitern auch die mehr als 70.000 
Karteikarten und Fotos des amerikanischen Central Collecting Point ins Netz 
stellen. Darauf ist Raubkunst archiviert, die die Alliierten 1944 ins 
Salzbergwerk von Altaussee im Salzkammergut brachten. Vieles davon - doch bei 
weitem nicht alles - konnte bisher restituiert werden. Vielleicht kann so das 
Internet helfen, ein paar Erben der Opfer von Hitlers Sammelwut zu entschädigen.

Stephan Orth/spiegel-online


p.s. gibt es eigentlich für die ölschinken im maritimen museum eine 
herkunftsliste? wäre ja was für die sektion wissenschaftl. beirat - die es ja 
nicht wirklich gibt! aber wollen wir mal nicht stänkern, jetzt ist wochenende, 
die blaue lampe angeknipst und einmal austern-pommes bitte

;)


More information about the echo mailing list